Lemnis Gate hat das Zeug zum Multiplayer-Hit - und erfordert Köpfchen

Hier müsst ihr nachdenken. Und gut zielen.

Rundenbasierte Spiele kennt ihr. Wenn es euch so geht wie mir, verbindet ihr die unter normalen Umständen mit Strategie- oder Taktikspielen. XCOM, Fire Emblem und wie sie alle heißen... oder Schach! Aber mit einem First-Person-Shooter? Kommt nicht häufig vor. Exakt das ist aber das faszinierende Konzept hinter Lemnis Gate, das zugegebenermaßen nicht den eingängigsten aller Namen hat - der geht einfach nicht so locker von den Lippen wie Rocket League oder Fall Guys. Was dahinter steckt, überzeugt aber mit einer innovativen Idee, die frischen Wind in den Multiplayer-Alltag der Branche bringt.

Bevor ich während eines Online-Events vor nicht ganz zwei Wochen selbst einmal ein wenig Lemnis Gate spielen konnte, war mir ehrlich gesagt nicht ganz klar, wie dieses Konzept in der Praxis funktioniert. Das Einzige, was ich zuvor davon sah, war der Trailer. Und ja, auf den ersten Blick kann das verwirrend erscheinen. Habt ihr erst einmal eine Runde gespielt, verfliegt diese Verwirrtheit schnell und ihr seid bereit für das, was das Spiel euch zu bieten hat. Dahinter steckt kein Hexenwerk, es sind schnelle statt ausgedehnte Multiplayer-Runden - da würde ein übermäßig komplexes Regelwerk nicht helfen.

Wie Lemnis Gate funktioniert

Also wie funktioniert's? Ganz einfach: Ein Match besteht im Grunde genommen aus zwei Halbzeiten, in denen jede Seite jeweils fünf Züge hat. Der Kniff dabei: Für jeden Zug habt ihr maximal 25 Sekunden Zeit und führt in diesem Zeitraum in Echtzeit aus der Ego-Perspektive verschiedene Aktionen aus. Gegner eliminieren. Einen Kontrollpunkt erobern. Eine Kugel einsammeln und zum eigenen Spawnpunkt zurückbringen. Das hängt vom Spielmodus ab und beschert euch dann einen Punkt, wenn ihr zum Ende einer Halbzeit was davon für eure Seite sichern konntet.

Nehmen wir mal an, ich wähle als erstes die schnelle Sprinter-Klasse in der ersten Runde. Ich schnappe mir eine der Energiekugeln, bringe sie zu meinem Startpunkt und hole mir dann, wenn ich schnell genug bin, noch eine zweite. Dann ist der Gegner dran. Dessen 25 Sekunden beginnen an dem Punkt, wo jede der einzelnen Runden anfängt. Jede Runde ist wie eine neue Ebene, die sich über den Spielablauf legt, am Ende läuft alles zusammen. Mein Gegenüber hat jetzt zum Beispiel die Möglichkeit, sich im ersten Zug ebenso Kugeln zu sichern. Oder er schaltet meinen Sprinter aus, der dann - nach aktuellem Stand - für den Rest der 25 Sekunden nicht mehr mitmischt.

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Wenn nichts mehr hilft, packt ihr die dicken Wummen aus.

Und das geht dann immer so weiter. Mit jeder Runde ändert ihr im Grunde die Vergangenheit beziehungsweise den zeitlichen Ablauf und das nach Abschluss aller Züge, wenn ihr es geschickt anstellt, hoffentlich zu euren Gunsten. Mein zweiter Zug könnte nun zum Beispiel erst einmal so aussehen, dass ich den Scharfschützen auswählen und dem Gegner zuvorkomme und seinen ersten Charakter mit einem gezielten Schuss ausknipse, bevor er meinen erledigt. Dadurch ist der Sprinter erst einmal erneut im Rennen. Woraufhin der Gegner aber meine zweite Figur erledigen und wieder alles auf den Kopf stellen kann.

Runde für Runde geht das so. Einer legt vor, der andere zieht nach. Aktion. Reaktion. Dabei ist es wichtig, den Überblick zu behalten und sich nicht auf einzelne Dinge zu versteifen. Es geht darum, ein gesundes Gleichgewicht zu finden. Zum einen bemüht ihr euch, den Gegner in Schach zu halten, und zum anderen darum, Punkte für die eigene Seite zu sichern. Und das ist echt spannend, mit jeder einzelnen Runde dreht und wendet sich das Geschehen.

