Folge eins von Falcon and the Winter Soldier ist alles, was ich mir erhofft hatte - Serienkritiker

War schön mit dir Wanda! Aber jetzt geht es richtig los.

Vorab: Es gibt keine Spoiler zu Plot-Details in dieser Kritik zur ersten Folge Falcon and the Winter Soldier. Alles, was eine Überraschung sein soll, wird auch nach der Lektüre dieses Textes eine bleiben. Der grobe Handlungsrahmen dieser einleitenden Episode wird allerdings sehr wohl angerissen.

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Ok, also... kurz durchpusten, denn ich will zugleich vorsichtig sein, hier nicht zu sehr in Superlative zu verfallen und gleichzeitig meiner Begeisterung, für das, was da gerade 43 Minuten lang auf meinem Fernseher passierte, auch herausbrüllen. Denn Falcon and the Winter Soldier war genau das, was ich mir von dieser Serie erhofft hatte. Eigentlich war es sogar mehr, denn die Trailer versprachen eine Buddy-Cop (Buddy-Hero?) Geschichte mit Kino-Effekten. Diese Umschreibung verkauft aber - so gut das für viele von uns auch sicher klingen mag - Falcon and the Winter Soldier, wie sie sich in Folge eins präsentieren, deutlich unter Wert.

Vielleicht kommt mein Bedürfnis, das hier ein wenig hochzujubeln, auch daher, dass ich aus der einen oder anderen Reaktion bisher den Tenor herauslas, die Serie sei einfach nur unterhaltsame Standardware nach dem Format der Kinofilme. Aber ich denke, so etwas kann man im Grunde nur schreiben, wenn man gerade Wandavision zuende geschaut hat und sich für die Charaktere des MCU und den Stand des Universums allgemein ansonsten nicht so wahnsinnig interessiert.

Klar, die eröffnende Action-Sequenz war dermaßen gut und sah sowas von nach "mehr, mehr, mehr!" aus, dass man die Parallelen zu den Kinostreifen fast automatisch zieht. Und die sind eben von "Mittelmaß, das man der Vollständigkeit halber schaut und sich später nur an das erinnert, was aufs Universum abfärbt", bis hin zu drei, vier echten Blockbuster-Klassikern qualitativ enorm breit gefächert. Bei der Einschätzung der neuen Folge einfach in die Mitte dieses Spektrums zu zielen und auf das einfallsreichere Setup von Wandavision zu verweisen, liegt da beinahe nahe. Dabei unterschlägt man aber, was die Pilotfolge noch hinbekommt, was alleine durchs neue Episodenformat und den verschobenen Fokus auf zwei Randfiguren möglich wurde.

Zunächst einmal kriegen sie es hin, Falcon als unfassbaren Badass aufzuziehen, und das nicht nur, weil die mächtigeren Helden nicht hier sind, um ihm die Schau zu stehlen. Sieht man die ausgedehnte Action-Sequenz am Anfang, will man einfach mehr von Sams Skills sehen. Da steckt mehr drin als "er kann fliegen" - und dass er ebenso wie Iron Man die Technik dazu braucht, verleiht ihm dennoch eine gute Portion Erdung.

Ebenso gelingt es der Pilotfolge wahnsinnig gut, die Folgen der Rückkehr der halben Weltbevölkerung nach fünf Jahren Abwesenheit zu beleuchten. Nicht, dass man sie großartig sähe, aber die Auswirkungen sind spürbar: wachsende wirtschaftliche Probleme der Ärmsten, gesellschaftliche Spaltung, zerfallene Allianzen, das Ende der amerikanischen Symbolkraft - man kommt nicht umhin, das auch ein wenig als Parallele auf das Ende der (hoffentlich ersten und letzten) Trump-Ära zu begreifen und dass wir dabei nah an Anthony Mackies Falcon sind, dessen Familie in New Orleans eine Fischerei betreibt, bugsiert die Serie nah an die Schwierigkeiten der weniger privilegierten Bevölkerung heran.

