Wovor uns unsere Eltern nie gewarnt haben und warum ich sherlocked bin - "Nutze X mit Y"

Die Adventure-Kolumne, Teil 1. 

Herzlich willkommen, ihr Adventure-Heads und Fans gepflegter Rätsel-Unterhaltung. Wie ihr seht, habe ich hier nun hier meine kleine Rubrik für all die nerdigen Point-and-Click-Abenteuer, Rätsel- und Puzzle-Perlen und die vielen anderen Dinge, die coole Kids nicht spielen.

Ich bin aber kein "cool Kid", sondern Judith, eine der "Neuen" bei Eurogamer, die all das mit brennender Leidenschaft spielt, was sogar Kellernerds zu geekig finden.

Gemeinsam toben wir uns in meiner neuen Kolumne "Nutze X mit Y" ab jetzt regelmäßig mit verschiedenen Adventures aus - von absurden Unterhaltungstiteln á la "nutze Arsch mit Eimer" bis hin zu tiefsinnigen Heldenreisen.

Nicht zu empfehlen für FPS-Fans, Adrenalin-Junkies und diejenigen, die eine Phobie vor Gedankenstrichen haben - sehr zu empfehlen für alle, die gerne knobeln oder spannende Geschichten lieben. Ihr gehört zur zweiten Kategorie? Klasse, dann mal los!

Kannste schon so machen, aber ist halt dann ... genau richtig so

Zwischen Kindskopf und Doofkopf

Wo hat sie eigentlich begonnen, diese Rätsel-Lust mit der Maus? Tatsächlich hatte ich schon als Kind einige PC-Spiele, die ich jetzt Point and Click nennen würde. Damals hatte ich dafür noch keine Bezeichnung, sie waren einfach nur witzig und ein guter Grund, in die Leihbibliothek zu gehen. Ich gebe es ja zu: Ich war da meist nur wegen der Videospiele - sorry, liebe Erzeuger mit hoch-pädagogischen Ansätzen! Aber hey, es hat meine Karriere doch beeinflusst, oder?

Apropos pädagogische Ansätze: Point and Click ist ein Genre für alle Altersgruppen, ganz egal ob man nun wie ich als Kind Wendy, Bibi und Tina oder TKKG suchtet oder später Edna ausbrechen lässt. Es gibt ja auch sooo viele familientaugliche Adventures mit putziger Grafik und ... Moment, was ist denn DAS? Pure Anarchie und Zerstörung?

Tja: Denkt doch mal zurück an die geliebten Lucas-Arts-Klassiker: Point and Click war immer auch Chaos und das mit bestem Gewissen, denn jede Zerstörung war nur ein notwendiger Schritt innerhalb der Handlung:

Ich jage Benjamin Franklin in Day of the Tentacle einen Blitz rein? Upsi, naja... musste ich ja tun, dem Plot zuliebe. Ich vergifte einen unschuldigen Matrosen in Grim Fandango? Der Plot will es! Ich bewerfe in Harveys neue Augen ein harmloses Kind mit einem Bienen-Stock? Immer noch: PLOT! Man könnte sagen: Point and Click Adventures sind Spiele mit ohne Konsequenzen und das ist zur Zeit genau das Richtige!

Monkey_Island
Ein Point and Click ohne Vandalismus ist wie ein Arbeitstag ohne Kaffee. Möglich, aber sinnlos!

Wirklich? Chaos haben wir doch aktuell genug. Aber ohne Konsequenzen? Wohl kaum. Seit der Pandemie sind wir dem realen Chaos immer wieder ausgeliefert. Wäre es da nicht mal cool, das Chaos bei den... ähm... Beinen zu packen und selbst einmal so richtig Unruhe zu stiften? Keine Lust mehr auf Opferhaltung: Jetzt folgen Taten... zumindest geklickte!

Im Point and Click sagen wir nicht "das darf man nicht!", wir sagen "tja, Teil des Plots!" and I think that's beautiful!

Mit dieser rotzfrechen Gewissheit habe ich kürzlich auch das Steam Game Festival unsicher gemacht. In der Demo zu PRIM setzte ich meinen Vater bedenkenlos unter Drogen, warf in Slender Threads Hindernisse auf die Straße oder leckte mit meinem Katzendetektiv in Nine Noir Lives alles an, was nicht schnell genug weglaufen konnte.

Manchmal ist die Adventure-Anarchie aber auch eine Gratwanderung zwischen spaßiger Zerstörung und... naja, sich einfach wie ein Arsch aufzuführen. Das kann dann nämlich so weit führen, dass man sich mit der Hauptfigur gar nicht mehr wirklich identifizieren will und genau dieses Problem hatte ich mit der eigentlich beliebten Deponia-Reihe.

Unpopuläre Meinung, ich weiß, aber Protagonist Rufus wurde für mich nach einem lustigen Auftakt von Mal zu Mal mehr zu einem Mistkerl, dem andere Menschen und vor allem sein weibliches Umfeld völlig egal sind - Frauenklischees und rassistische Andeutungen inklusive. Ich sage nicht, dass mir einiges an der Saga nicht sehr viel Spaß gemacht hätte, anderes ist dagegen grenzwertig.

Da bleibe ich lieber beim Ur-Kindskopf, dem knuffigen Krawallmacher Guybrush Threepwood aus Monkey Island. Der schafft es irgendwie immer, sich seinen Charme zu bewahren, egal wie viele Kollateralschäden seinen Weg pflastern. Es mag an meinem verklärten Nostalgie-Blick liegen, aber für mich blieb der mächtige Pirat irgendwie immer im witzigen Rahmen.

