NieR Replicant ver. 1.2247 - Test: Immer noch ein Paradiesvogel

Es bleibt einfach Nier. Gut so!

Nier... Wer hätte damals gedacht, dass es Kultstatus erreichen würde? Nun, jeder, der es gespielt hatte, offensichtlich. Es war einfach eines dieser Games, die gar keine Wahl oder Chance hatten. Die Grafik hätte noch spärlicher sein können, die Laufwege noch länger, es hätte alles nichts genutzt. Wer so verschroben und mutig des Weges daherkommt, muss einfach wahrgenommen werden und wird seine Fans finden. Was uns zu der Frage bringt, ob dieser eigene Charme bis heute gehalten hat, denn frei von Fehlern war Nier noch nie.

Um es gleich vorwegzunehmen, sieht man mal von der Technik ab, dann hat NieR Replicant ver.1.22474487139... alle diese Macken immer noch. Hier wurde nicht viel riskiert, was den Inhalt und Spielablauf angeht. Das heißt, dass ihr im Grunde immer noch das gleiche Spiel mehrfach durchspielt, um andere Enden zu sehen, wenn ihr denn die Voraussetzungen dafür erfüllt habt. Zum Beispiel alle Waffen zu sammeln, in Durchgang drei glaube ich. Weil vier aufeinander aufbauende Enden noch nicht genug waren, packt man jetzt noch eines mehr drauf und die neue Auflösung ist interessant. Interessant genug, Nier fünf Mal durchzuspielen, zu grinden und zu sammeln? Für Fans sicher, die haben das eh schon zig Mal gemacht. Für neue Spieler oder Leute, die einfach ein gutes Game erwarten? Nun, das ist der Punkt, an dem Nier auch heute schwierig wird.

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Ich hätte nie gedacht hierher zurückzukehren...

Schwerter-Kombos und Holzhammer-Philosophie

Fangen wir damit an, was es ist und das ist klar definierbar, ein Action-Adventure. Ihr habt viel Story, optionale Quests, einen guten Schuss RPG-Elemente und einen reinen Action-Kampf. Dieser basiert auf einem an Devil May Cry angelehnten Mix aus Nah- und Fernkampf, wobei letzterer mit Magie geführt wird, im Gegensatz zum eher Tech-verliebten Nachfolger. Das erlaubt eine Vielzahl von mächtigen Attacken, die dann echten Schaden machen und den Energiebalken schnell leeren. Dauerfeuer als Support habt ihr dagegen ständig und es ist der der übliche Mix aus der Entscheidung, wann man an welchen Feind wie herangeht. Manche sind empfindlicher gegen Magie, andere arbeitet man mit leichten und schweren Waffenhieben ab. Es gibt auch vier verschiedene Waffentypen mit der Zeit und in jeder dieser Kategorien noch mal Abstufungen aus Angriffsgeschwindigkeiten und Effektivität. Es ist ein rundherum solides Kampfsystem, das viele Optionen bietet und mit dem man lange Spaß haben kann. Sogar fünf Mal durch das fast gleiche Spiel, wenn es sein muss.

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Vom 2D-Hüpfer geht es in die...

Das ist aber nicht, wofür Nier berühmt wurde. Das wäre zum einen seine verschrobene, leicht philosophisch angehauchte Story, die einen schon mal aus der Bahn werfen kann. Sie ist einfach viel zu clever für ein Spiel, das zumindest in Teilen von einem pubertierenden Dreizehnjährigen entworfen wurde. Ja, es gibt Gründe für alles, aber wenig Gründe, es nicht ein wenig anders zu lösen, wenn man denn will. Bisschen weniger Holzhammer wäre hier und da vielleicht gut gewesen? Ich bin mir nicht sicher, vielleicht funktioniert es alles auch einfach nur deshalb. Nier hat eine Stimmung, die einen immer ein wenig auf dem falschen Fuß erwischt und deshalb ist das wohl alles gut so. Deshalb ist es wohl wichtig, dass die weibliche Hauptrolle die Kleidung eines Victoria's-Secret-Models mit dem Wortschatz eines angepissten Seebären verbindet. Aus... Gründen.

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...3D-Bullet-Hell. Nier probiert halt gern was aus.