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Das andere Kunststück: Bucky Barnes, den Ex-Winter-Soldier, endlich mal angemessen emotional zu unterfüttern. Im Kino war er eine der kompliziertesten Figuren, es wunderte deshalb nicht, dass es in den Ensemblefilmen keinen rechten Platz gab, seinen inneren Kampf mit seiner finsteren, von seinen Gegnern geschmiedeten Vergangenheit ein wenig auszuwälzen. Aber es schmerzte doch. Ich schob das lange auf Sebastian Stan, den viele gerne als jungen Luke Skywalker in anderen Disney-Projekten sähen (mit den richtigen Haaren passt das tatsächlich), dem ich nicht so viel zutraute.

In der ersten Folge macht er aber wahnsinnig viel richtig, bekommt einige der besten Dialogzeilen - vor allem mit seiner schnippischen Therapeutin - und spielt charismatisch brodelnd einen gemarterten und aus der Zeit gefallenen Anti-Helden, der seinen Platz in der modernen Welt sucht. Man hofft das Beste, ahnt irgendwie nichts Gutes für ihn. Man will wirklich wissen, wie es mit ihm weitergeht. Ganz stark.

Ich mochte Wandavision sehr - aber immer weniger, je weiter die Serie fortschritt -, aber ich fand es vor allem am Ende sehr gehetzt. Wanda schauten wir in erster Linie zu, rätselten zwar mit ihr und um sie herum, aber schauten selten wirklich in sie hinein. Gut, das war Teil des Rätsels, das die Grundlage der Serie bildete. Aber am Ende war mir nicht zu 100 Prozent klar, wie sie sich wohl fühlen muss oder was ich darüber empfinden sollte. Die Situation war einfach so ungreifbar. Wie eigentlich immer, wenn Magie im Spiel ist und man sich nicht im Klaren ist, was real ist - und zu wie viel Prozent.

Sicher, die Probleme von Wilson und Barnes sind weltlicher, aber auch nur zur Hälfte wirklich gewöhnlich und letzten Endes unmittelbarer nachfühlbar. Wandavisions zentrale Frage - "was macht man mit seinem Schmerz?" - wird nur auf der Metaebene wirklich spürbar an den Zuschauer weitergereicht. Alle Antworten, die die Serie auf dem Weg zum Finale gibt, entfliehen nur immer weiter unserem Bezugsrahmen als normale Menschen.

Falcon and the Winter Soldier packt auch neben der Fortsetzung des World-Building nach dem zweiten Fingerschnippen sehr viele Themen an und gibt jedem einzelnen so viel Raum zum Atmen, dass der eröffnende Action-Aspekt, trotz allem Pomp und tatsächlichen "Holy-Shit!"-Ausrufen auf meiner Couch, nach einer packenden und überraschend charaktergetriebenen Dreiviertelstunde total in den Hintergrund trat: Was macht man mit vererbter Verantwortung, wenn man die Schuhe zu groß und den Schild zu schwer findet? Wie wichtig sind Symbole für die Gesellschaft? Wie findet man Anschluss an Menschen, wenn man Angst hat, anderen die Wahrheit über sich zu erzählen? Welche Dinge kann man wiedergutmachen?

Das ist gutes, bodenständiges Drama-Material, das sich gekonnt in den Dienst stellt, diesem Universum mehr Textur und seinen Figuren mehr Profil zu verleihen. Ich hoffe inständig, dass es haargenau so weitergeht und es später nicht in reines Krachbummpeng (schlagt das gerne nach!) ausartet. Aber selbst wenn es so wäre - schon bis hierhin hätten James Buchanan Barnes und Sam Wilson mehr Charakterentwicklung bekommen als in allen bisherigen Filmen zusammen.

Ich bin so begeistert von dieser neuen Serie, wie man nach der ersten Folge nur sein kann. Mal schauen, ob sie das Niveau halten können.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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