Heavy Rain Chronicles 1: Der Tierpräparator

Darauf war ich nicht präpariert

Die Idee ist verlockend: Genug lose Fäden, Andeutungen und Red Herrings hatte die Geschichte von Heavy Rain ja zu bieten. Und einige Plotlöcher in der ansonsten so feste am Nervenkostüm zerrenden Handlung werden auch nicht kleiner, je länger man über sie nachdenkt. Ja, es drängte sich geradezu auf, gewisse Aspekte und Geschichten der Protagonisten von Heavy Rain in separat per Download veröffentlichten Episoden zu erzählen. Noch dazu: Spieler sind ein treues Pack – und Elend schweißt zusammen. Es sollte einen also nicht wundern, wenn Fans von Heavy Rain die Gelegenheit auf ein Wiedersehen mit den Akteuren des Spiels, mit denen sie so viele harte Stunden verlebt haben, ohne zu zögern ergreifen.

Den Anfang der Heavy Rain Chronicles macht „Der Tierpräparator“ und lädt euch ein, zusammen mit Madison Paige einem Verdächtigen im Origami-Killer-Fall auf den Zahn zu fühlen. Diese Szene erinnert stark an die mit dem greisen Arzt des Hauptspiels, ist zeitlich jedoch noch vor dem Verschwinden von Shaun Mars angesiedelt. Leider hat das routinierte Stück stimmungsvoll inszenierter Detektivarbeit aber weder dem Charakter der Madison als solchem noch dem Basisspiel besonders viel hinzuzufügen.

Lesern, die die Entstehung des Titels etwas genauer verfolgt haben, ist eventuell schon aufgegangen, warum das so ist: Die Ermittlung im Haus des ausgeflogenen, vermeintlichen Origami-Killers mit fragwürdigem Einrichtungsgeschmack ist identisch mit der ersten Demo, die Quantic Dream auf der Games Convention 2008 zeigte und kaschiert ihren einstigen Zweck als Showcase für das damals noch so nebulös erscheinende Gameplay des Thrillers nicht so besonders erfolgreich. Das ist eine Szene, die ihren Weg aus gutem Grund nicht in das Spiel gefunden hat (weil sie redundant war) und auch ansonsten ein bisschen wie Anschauungsmaterial über den Spielablauf des Titels wirkt, weil sie mit dem Rest des Spiels nicht wirklich viel zu tun hat.

Wirklich positiv fallen dagegen jedoch Inszenierung, Stimmung und vor allem die hohe Interaktivität des kurzen, mit knapp vier Euro aber nicht eben günstigen Abschnittes ins Auge. Ich habe alleine im Haus des Tierpräparators gefühlt weit mehr Hotspots manipuliert – in Schränke gesehen, auf Sitzgelegenheiten Platz genommen und Hindernisse überwunden – als in den allermeisten anderen Szenen des eigentlichen Spiels. Auch hier lässt Der Tierpräparator seine Demo-Vergangenheit durchblitzen, immerhin wollte Quantic Dream den Spielern eine Umgebung demonstrieren, auf die der Spieler auch wirklich Einfluss hat. Dem Spiel tut es gut und die leise Ahnung, jeden Moment vom überraschend nach Hause kommenden Herrn White ertappt zu werden, schnürt einem recht ordentlich den Hals zu, bevor es zur erwarteten, gut choreografierten Actionsequenz kommt.

Das als klassischer Dreiakter aufgebaute Mikro-Spiel kann auf fünf verschiedene Arten ausgehen, was einerseits nach einem ordentlichen Wiederspielwert klingt. Andererseits trappst die erste DLC-Episode allerdings auch in die Prequel-Falle: Man weiß bereits, dass Madison zu Beginn des später angesiedelten Hauptspiels noch am Leben ist. Die beiden Enden, in denen sie stirbt, werden somit von Heavy Rain selbst ad Absurdum geführt, während die anderen drei Auflösungen am Charakter wie an der Hauptgeschichte mehr oder weniger spurlos vorübergehen.

Ein weiterer Haken liegt in der Natur der Sache: Jegliche Entscheidungen haben keinerlei Tragweite über diese isolierte Szene hinaus. Das war natürlich nicht zu vermeiden und ist auch oft im Hauptspiel der Fall. Das vermittelte aber an jenen Stellen oft immerhin die Illusion einer Konsequenz, weil sie Teil eines größeren Ganzen war oder den Spieler zumindest irgendwie mit Informationen versorgte. Der Tierpräparator lässt hingegen einfach nur die technischen und Inszenatorischen Muskeln des Studios spielen. Am Ende fragt man sich dadurch ein bisschen, ob Quantic Dream die möglichen Stärken dieser Darreichungsform überhaupt realisiert hat, oder ob man zumindest mit der ersten Chronik nur darauf aus war, ein bereits programmiertes Stück Software doch noch unters Volk zu bringen?

In der Theorie spricht wie gesagt sogar einiges für derartige herunterladbare Inhalte, aber für ein Spiel, das sich so sehr auf seine Narrative und die Entscheidungen des Spielers stützt, ist Der Tierpräparator einfach eine mittelschwere Enttäuschung. Man erfährt nichts über Madison (die dieses Mal sogar eine andere Stimme hat als in Heavy Rain). Ihre späteren Schlafstörungen und ihr Hotel-Fimmel sind nur vage von einem der Enden des DLC abzuleiten und jegliche Aha-Effekte, die vielleicht ein neues Licht auf den Hauptplot werfen könnten, hat sich Quantic Dream unverständlicherweise gespart. Wäre es nicht schön gewesen, zu erfahren, wieso Madison den Namen Scott Shelbys in Heavy Rain zu kennen schien?

Das Potential charakterbezogener Download-Episoden ist zugegebenermaßen sehr hoch, können sie doch, wenn sie die richtigen Ausschnitte aus dem Leben der Figur erzählen, diese noch weit dreidimensionaler gestalten oder eben sogar nachträglich unseren Blick auf gewisse Dinge verändern. So wie es ist, tut die Szene für den Charakter Madison aber überhaupt nichts. Sie wirkt seltsam singulär und ein bisschen wie Resteverwertung. Vor allem aber erzählt sie uns einfach nichts Neues, bevor sie uns nach etwa 20 Minuten durchaus routiniert inszenierter Hochspannung im Regen stehen lässt - mit nichts als einem „Whatever“ über dem Kopf.

5 /10

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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