Was den philosophischen Teil angeht: Ja, das ist alles etwas cleverer als Devil May Cry, aber auch nicht mehr als die Matrix. Wer hier gedankliche Erweckungserlebnisse erwartet, weil ihm ein heute 25-Jähriger sagt, dass das alles super-deep war und dieses Spiel sein Leben verändert hat, darf nicht vergessen, dass der Erzähler damals 15 war. In dem Alter ist eine Menge super-deep. Nüchtern betrachtet schlägt sich Nier ganz gut mit seiner Mischung aus ein paar mehr Gedanken zu Hintergründen der Existenz und dem Holzhammer, den es sich dabei immer wieder mal schnappt.

Sei dir selbst treu und erfinde dich immer frisch - Das ist Nier.

Mehr fasziniert mich bis heute die Lust Niers, ständig mit seinem Gameplay zu experimentieren, ohne dass es dabei komplett Umbrüche macht. Die Grundbewegungen, Möglichkeiten und Kampfabläufe sind fast immer gleich, aber mal geht es in einen 2D-Gameplay-Modus, während ihr euch ein großes Gerüst hocharbeitet, einfach, weil es in dem Moment passt. Dann wieder denkt sich Nier, dass es jetzt doch mal ein Resident Evil sein könnte und schickt euch durch ein unheimliches Herrenhaus, indem es sogar die Farben dimmt, ein wenig das Tempo rausnimmt und mit festen Resi-Classic-Perspektiven arbeitet. An anderer Stelle erinnert fast an eine Art Diablo-Action-RPG, während ihr einen Bereich erkundet, der praktisch ein Dungeon ist. Wenn es ganz wild wird, dann wundert euch nicht, dass ihr für ein paar Minuten mal ein Text-Adventure spielt. Hey, selbst Sokoban taucht kurz mal auf. Und natürlich wird auch mal geangelt, es ist ein Spiel aus Japan.

Da steckte damals ganz viel Mut drin, so etwas zu tun und seitdem hätten ruhig ein paar mehr Spiele diesen Mut teilen dürfen, vor allem, wenn sie es so elegant und nahtlos hinbekommen. Angesichts vieler weiter Wege, auf die einen das Spiel gerne immer wieder hin- und herschickt, was der vielleicht schwächste Aspekt von Nier ist, lockert all das den Ablauf ungemein auf. Dazu noch eine Vielzahl solider Bosskämpfe und es fällt gar nicht mehr so auf, dass ihr im Grunde das gleiche Game fünf Mal für das Finale durchspielen müsst. Nun, meistens. Ein paar weniger Wege hier und da hätten Nier gutgetan, aber ich sehe auch ein, dass es schwer gewesen wäre, hier zu straffen, ohne Essentielles umzugestalten.

Jetzt mit mehr Frames und einem Ende extra. Aber Nier bleibt Nier.

Dass das nicht die Absicht war, das wird einem schnell klar. Von den oft redundanten Nebenmissionen - Fetch-Quest-Galore -, hin zu den eigenwilligen und oft umständlichen Schnellreisemöglichkeiten wurde hier eigentlich nur eine wirklich wichtige Sache angefasst und das ist die komplette Vertonung des Spiels - auf Englisch. Es ist immer noch das Remake eines Nischentitels, aber zumindest ist die Vertonung ausgezeichnet gelungen. Alle wichtigen Figuren, euer selbstverliebter Begleiter Grimoir Weiss allen voran, bekamen wunderbar passende und gut gesprochene Stimmen, die ich mir ziemlich genau so vorstellte. Das bringt schon einen guten Stimmungsgewinn mit sich.

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Orte, die man nicht vergisst. Auch wenn eigentlich da nicht viel passierte und man die meiste Zeit nur rumlief.

Die Grafik selbst ist in HD und 60 Frames natürlich weit klarer, es wirkt alles weiter und dadurch verlassener und auf eine seltsame Weise noch unwirklicher als zuvor. Es ist eine sehr ruhige Post-Apokalypse und die leicht ausgeblichenen Farben, mit ein klein wenig mehr Härte durch die schärfer gezogenen Polygonkanten, entfalten eine subtile Wirkung vom Ende der Welt. Hier würde ich sagen, dass die Stimmung sich im Gegensatz zu Demon's Souls nicht verändert, sondern intensiviert und das ist definitiv gut. Außerdem macht Kämpfen mit 60 Frames sehr viel mehr Spaß, das ist also definitiv eine gute Sache.

