Hitman 3 Test - Grüß Gott, ich bin der Tod!

... und ich habe alle Zeit der Welt.

Hitman 3 Test - Und zack - war er schon wieder rum, der Reboot. IO Interactive beendet seine 2016 als Episodentitel gestartete und schließlich zur Trilogie aus Einzelspielen umgemodelte Reise nicht ganz fünf Jahre, nachdem sie begann. Das dritte, eigentlich aber achte Hitman fühlt sich folglich auch an wie das Ende von etwas - nicht nur, was die durchaus spannende Handlung angeht, sondern auch im Bezug auf die Spielabläufe. IO packt nicht wirklich Neues an, will nicht, dass ihr kurz vor Schluss noch großartig andere Dinge lernt. Ihr wisst, wie dieser bemerkenswert glattrasierte Hase läuft. Und das ist gut so. Nein, es ist sogar wichtig.

Nummer drei soll den Abschluss eurer Transformation zu und eurer Einswerdung mit Agent 47 darstellen. Dafür war es unabdingbar, dass sowohl ihr als auch und IO Interactive sich auf eure hoffentlich geschärften Killerinstinkte verlassen können. Durch die sechs neuen Schauplätze sollt ihr auf Anhieb dahingleiten wie ein Haifisch mit einem ganz speziellen, gezielten Appetit. Stets mit zwei scheinbar leblosen, aber doch wachen Augen, die die fein durchgetakteten Abläufe und Mini-Geschichten auf den detailreich durchgestalteten Karten unentwegt analysieren und neu bewerten.

Mit den Augen eines Mörders

Hier gibt es endlose Gelegenheiten für verlockend spektakuläre Improvisation (der Füllfederhalter im Tintenfass, über den sich euer Opfer plötzlich beugt - RUMMS. TADAAA!) oder weitergehende und meistens perfidere Planung für Unfälle oder dergleichen (warum einem bereits geschmiedeten Mordkomplott in die Parate fahren?). Und manchmal findet man auch einfach nur eine kurze, aber bemerkenswert gute Aussicht auf sein Opfer, ganz in der Nähe eines Extraktionspunkts, und freut sich, dass das Ganze mit nur einem gezielten Schuss auch schon wieder erledigt sein könnte. Diese Art von Levelgestaltung hat IO schon länger zur Kunstform erhoben.

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In Dartmoor werden euch die Augen übergehen. Meisterklasse!

Insofern ist Hitman 3 nicht unbedingt ein Spiel, das euch maßlos überraschen dürfte, obwohl einige Einfälle und Erzählkniffe innerhalb und außerhalb der Level einen durchaus auf dem falschen Fuß erwischen. Eine spezielle Story-Mission im berauschend schönen englischen Anwesen in Dartmoor entwickelte fast zwei Stunden lang einen ganz besonderen Sog, der mich beinahe vergessen ließ, dass ich eigentlich auch noch jemanden umzubringen hatte. Und auch die Auflösung und das, was ich dazu beitragen durfte, enttäuschten nicht. Das neue Bewertungssystem, das für jede Art von Mord eine andere Auszeichnung verleiht (wobei das Silent-Assassin-Ranking natürlich immer noch die Krone eurer Meucheleien darstellt), bringt den ohnehin schon hohen Wiederspielwert zudem noch einmal mehr auf den Punkt.

Denn machen wir uns nichts vor: Sechs Locations sind nicht viel - und die letzte ist auch mehr Spektakel als alles andere, weshalb ich sie vermutlich nicht allzu häufig angehen werde. Aber der Rest ist gewaltig groß und die Möglichkeiten, die sich dort bieten, seine Ziele mal mehr, mal weniger elegant, manchmal aber einfach nur auf lustige Weise um die Ecke zu bringen, sind schon allerhand. Für den ersten Durchlauf durch einen Auftrag plane ich grundsätzlich mindestens eineinhalb Stunden ein und versuche häufig, eine der drei Story-Missionen, deren Startvoraussetzungen man erst einmal entdecken muss, zu erfüllen. Die sind meistens gut genug geschrieben, dass ich im nächsten Versuch direkt die nächste versuche, die dann wieder gut eine Stunde in Anspruch nimmt - unterwegs fallen mir dann häufig genug andere Möglichkeiten auf, die ich dann im nächsten Run auf die Probe stelle und dann wartet meistens noch eine weitere Story-Mission.

