Ghostrunner Test: Cyberninjas halten einfach nichts aus

Die tausend Leben des einsamen Kriegers.

Ghostrunner Test. DAS ist echtes Videospiel. Ich hatte Ghostrunner unterschätzt. Bah, ein weiterer Cyberpunk-Trittbrettfahrer, ein wenig mit Shadow Warrior gekreuzt, öde. Und dann kamen die ersten drei Gegner. Ungefähr sechs Minuten in das Spiel rein. Das ist der Moment, in dem ihr lernt, was Ghostrunner für ein Spiel ist, aus welcher Nische es kommt und dass es sich in dieser Pudelwohl fühlt. Es ist das Dark Souls der... nein, keine Sorge, ich werde es nicht sagen, das "DS der Irgendwas" ist zu abgedroschen. Aber es ist definitiv etwas, etwas richtig Gutes!

Im Grunde lässt es sich mit der Art von Spiel vergleichen, die Super Meatboy populär gemacht hat. Schnell sterben, schnell zurückgesetzt werden, die Runde noch mal, diesmal hoffentlich besser. Ihr seid ein Cyber-Robot-Samurai-Ninja, was übrigens auch der Titel meines Spiels in den 80ern gewesen wäre, hätte ich damals ein Spiel machen können. Es ist natürlich die dystopische Zukunft von Irgendwas und ihr seid gerade einen kilometerhohen Turm heruntergefallen, was die Verletzung nach sich zieht, die man dabei erwarten kann: Amnesie. Aber keine Sorge, zuerst kommt "der Architekt" - nein, nicht Matrix 2, aber sie haben gewisse Ähnlichkeiten - und später auch andere Stimmen, die die Story nebenbei als körperlose Stimmen am Laufen halten.

Diese Geschichte wurde halbwegs kunstvoll aus bekannten Versatzstücken der etwas ausgelutschten reinen Cyberpunk-Lehre zusammengeschoben. Ich kann nicht sagen, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt von der Erzählung beeindruckt war und im Vergleich zu einigen Konkurrenten ist der Dark-Synth-Soundtrack bestenfalls funktional. Immerhin, das Spiel sieht durchaus nett aus und die dunklen Schluchten endlos hoher Konstruktionen haben ihren Reiz und werden ihn wohl immer haben. Aber trotzdem, inhaltlich ist das alles, was ich erwartet hatte und mittlerweile einer der Gründe, warum ich Ghostrunner nur widerwillig eine Chance geben wollte.

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Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage, aber... muss es immer Cyberpunk sein?

Viele Wege führen in den Tod. Das ist der Spaß dabei.

Aber die nutze es nach besagten sechs Minuten und drehte alle Skill-Regler auf 11. Sicher, es gibt ein Tutorial, das passiert bis Minute drei. So springt ihr, so lauft ihr an Wänden lang, das ist der Dash, das ist euer Schwert. Viel Glück! Kein Wort davon, dass jeder Gegner ein perfekter Scharfschütze ist und ihr exakt null Treffer aushaltet. Ihr müsst schneller sein als eine Kugel. Anfangs könnt ihr der nur ausweichen, später könnt ihr sie reflektieren, aber sie darf euch nicht treffen. Sonst werdet ihr zurück an den Anfang eines Gefechts gesetzt.

Jede Begegnung mit mehreren Wachen ist im Grunde ein Puzzle mit mehreren Lösungswegen. Das macht euch eines der ersten echten Hindernisse klar. Ihr habt euch gerade dran gewöhnt schnell an Wänden entlang zu-dashen, um fix bei einem Gegner zu sein, da ist eine halbe Stunde ins Spiel rein dieser Gegner von einem Schutzschild umgeben. Vom dem führt ein Energiestrahl zu einer Kugel, die ihr erst zerstören müsst. Ghostrunners Stärke ist, dass es euch immer wieder, teilweise mehrmals pro Level, ohne Erklärung so etwas vorsetzt. Ihr müsst versuchen und erkunden, was machbar ist, welche Wege es gibt, und was eure Optionen sind. Ein Triple-A hätte euch sachte herangeleitet und sichergestellt, dass ihr weiterkommt. Hier klappte es halt nach 87 Versuchen. Das sagte jedenfalls der Zähler am Ende des vierten oder fünften Levels. Ghostrunner ist ein halber Indie und genießt es.

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Kein Tetris, sondern Upgrades.

