Mass Effect Andromeda ist besser als sein Ruf

Jeder Neustart ist schwer.

Während in dieser Woche die Legendary Edition der Mass-Effect-Trilogie an den Start geht, sollten wir natürlich nicht vergessen, dass es mit Andromeda vor ein paar Jahren einen Nachfolger dazu gab. Einer, der viel Kritik einstecken musste und damals war ich ebenso nicht ganz so angetan davon. Ein Grund dafür könnte sein, dass ich mich zu der Zeit für unsere Lösung ein wenig gehetzter durch das Spiel bewegte und manche Dinge, Dialoge und Cutscenes auf der Strecke blieben. Daher war ich neugierig, wie ich das Spiel heute, vier Jahre später, empfinden würde und begab mich auf einen erneuten Erkundungstrip in die Andromeda-Galaxie...

Änderte es was an meiner Einschätzung des Spiels? Ja, definitiv! Andromeda ist nicht so schlecht, wie es sein Ruf vermuten lässt. Wenngleich beileibe nicht alles perfekt ist. Für mich zeigen sich hier einige interessante Parallelen zum allerersten Mass Effect. Das betrifft zum einen die technische Seite. Vergleicht Teil eins mit seinen beiden Nachfolgern und ihr seht deutliche Unterschiede. Im Auftakt der Trilogie war die Unreal Engine 3 neues Terrain für BioWare, später hatte das Team die Engine besser im Griff. Mit Andromeda folgte der Umstieg auf die EA-interne Frostbite-Engine von DICE und der lief nicht ganz reibungslos ab - Geschichte wiederholt sich.

Neue Welten in Andromeda entdecken

Wobei die Umgebungen sehr schick gestaltet sind, es gibt tolle Panoramen, weitläufige Planeten. Das ist weniger das Problem. Die Animationen der Charaktere, vor allem bei ihren Gesichtern in Dialogen, und andere technische Fehlerchen schon eher, vor allem abseits des Hauptpfads. Auch nach mehreren Patches ist da lange nicht alles perfekt. Sogar mancher Bug, den es damals zum Release gab - der Kampf gegen einen Architekten geht nach Phase 2 nicht mehr weiter -, zeigt sich heute noch im Spiel. Kein Wunder, nach der Veröffentlichung im März 2017 hieß es im August des gleichen Jahres, es werde keine weiteren Patches (und keine Story-DLCs) mehr geben. Rückblickend betrachtet ist es bedauerlich, wie schnell EA das Spiel aufgab, während ein Spiel wie Anthem zwei Jahre in der Schwebe hing und weiteres Geld verschlang. Das hätte EA besser in Andromeda investiert, weitere Verbesserungen hätten dem Spiel gut getan.

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Neue, schöne Welten warten auf euch.

Für mich füllt Andromeda im Großen und Ganzen gut die Rolle aus, die das erste Mass Effect damals innehatte. Die Planeten, die ihr endlich erneut per Fahrzeug erkunden könnt, sind deutlich interessanter gestaltet als in Teil eins und optisch abwechslungsreich, wenngleich hier und da ein paar interessantere Aufgaben nicht geschadet hätten. Was mir fehlt, ist noch mehr ein Gefühl für Entdeckungen, für Neues. Hey, wir bewegen uns hier in einer anderen Galaxie, da schadet mehr Mut beim optischen und inhaltlichen Design nicht. Umso ärgerlicher, dass ich es in dieser komplett neuen Umgebung nahezu ausschließlich mit bekannten Spezies aus der Milchstraße zu tun habe. Ein Grund dafür war allem Anschein nach, dass BioWare eher für Cosplay geeignete Designs haben wollte - und für viel Neues blieb dann nicht mehr das Budget übrig. Am Ende sollten solche Gedanken keine Rolle spielen, wenn das Spiel darunter leidet - was es meiner Ansicht nach tut, denn dadurch fehlt in diesem Bereich ebenso das Gefühl, viele neue Zivilisationen kennenzulernen. Klar, der Heleus-Cluster, in dem Andromeda spielt, umfasst nicht die ganze Galaxie, ein fader Beigeschmack bleibt dennoch.

Ein austauschbares Squad

Ein weiterer Punkt ist, dass ich mit den ganzen Squadmitgliedern nicht so richtig warm werde - damals wie heute. Und ich bin mir nicht sicher, ob das eher an mir oder an den Figuren liegt. Bis auf Jaal sind das alles Begleiter und Begleiterinnen, die so gut und gerne in der ursprünglichen Trilogie hätten vorkommen können. Statt Ashley gibt's Cora, statt Kaidan Liam, statt Liara Peebee, statt Garrus Vetra und statt Wrex Drack. Vielleicht ist es am Ende einfach zu austauschbar, um interessant zu sein.

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Leider existieren heute noch einige Bugs.