Die Musik ist zum Glück unantastbar. Man murkst nicht an Perfektion herum, außer vielleicht, um ein wenig den Staub der Low-Res-Aufnahme abzupusten und eine ganz dezent klarer klingende Version zu nutzen. Was hier gemacht wurde, also alles gut. Dieser Soundtrack ist mit seinen vielen Stimmungen und Chorälen ein Epos, bei dem man sich damals schon wunderte, wie ein solcher Paradiesvogel von einem Spiel zu so einem Werk kommen konnte. Aber beide sind getrennt voneinander nicht mehr vorstellbar und ein nicht zu kleiner Teil dessen, was Nier auszeichnet, kommt aus diesem einzigartigen Soundtrack. Einer der besten, den ihr je in einem Spiel hören werdet.

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Hey, alter Freund! Sahst nie besser aus.

Ansonsten ist das neue Ende sicher die wichtigste Änderung, während die neuen Kostüme und Mini-Dungeons eher in die Kategorie Fleißarbeit fallen, die bei einem solchen Remake nötig ist. Man will ja etwas sagen können, wenn man danach gefragt wird, und das wird hier auch geliefert. Nett, schön, dass es da ist, es macht Nier weder zu einem besseren noch zu einem schlechteren Spiel. Sagen wir es so: Wenn ihr Nier damals schon nicht mochtet - was ich für völlig legitim hier halte, es ist halt sehr eigen -, dann wird dieser neue Content daran herzlich wenig ändern.

NieR Replicant ver.1.22474487139... Test Fazit

NieR Replicant ver.1.22474487139... ist der gleiche schräge glückliche Unfall, der es damals schon war. Es hat fast nichts von seinem Charme eingebüßt und selbst in einer Welt voller schräger Indies ist dieser schrullige Genre-Crossover mit Mut zur eigenen Neuerfindung im Minutentakt immer noch etwas ganz Besonderes. Das liegt zum Teil an seinem brillanten Soundtrack, zum Teil an seinen schrägen Charakteren, zum Teil an seinen etwas tiefer greifenden Story-Gedanken, zum Teil an der surrealen Atmosphäre der kleinen Spielwelten, zum Teil an seiner Lust, einfach was auszuprobieren... Alle diese Teile addieren sich zu mehr als ihrer nackten Summe und definieren ein Spiel mit Charakter.

Es ist kein fehlerfreier Charakter. Die Laufwege sind immer wieder zu lang und werden zu oft wiederholt, etwas dessen sich das Spiel sogar bewusst ist und über das es hier und da ein Witzchen macht. Das ist sympathisch, macht es aber nicht immer besser. Das Kampfsystem läuft nun wunderbar flüssig, ist aber weniger ausgetüftelt als andere Kombo-Kampf-Giganten. Die Nebenquests glauben nicht daran, dass eine öde Idee nicht besser wird, wenn man sie mehrfach wiederholt und probierten es immer wieder. Nichts davon greift das an, was Nier seine Stärke gibt und zu einem außergewöhnlichen Spielerlebnis macht. Ein perfekter Charakter hätte wohl nicht so viel Charme wie dieser erz-japanische Eigenbrötler. Nier ist einfach das perfekte Spiel, wenn ihr denkt, dass euch die ganzen polierten, gradlinigen Action-RPG-Adventures einfach nicht mehr so abholen und es muss einfach mal was anderes sein. Nier ist ein Spiel, bei dem man endlich mal wieder was fühlt. Das allein macht es schon zu einem Gewinner für mich.

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Wahre Worte, Kaine, gelassen ausgesprochen.

Und einfach, weil ich es kann, schließe ich mit dem einzigen 1-Punkt-User-Review auf Metacritic. Weil es eine so großartige Zeile ist, bei der der Verfasser erkannte, worum es geht, sich um 180 Grad drehte und zielstrebig in die komplett falsche Richtung davonstapfte. Für Genießer also, hier im unverfälschten Original: "bought this game free along with the sims 3 ps3 any ways i played thru first 10 min it was so boring now it same like final fantasy but final fantasy series way better". Nein, ihn wird auch das Remake nicht mehr abholen können.

  • Entwickler / Publisher: Square Enix /
  • Plattformen: PC, PS4, PS5, Xbox (getestet auf PS4)
  • Release-Datum: 23.4.21
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere als Untertitel, Audio Englisch
  • Preis: ca. 60 Euro

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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