Edna
Edna ist ein Musterbeispiel für Vandalismus, sogar ein bisssschen mehr, als der Plot verlangt

Auch bei der guten Edna aus Edna bricht aus, überschreitet der Vandalismus immer wieder die Grenze des guten Geschmacks, nur hier nicht ohne einen kritischen Unterton. Das Spiel wirft genau die Fragen auf, ob wir richtig handeln oder nicht, ohne uns im Plot eine Wahl zu lassen - ein ziemlich spannender Ansatz, der nachdenklich stimmt, statt wie bei Rufus einfach ohne Wenn und Aber alle ins Verderben zu stürzen.

Jaja, da haben uns unsere Eltern jahrelang vor Ballerspielen gewarnt und hätten uns eigentlich die Point-and-Click-Adventures aus den schwitzigen Teenie-Händen reißen sollen. Um es als Clickbait-Schlagzeile zu formulieren: Adventures sind eine Anstiftung zum Vandalismus. Und meistens ist das verdammt geil.

Das gilt natürlich vor allem für die Genre-Klassiker. Bei vielen moderneren Adventures schleicht sich plötzlich etwas Schreckliches unerwartet von hinten an, nämlich Verantwortung, iiih! Aber moralische Dilemmata machen Titel wie The Wolf Among Us, Live is Strange oder Detroit Become Human ja erst so intensiv.

Vom Abschalten mit mutwilliger Zerstörung bis hin zu herzzerreißenden Entscheidungen hat in der Adventure-Landschaft irgendwie alles seinen Platz - solange man nicht zu krampfhaft versucht, mir Mistkerle als lustige Chaoten anzudrehen. Nene, da durchschaue ich euch!

Gezockt und sherlocked - Frogwares neuster Streich

Fernab des rohen Vandalismus aus der Welt des reinen Verstandes steht bereits ein weiterer Mistkerl, ...ääääh... ich meine natürlich Held in den Startlöchern, der aus der Rätselspiel-Landschaft kaum mehr wegzudenken ist. Tatsächlich erfreut sich der Gute seit über einem Jahrhundert endloser Beliebtheit und wurde in Tausenden von Büchern, Filmen und Serien mit Begeisterung verbraten - die Rede ist natürlich vom Meisterdetektiv himself, Mr. Sherlock Holmes.

Auf den Bildschirm mogelt er sich dieses Jahr auch mal wieder mit Sherlock Holmes - Chapter One, dem neusten Detektiv-Streich von Frogwares und letzten Monat gab es endlich Gameplay zu sehen. Gut, der Einblick war so winzig, dass man fast die Lupe rausholen müsste, mir hat das aber schon gereicht, um sie von Neuem zu entfachen, die Sherlock-Begeisterung. Ich bin wohl auch leicht zu beeindrucken!

Aber was ist so interessant daran, Sherlock zu spielen? Warum habe ich tatsächlich Lust, in die Rolle eines arroganten, soziopathischen Schlaubergers zu schlüpfen? Vielleicht, weil ich dadurch mal eine ganz andere Art von Videospiel-Held sein darf - kein Haudrauf im Unterhemd, kein Barbar mit Keule, der nicht bis drei Zählen kann, kein harter Kerl, sondern ein feingeistiger Denksportler.

Ja, ja, Krieger sind total cool und so, aber manchmal will ich nicht immer nur stark, sondern vielleicht auch mal klug sein und da kommt er ins Spiel - das Kombinationsgenie, diesmal noch dazu in jung! Im "ersten Kapitel" des Meisterdetektivs tritt nämlich Young Sherlock als knuffig-androgyne Augenweide auf: aufgeweckt, voller Tatendrang und noch ein wenig grün hinter den wachsamen Ohren.

Vielleicht ist das auch genau, was Frogwares Spielereihe jetzt braucht. Der letzte Sherlock-Teil, The Devil's Daughter, war so ziemlich die ultimative Verschlimmbesserung in Adventure-Form. Darin versuchte Frogwares alles neuer, frischer, moderner und wilder zu machen und machte dagegen alles ein kleines Bisschen schlechter als beim Vorgänger Crimes and Punishments.

War wohl nichts, einfach einen jugendlichen Anstrich auf das alte Konzept zu klatschen, also muss ein radikaler Schnitt her: Kein gereifter Detektiv, kein England, kein John Watson. Dafür gibt es eine paradiesische Mittelmeerinsel und einen neuen Sidekick, mit dem kreativen Namen Jon.

Puhh, das sind viele Veränderungen (vor, allem das gestrichene h!) und ja, ich war auch skeptisch. Doch selbst in einem so "traditionellen" Genre wie dem Adventure, kann man eben nicht immer alles einfach gleich machen. Manchmal muss was Neues her. Neues Gameplay-Material zum Beispiel! Laut Frogwares soll ein Trailer diesen Monat noch mehr Einblicke in Chapter One liefern. Noch mehr als die aussagekräftigen 30 Sekunden davor!

Ironie beiseite - ich muss zugeben, ich bin aufgeregt oder wie meine verrückte Netflix-Generation sagen würde: sherlocked.

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Über den Autor:

Judith Carl

Judith Carl

News Redakteurin

Die Neue bei Eurogamer. Adventure-Freak und Fan von guten Geschichten. Begeisterte Sängerin. Mag Rollenspiel, Podcasts und Trashfilme.

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