Es entscheidet nicht nur die Taktik, sondern auch der Skill

Dabei kommt's nicht allein auf euer Köpfchen an, euer Skill ist ebenso wichtig. Der Schuss des Scharfschützen sollte sitzen, um per Headshot einen schnellen One-Hit-Kill zu erzielen. Die Rakete des nächsten Charakters sollte ihr Ziel treffen und nicht um ein paar Zentimeter daran vorbeifliegen. Perfekte Runden sind das Ziel, was natürlich nicht immer gelingt. Lemnis Gate verknüpft beide dieser Elemente geschickt miteinander. Und während ihr wartet und euer Gegner am Zug ist, schwebt ihr mit einer kleinen Drohne über die überschaubere Map und könnt euch alles angucken, was dort gerade passiert, ihr habt ein wenig Zeit zur Analyse und zur Planung eures nächsten Schritts.

Wie ihr bereits vermutet, gibt es verschiedene Charakterklassen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bewaffnung. Nehmen wir den Sprinter. Der hat zwei schnelle Maschinenpistolen in den Händen und kann auf Knopfdruck einen kleinen Push nach vorne auslösen, um sein Ziel noch schneller zu erreichen. Der normale Soldat hat ein Sturmgewehr und ist in der Lage, mehrere Granaten zu werfen, während der Scharfschütze kurzzeitig die Zeit verlangsamt und so mehr Zeit zum punktgenauen Zielen hat. Es gilt, die Fähigkeiten und Waffen gezielt und geschickt einzusetzen, so dass sie euch am ehesten weiterhelfen. Werft doch einmal mal auf gut Glück eine oder mehrere Granaten durch die Gegend, am Ende trifft sie vielleicht einen Gegner bei seinem Zug beziehungsweise es ist ein weiteres Hindernis, das euer Gegenüber bei seiner Runde zu beachten hat.

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Jeder reagiert auf den anderen.

All das ist im 1vs1 bereits spannend und gewinnt im 2vs2 noch einmal mehr an Spannung. Jeder Teilnehmer beziehungsweise jede Teilnehmerin zieht hier in einer eigenen Runde, was eine gute Abstimmung im Team wichtig macht. Vielleicht knüpft sich der eine primär die gegnerischen Charaktere vor, während der andere Punkte fürs Team sichert. Oder eine Mischung aus beidem. Der ständige Wechsel der Startbedingungen und des Verlaufs innerhalb dieser 25 Sekunden erfordert zudem Flexibilität, zumal ihr nicht die Zeit habt, um extrem lange über eure Taktik zu grübeln, denn ihr müsst gleichzeitig vor und zurück denken. Und habt ihr das Gefühl, einmal eine Runde verbockt zu haben, macht ihr euch direkt Gedanken darüber, wie das wieder auszugleichen ist - und ob überhaupt.

Lemnis Gate ist ein Name, den ihr euch merken solltet

Am Ende zählen dabei nicht allein die Punkte, die ihr durch eroberte Kontrollpunkte und Kugeln sammelt, erzielter Schaden und weitere Faktoren fließen ebenso in den Gesamtpunktestand ein, was ein Unentschieden - so schätze ich - zu einer eher seltenen Angelegenheit machen dürfte. In einem der 1vs1-Matches hatten wir nach Punkten zum Beispiel einen Gleichstand. Daher gaben die anderen Faktoren den Ausschlag und ließen mich den Sieg mit gerade mal einem Zähler nach Hause holen. Knapper geht's nicht.

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Ein gezielter Treffer des Scharfschützen schaltet einen Gegner direkt aus.

Ich ging mit wenig Informationen und ohne große Erwartungen in das Online-Event zu Lemnis Gate und kam am Ende angetan heraus. Das Spiel bereichert das FPS-Genre mit einem frischen, durchdachten Rezept. Eines, das einfacher ist, als es auf den ersten Blick aussieht, und doch eine Menge Köpfchen und Taktik von euch erfordert. Ich fand die gespielten Matches - zweimal 1vs1 und einmal 2vs2 - extrem spannend und unvorhersehbar. Und das sind sie definitiv, weil ihr nie wisst, wie euer Gegner auf das reagiert, was ihr zuletzt getan habt. Am Anfang waren wir zwar noch ein wenig unbeholfen, hatten das Gameplay und den Ablauf dann aber zügig verinnerlicht. Lasst euch hier nicht davon abschrecken, wenn es zu Anfang kompliziert erscheint. Es lohnt sich, hinter die Fassade zu blicken, denn dort warten spannende Matches auf euch. Lemnis Gate ist Multiplayer-Spiel, das ihr im Auge behalten solltet.

  • Entwickler / Publisher: Ratloop Games Canada / Frontier Foundry
  • Plattformen: PC, PlayStation 4, Xbox One
  • Release-Datum: 2021

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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