Filmkritik: Marvels Black Widow kommt zu spät. Aber ist das schlimm?

Noch einmal mit Gefühl.

Der Text ist frei von Spoilern, die über das hinausgehen, was aus den Trailern bekannt ist.

Ja, dieser Film hätte früher kommen müssen. Gerne direkt nach Captain America: Civil War, wo seine Handlung auch einsetzt. Denn tatsächlich ist das jetzt schon ein ganz schönes Chaos, will man die vielen, vielen neuen Erkenntnisse über Natasha Romanoffs Schwarze Witwe in den eigenen Wissenshorizont über die Figur integrieren. Es landet emotional einfach nicht so, wie es könnte, und viel der Spannung, wie es ausgeht, hat Endgame schon vor zwei Jahren vorweggenommen.

Dennoch muss gesagt sein: Das hier ist ein guter Film. Insbesondere die angenehm an The Americans gemahnende Eröffnung macht vom Fleck weg neugierig und weckt nicht zu knapp Sympathie für den Hauptcharakter. Wir wussten immer, dass es schlimm gewesen sein muss für sie. Aber es ist in Wirklichkeit noch viel schlimmer. Und das ist dann auch die Triebfeder für einen Film, der es trotz der vielen Action-Szenen hinbekommt, noch recht charaktergetrieben zu sein und der oft und gern das Tempo rausnimmt.

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Ein gelungener Film, aber deutlich zu spät dran.

Es geht also darum, ein und für allemal den Red Room zu vernichten, wozu Natasha sich ihrer Vergangenheit stellen muss. Die nimmt im Großen und Ganzen die Form dreier sehenswerter MCU-Neuzugänge an: Rachel Weisz (Der Ewige Gärtner, Die Mumie) als Melina, David Harbour (Stranger Things, Newsroom) als Red Guardian und vor allem die allgegenwärtige Florence Pugh (Midsommar, Little Women, Fighting with my Family) als Yelena Belova - aber viel mehr will ich dazu eigentlich nicht sagen, außer dass die Figuren gut miteinander harmonieren und die Schauspieler viel Spaß an der Sache haben.

Insgesamt nimmt der Film mit offenem Visier das Thema "mächtige Männer, die sich Frauen zu Werkzeugen machen" aufs Korn, ohne aber wirklich einen Lösungsansatz zu liefern. Das ist zwar aktuell und hier letztlich auch durchaus kathartisch umgesetzt, hat aber mehr mit "avenging" zu tun als mit Gedanken, wie man derartige Missbrauchsmechanismen zukünftig aushebelt. Aber vielleicht lese ich auch zu viel in einen Marvel-Streifen hinein. Erzählerisch funktioniert es in jedem Fall - reduziert genug ist es immerhin.

Gleichzeitig muss ich sagen: Ich liebe Ray Winstone eigentlich, aber dass er abermals den Bösewicht gibt, ist wenig originell und hat schon beinahe was von Selbstpersiflage. Aber das kann auch nur meine Wahrnehmung sein. Immerhin ist der Taskmaster toll umgesetzt, auch wenn Comic-Puristen inhaltlich ein paar Probleme mit ihm haben dürften. Ich hätte von ihm gerne mehr gesehen.

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Der Red Guardian ist vielleicht ein wenig zu sehr als 'Comic Relief' aufgezogen, wenn man bedenkt, wie er zu Natasha steht.

Was am Ende dabei herauskommt, fügt sich ohne große Mühe ins obere Mittelfeld des MCU ein. Etwas nordwärts von Captain Marvel und Doctor Strange, allein schon, weil ich mich hieran länger erinnern werde. Aber hier wäre auch Potenzial gewesen, einem Winter Soldier Konkurrenz zu machen. Und das passiert einfach nicht. Schuld daran sind einige Szenen, die durchaus straffer sein könnten, manche hätte man besser gleich gestrichen und die eine oder andere untergräbt eigentlich emotionale Momente mit ein wenig zu viel Humor. Der verunsichert dann, wie man sich in dem Moment eigentlich fühlen sollte und wie die Figuren wirklich zueinander stehen.

Und während mir die Kampfszenen und einige der frühen Action-Momente exzellent gefielen, wird am Ende ein bisschen zu viel vor Explosionen davongelaufen und der Physik auf letztlich alberne Weise getrotzt. Nicht ganz so albern wie in Black Panther am Schluss. Aber beinahe. Ich bin sicher, bei der nächsten Sichtung der alten Marvel-Filme werden mir auch ein paar Kontinuitätsprobleme auffallen. So finden wir zum Beispiel endlich raus, was wirklich in Budapest passierte - und sind dann nicht mehr sicher, warum Natasha es für angemessen hält, im ersten Avengers Scherze darüber zu machen. Wenn ihr es seht, wisst ihr, was ich meine. Ein unnötiger Flüchtigkeitsfehler der Autoren.

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Weicht in Sachen Geschichte vom Comic stark ab - nicht aber in seinen Kräften und Kampfstil: Der Taskmaster.

Ansonsten: Ja, das hier ist trotzdem ein guter Film, mit Drive an den wichtigen Stellen. Weil der Einsatz hoch genug ist und eine Hauptfigur zur Abwechslung mal emotional in die Lösung des Problems investiert sein darf, geht man selbst auch ein bisschen mehr mit. Und weil die Action vor allem zu Beginn exzellent choreografiert ist - die Verfolgungsjagd in Budapest gipfelt in einem der schönsten Crashes der letzten Jahre -, hatte ich hiermit großen Spaß. Nur, warum wir diesen Film nicht schon viel früher haben konnten, das will mir nach der Sichtung noch weniger in den Kopf als vorher.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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