Dabei repräsentiert Andromeda im Kern das, was ich mir unter einem modernen Mass Effect vorstelle. Offenere Areale statt eher kleine, schlauchige Level, Planetenerkundungen im großen Stil - und das besser, interessanter als in Teil eins und ohne die katastrophale Mako-Steuerung. Darüber hinaus schätze ich die Idee, dass ich mich hier nicht vom Start weg an eine einzelne Klasse binde, sondern in der Lage bin, meine Skillpunkte flexibel zu verteilen. In Anbetracht dessen ist es schade, dass das aus den Vorgängern bekannte Kreismenü mit allen gelernten Fähigkeiten im Kampf wegfällt. Sich allein für drei Stück entscheiden zu müssen, ist gelinde gesagt eher einschränkend als hilfreich. Logisch betrachtet ergibt es zudem keinen Sinn, wenn ich zum Beispiel verschiedene Fähigkeiten habe, aber im Kampf auf einmal welche vergesse, weil sie nicht auf meinen drei Slots liegen, denen ich sie zuweisen kann. Angesichts der vielen verfügbaren Kräfte ist das enttäuschend. Auf der anderen Seite liebe ich diese Bewegungsfreiheit von Ryder. Diese Woche habe ich noch einmal ins erste Mass Effect reingespielt und mir fehlte das Herumspringen und Ausweichen, die Agilität mithilfe des Jetpacks beziehungsweise der biotischen Fähigkeiten im Kampf.

Die Story legt in Mass Effect Andromeda ein rasantes Tempo vor

Ein weiter Knackpunkt liegt in der Story. Im Grunde habe mich mit der übergreifenden Geschichte kein Problem. Die Art, wie sie aufgezogen ist, fühlt sich indes ein wenig gehetzt an. Wenn ihr euch alleine auf die Hauptgeschichte konzentriert, dauert das nicht lange. Zugegeben, in vielen RPGs ist das nicht anders, mehr Pflichtprogramm und ein allgemein langsameres Erzähltempo hätten aber nicht geschadet. Ich verstehe den Wunsch, Spielern und Spielerinnen einen actionreichen, spektakulären Auftakt bieten und direkt ins Geschehen ziehen zu wollen, aber ein ruhigerer Anfang wäre die interessantere Wahl gewesen. Mit das Erste, was ihr in dieser neuen Galaxie tut, ist, auf fremde Aliens zu schießen. Vielleicht wäre es cooler gewesen, wenn sich die Kett erst nach mehreren Stunden als wahre Bedrohung entpuppt hätten.

Hinzu kommt das Problem des Loot-Systems, bei dem ich selten das Gefühl hatte, was Aufregendes zu finden. Was ja eigentlich der Sinn von Beute ist: sich darüber zu freuen, was Geiles gefunden zu haben. Okay, was das betrifft, war das noch die Stärke von Mass Effect. Andromeda wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, das zu ändern. Mehr Extravagantes, Exotisches, Cooles... Rüstung und Co wirken austauschbar, fast langweilig. Loot hätte ein motivierender Faktor sein können, er war es nicht.

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Die Story gibt ein hohes Tempo vor.

Was ich obendrein noch mochte, war, dass sich BioWare an einigen Stellen Zeit dafür ließ, um ein paar hübsche Szenen einzustreuen, in denen die Tempest auf Planeten landet oder diese erstmals anfliegt. Zum Beispiel, als das Schiff die fremdartigen, fliegenden Kreaturen auf Havarl passiert. Davon hätte es noch mehr gebraucht. Momente, Missionen, in denen Entdeckung und Erkundung mehr in den Vordergrund rücken und nicht gleich alles in einem neuen, interstellaren Konflikt endet. Und so schön die Flüge zwischen den Planeten auf der Galaxiekarte hier und da anzuschauen waren, ich war am Ende doch froh, sie wenigstens innerhalb des Systems überspringen zu können.

Ihr merkt, komplett glücklich bin ich mit Andromeda auch vier Jahre später nicht, wenngleich es einen besseren Eindruck hinterließ als damals. Das liegt mit Sicherheit auf der einen Seite an ein paar Patches, die hier und da was geglättet haben, wobei der Support viel zu früh eingestellt wurde und noch einige Probleme vorhanden sind. Einige davon sind tiefgreifender, andere hätten sich mit ein wenig Arbeit beheben lassen. Auf der anderen Seite konnte ich mich mehr auf den Titel einlassen. Mir gefällt, dass es sich in Sachen Erkundung am ersten Teil orientiert, dass ich über Planetenoberflächen fahren kann. Auf der anderen Seite stehen die austauschbare Crew, die hastig erzählte Hauptstory, das Loot-System und andere Dinge. Gemischte Gefühle, wenngleich es mir echt Spaß macht, die Planeten zu erkunden. Ein Aspekt, den ich in Teil zwei und drei etwas vermisste. Und wenn es mir Spaß macht, spricht das am Ende für das Spiel. Habt ihr es bisher ausgelassen, gebt ihm doch einmal eine Chance, zumal es euch mittlerweile regelmäßig für wenig Geld hinterher geschmissen wird - und das ist es auf jeden Fall wert!

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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