Das Leveldesign an sich ist dabei immer wieder kunstvoll. Es gibt nur wenige Passagen, die etwas beliebig wirken und meist werden die dann auch genutzt, um euch ein wenig von der Story zu erzählen. Der Rest jedoch belohnt Mut und Geschick. Einfach ist kein Weg in diesem Spiel, aber ein paar Dinge, die man in der Ferne sieht, hält man selbst mit schon halbwegs gestählten Reflexen für fast unmöglich. Nur um zu sehen, dass es dann eben doch geht. 182 Tode, Level 7. Ich habe nicht gesagt, dass es schnell geht, nur, dass es machbar ist. Aber dass es mich reizte so oft zu versuchen, bis ich endlich den perfekten Run durch diesen Bereich hatte, auf genau dem Weg, den ich mir vorstellte, das spricht auch Bände über Ghostrunner.

Teris-Blöcke bauen Ninjas auf.

Wovon ich am Ende weniger beeindruckt war, das sind die Passagen, in denen sich das Spiel für eine Art 3D-Jump'n'Run hält. Es gab ein paar Räume, in denen man irgendwelche McGuffins sammeln soll, die sich bestenfalls wie eine leicht verfehlte Hommage an früheste Tomb-Raider-Erinnerungen anfühlen, aber dank nicht immer ganz präziser Sprung-Kontrollen für ungerechte Todesmomente sorgen. Keine Sorge, ein paar Anläufe, dann ist man da durch, aber dass ein Spiel, das sonst so viel Eleganz und Grazie an den Tag legt, sich hier und da mal so grob verstolpert, das hätte nicht sein müssen.

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Links, rechts oder doch ab durch die Mitte? In etwa 14 bis 18 Versuchen werde ich es wissen.

Auch wenn Ghostrunner durch und durch Skill-basiert abläuft, es gibt eine kleine Progression für eure Fertigkeiten. Die schaltet ihr nach und nach frei und verbessern teilweise eure Bewegungsfertigkeiten mit mehr Dashs, Tempo oder zeigen Feinde und Objekte klar markiert an. Diese Dinge verändern das Spiel nicht, es rundet einfach nur euren Spielstil ein wenig ab. Da diese Fertigkeiten als überdimensionale Tetris-Steine auf einem zu kleinen Brett arrangiert werden müssen, könnt ihr auch nie alles nutzen, was ihr habt. Dazu kommen noch vier Spezialfertigkeiten wie durch Schilde schlagen, bessere Projektil-Reflektion oder der einzige Fernkampf-Move - ein Schwertschlag, der Feinde in der Ferne mit einer Schockwelle tötet. Diese machen später ein paar Stellen etwas einfacher und ihr tut gut daran, sie in eure Planung einzubeziehen, aber wie schon gesagt, all das ändert nichts an einem schlichten Fakt: Ihr müsst verdammt gut am Pad sein. Oder geduldig und hartnäckig. Oder am besten alles zusammen.

Ghostrunner Test Fazit

Ghostrunner hätte ich ehrlich gesagt lieber unter einem anderen Namen mit einem anderen Szenario gesehen. Es gab schon lange kein Shinobi mehr. Altes Japan, alt-ehrwürdige Serie - hätte ich dem nächsten austauschbaren Cyber-Ausflug jedenfalls vorgezogen. Zumindest setzt Ghostrunner diese Kulisse solide um, ohne dass es weh tut oder von den eigentlichen Stärken ablenken würde. Das Skill-basierte Gameplay ist hier ganz klar König, jede Situation ist sich ihrer selbst als Gameplay-Element bewusst und alles andere ist nur zu vernachlässigender Hintergrund. Das, was im Vordergrund abläuft, ist gnadenloses Präzisions-Parcours, gesetzt in kunstvoll entworfene Options-Paläste des Todes, deren Wege zu erkunden den Zyklus des Live-Die-Repeat auf Speed durchexerziert. Das wird nicht jedem liegen und es ist sicher keine gute Beschäftigung für einen ruhigen, entspannten Abend. Aber bei Gott, mit all seinen kleinen Schwächen, Ghostrunner ist die Essenz der Action eines guten, altmodischen Videospiels. Da kann es noch so 3D daherkommen, im Grunde leide ich wie damals bei Ninja Gaiden auf den NES. Es war gutes Leiden. Ist es heute mit Ghostrunner immer noch.

  • Entwickler / Publisher: One More Level / 505
  • Plattformen: PC, PS4/5, Xbox, Switch
  • Release-Datum: erhältlich
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: zirka 30 Euro

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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