Leserkolumne: Panorama und die hitzige Anmoderation

Oder: Wie lernte die Bombe fliegen

Wie eine Bombe dürfte der neue Beitrag der Panorama-Redaktion zum Thema Computerspiele sicherlich eingeschlagen ein. Nach dem kontroversen "Killerspiele"-Beitrag vom 22.02., war der neue Bericht diesmal etwas allgemeiner gehalten - Computerspiele als Suchtfaktor. Gezeigt wurden zwei Problemfälle, in denen sich Kinder absolut nicht mehr aus der virtuellen Realität lösen können. Sie vernachlässigen alles, Schule, Familie, für sie gibt es nur noch Computerspiele. In einem der Fälle gibt es der Betroffene sogar offen zu. Die Eltern sind verständlicherweise vollkommen verzweifelt, die Kinder sind nicht nur vollkommen abwesend, auch ihr Verhalten ist rüde bis unverschämt.

Leider wird das offensichtliche kaum angesprochen: Wieso lassen sich Eltern ein solch unflätiges Verhalten von ihren Kindern überhaupt gefallen? Wieso haben sie nicht längst etwas unternommen, obwohl sie die Sucht bei ihren Kindern erkannt haben? Ein Kind fast schon abzuschreiben und den Spieleherstellern dafür die Schuld in die Schuhe zu schieben, wie es eine der beiden Mütter andeute, kann nicht die Antwort sein. Von alleine sind die Kinder niemals in den Besitz leistungsfähiger Spiele-PCs plus zugehöriger Software gekommen. Sie damit auch noch schalten und walten zu lassen wie es ihnen beliebt, ist höchst unverantwortlich. Kindern müssen manchmal auch Grenzen gesetzt werden, und wenn die Eltern nichts tun, wer soll es dann tun?

Zugegeben, der Beitrag war diesmal weitaus objektiver als es noch der "Killerspiel"-Beitrag war. Es kam mit Martin Lorber von Electronic Arts sogar ein Vertreter der Spieleindustrie zu Wort. Die eigentliche Kritik liegt jedoch ganz wo anders. Denn die Anmoderation durch Anja Reschke über unzählige Proteste und Beleidigungen in Folge des "Killerspiele"-Beitrags machte die Zielrichtung wieder einmal deutlich. Es ging nicht einfach nur darum, über ein schwerwiegendes, tatsächlich vorhandenes Problem zu informieren. Es war eine direkte Antwort auf eben diese Beschwerdemails. Proteste von Spielern, die ihr Hobby verteidigten und deren Glaubwürdigkeit dafür im Gegenzug jetzt angegriffen wird, indem sie unterschwellig als potentiell spielsüchtig dargestellt werden.

Leider wird die Anmoderation im Livestream der Panoramaredaktion nicht angeboten, und auch der bislang auf YouTube zu sehende Mitschnitt setzt leider zu spät ein. Doch Reschkes spitze Zunge verleiht dem gesamten Beitrag wiedereinmal einen schalen Beigeschmack. Dabei sollte gerade ein so ernstes Thema nicht leichtfertig zugunsten größerer Medienwirksamkeit auf solch polarisierende Weise behandelt werden. Probleme werden nicht dadurch gelöst, dass man künstlich für Streitpotential sorgt. Die Spieler haben eigentlich oft genug deutlich gemacht, dass sie an einem Dialog interessiert sind. Es wird Zeit, dass dieses Angebot in fairer Weise wahrgenommen wird.

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Armin Luley (Avantenor)

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