Wie ein Schatten

Mit jedem Versuch wird die Umgebung vertrauter - auch wenn man jedes Mal etwas Neues zu entdecken scheint - und man ruft die Möglichkeiten selbstverständlicher ab, variiert Methode, Route, Ausrüstung. Von den schweißtreibenden Eskalationen und den kommenden und stets mit hohem Aufwand inszenierten Elusive Targets, die man nur einmal angehen kann, hätten wir dann noch gar nicht gesprochen. Hitmans Umfang mag auch im dritten Anlauf übersichtlich sein - aber hier beschäftigt so mancher Level länger als andere Spiele in Gänze bei der Stange halten. Nicht zuletzt wegen der neuen Abkürzungen, die sich finden lassen - verschlossene Türen und hochgezogene Leitern, die offen, beziehungsweise unten bleiben, nachdem ihr sie einmal gefunden und zugänglich gemacht habt. Für weitere Durchgänge gewähren sie neue Optionen.

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Ich bin einer von den Guten, ich schwör'!

Hat mich der Beginn der Geschichte vor fünf Jahren noch etwas kalt gelassen, wird sie nun sogar durchaus spannend zu Ende erzählt, die Optik ist vor allem in Detailversessenheit (und in 4K und 60 FPS am PC) und Belebtheit der verschiedenen Ortschaften, aber auch in ihren Lichteffekten und Spiegelungen extrem ansehnlich, was das Flair eines bitterbösen Agentenfilms nur noch steigert. Dazu passend leisten die Sprecher von 47, Diana Burnwood und Olivia bis runter zum Constant, Lucas Grey und allen Komparsen bis in die letzte Bank erstklassige Arbeit. Nett ist vor allem auch, dass Besitzer der Vorgänger diese mitsamt der meisten Features auch direkt aus dem Hitman 3 Interface heraus spielen dürfen. Mein erneuter Durchgang durch die Trilogie ist bereits fest eingeplant.

Unter den alten Vertrauten sind aber auch ein paar Aspekte, die schon im ersten Teil nicht optimal waren. Nach wie vor sind die Interaktionspunkte manchmal etwas fummelig anzuvisieren, hier und da löste ein Missionsskript nicht aus - in einigen Fällen half ein kurzer Kostümwechsel - und manchmal verhaspelte sich die KI und vergaß dann, was eigentlich auf dem Programm stand. Die Animationen vor allem von 47 sind immer noch extrem hüftsteif und wer plant, Hitman 3 als Shooter zu spielen... ist wohl neu bei dieser Serie. Man merkt, dass niemand bei IO das erwartet und folglich dachte man gar nicht erst daran, ein vernünftiges Waffenfeedback einzubauen. Ist in diesem Titel ausnahmsweise nicht einmal sekundär, man lädt ohnehin meist einen neuen Spielstand, wann immer mal die Tarnung auffliegt. Aber es soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich Hitman immer dann, wenn die Waffen sprechen, ein bisschen von gestern anfühlt.

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Das neue Kameragadget ist zwar auch nur der übliche Hacking-Wunderschlüssel, aber einige Hinweise lassen sich damit ebenfalls gut aufspüren.

Hitman 3 Test - Fazit

Wie gesagt: alles halb so wild. Was zählt, sind die Locations und was ihr in ihnen anstellt: Hitman 3 gibt sich hier keine Blöße, sondern fährt noch einmal ganz große Geschütze auf. Mit dem Mahagoni-getäfelten Dartmoor-Anwesen zum Beispiel, in dessen Keller so einige Leichen verborgen sind, hat sich IO Interactive selbst ein Denkmal gesetzt. Einer der schönsten und interessantesten Level der jüngeren Spielegeschichte. Und auch die Ausflüge in die restlichen Regionen, die zu entdecken ich lieber euch überlasse, gehören zum Besten, was die Dänen bisher auf die Beine gestellt haben.

Natürlich muss man sich zugleich die Frage stellen, ob es ewig so weitergehen kann oder ob es das nächste Mal, wenn wir über Hitman sprechen, wieder im Rahmen eines Reboots geschieht. Für den Moment kann es uns egal sein: In diesen Jagdgründen das obere Ende der Nahrungskette zu geben und ungerührt auf seine Beute herabzublicken, hat in den fünf kurzen Jahren seit Neuerfindung dieser Formel nichts an Faszination eingebüßt.

  • Entwickler / Publisher: IO Interactive / Square Enix
  • Plattformen: PC, PS4, PS5, Xbox One, XBox Series S/X (getestet auf PC)
  • Release-Datum: 20. Januar
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: ca. 70 Euro, keine Mikrotransaktionen

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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