Anno 1701

Richtig geil aufs Detail.

Wie fabriziere ich einen würdigen Vertreter einer Serie, wenn der Vorgänger - trotz guter Verkaufszahlen - solch herbe Kritik einstecken musste? Kleiner Rückblick: Zu hoher Schwierigkeitsgrad, schwache KI-Weiterentwicklung, instabiler und somit quasi nicht vorhandener Mehrspielermodus. Zunächst hole ich mir einen anderen Entwickler ins Boot. In diesem Fall Related Designs (No Man's Land, 2003). Dann löchere ich die Fangemeinde mit einer ausführlichen Befragung und verbessere dahingehend das Konzept. Jetzt noch ordentlich Geld rein pumpen. Bei schlappen zehn Millionen Euro die bislang teuerste, deutsche Produktion. Fehlt nur ein schönerer Anstrich in 3D und fertig. Und was soll ich sagen? Ich bin ein absolutes Genie. Anno 1701 kann sich sehen lassen.

Das Beste gleich zu Beginn: Es gibt definitiv einen Mehrspielermodus. Und er soll wirklich funktionieren. Per LAN oder Internet für bis zu vier Spieler. Laut Sunflowers sogar mit möglicher Gemeinschafts-Siedelei im Endlosspiel. Für den einen oder anderen friedfertigen Aufbau-Experten ist demnach gesorgt. Der Rest von uns darf sich - Gott sei Dank - in wilden Schlachten austoben. Denn mal ehrlich: Was ist lustig daran, Händchen haltend die Wirtschaft unserer Metropolen anzukurbeln? Ist es nicht wesentlich spaßiger, jemand anderem ins Kielwasser zu pinkeln? Quasi mit einem hämischen, "Ach, Du brauchtest die Tabak-Ressourcen für die Weiterentwicklung Deiner Städter? Das tut mir jetzt aber echt leid, dass ich da meine Plantage hingestellt habe." Geht natürlich auch eine Spur gehässiger. Kurzerhand alle Aufträge des freien Händlers unter den Nagel reißen und schon ist der lukrative Zusatzverdienst unserer Kontrahenten futsch. Wie heißt es gleich so schön in einem alten Lied der Ärzte (in abgewandelter Form)? "Ja, so muss ein Wettkampf sein, dreckig, fiese und gemein...heja-hooo.....

Ausradiert

1
Was "Gelb" nicht weiß - Blau ist ein umgebauter Sternenzerstörer.

Zwei Sätze stechen bei einem Besuch der offiziellen Website ins Auge - "Anno bleibt Anno" und "Anno 1701 vereint die Stärken der erfolgreichen Vorgänger". Im Klartext: Das Basis-Modell besteht weiterhin, allerdings ohne nervige Zipperlein. Stellt sich nur die Frage, wieso die Kampagne mit über Bord musste. So schlecht hatte ich die gar nicht in Erinnerung. Nadine Knobloch, PR-Managerin von Sunflowers klärt uns auf: "Anhand der Ergebnisse unserer ausführlichen Umfrage konnten wir eine deutliche Tendenz zum Endlosspiel erkennen. Also haben wir uns natürlich erst einmal auf diesen Aspekt konzentriert." Bevor nun die Gerüchteküche brodelt: Mit "erst einmal" ist nicht gemeint, dass bereits an einer Erweiterung gewerkelt wird - auch wenn das natürlich schön wäre. Es fehlte schlichtweg die Zeit den selben Aufwand noch einmal in eine Kampagne einfließen zu lassen, ohne dabei den Erscheinungstermin ins Jahr 2007 zu verlegen. Einen kleinen Trost gibt es dennoch: Neben dem Endlosspiel versprechen zehn umfangreiche Missionen mit über 100 Nebenaufträgen reichlich Tiefgang.

Der Aufbau gestaltet sich also weitgehend wie gehabt: Kontor platzieren, Wohnhäuser und Produktionsstätten errichten, Straßen verlegen, Marktstände setzen, expandieren, um die Sonderwünsche der Bevölkerung zu befriedigen, Handel mit freundlich gesinnten Nationen, gegebenenfalls Krieg mit den weniger freundlichen. Neben der vereinfachten Benutzeroberfläche sorgen zahlreiche Neuerungen für einen noch flüssigeren Ablauf. Beispielsweise durch einen kleinen Gehweg an jedem Haus, der den Einwohnern den Besuch der Kapelle oder des Wirtshauses erleichtert. Das neue Dorfzentrum gibt ab sofort Auskunft über die Stimmung in der Bevölkerung. Sinkt die Laune, kannst Du Abhilfe schaffen, bevor sich die ersten Mannen in den Entwicklungsstufen zurück bewegen und ihre schönen Villen gegen schlichte Holzhütten eintauschen. Darüber hinaus lockt der neue Stadtmittelpunkt in Friedenszeiten etwaige Ehrengäste an, die zur allgemeinen Zufriedenheit beitragen. Sei es mitunter der Erfinder, eine Gauklertruppe, ein Kommandant oder gar die Königin.

Giftig sein!

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Zitat meiner Mutter "Lümmel-Getümmel im Grünen".

Wer schon Hand an die Vorgänger legte, weiß, wie schwer die Organisation einer Stadt auf die Tasche drückt. Kaum läppert sich etwas Geld zusammen, fließen die hart erarbeiteten Taler auch gleich wieder in die Bedürfnisse der Städter. Anno 1701 zeigt sich zuvorkommend und beschert neben dem üblichen Handel noch drei weitere Einnahmequellen. Zum einen die Königin mit ihren kleinen Finanzspritzen. Zum anderen der bereits angesprochene freie Händler, dessen Aufträge mit nötigem Zaster und zusätzlichen Waren belohnen. Und zu guter Letzt die aus Anno 1602 bekannte Steuerschraube. Ein kurzer Dreh und die Bewohner berappen mal mehr, mal weniger. Quetscht Du jedoch zu viel raus, löst es Demonstrationen und Aufstände aus.

Die Kriegsführung bleibt weiterhin optional. Allerdings existiert sie nun auf zwei Ebenen. Die Angriffe via Kriegsschiff und Militär und die Geheimdiplomatie. Während bei den direkten Schlachten kleinere Truppenverbände von Artillerie, Infanterie und Kavallerie in den Kampf ziehen, kommt die Alternative recht hinterfotzig daher. Per Logenhaus greifst Du unter anderem auf Bombenleger, Spione, Saboteure, Demagogen (bringt gegnerische Arbeiter dazu, ihre Arbeit niederzulegen) und Giftmischer zu. Setzt Du diese gezielt auf den Konkurrenten an, schädigst Du ihn in allen Bereichen. Deckt er die Pfuscherei jedoch auf, ist Dein Ruf ruiniert und Handelsbündnisse mit anderen Völkern (Asiaten, Azteken, Inder etc.) werden aufgelöst. Recht riskant, aber sicherlich wesentlich interessanter als pures Gemetzel.

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Wer so eine strukturierte Stadt baut, ist entweder ein Genie oder seit 237 Stunden vor dem Rechner.

Optisch wandelt Anno erstmals auf 3D-Pfaden und - um es kurz zu machen - es sieht einfach fantastisch aus. Ob Flora, Fauna, Bauten oder Einwohner - alles ist bis in den kleinsten Pixel detailliert und strotzt vor Lebendigkeit. Setzen dann Naturkatastrophen wie Wirbelstürme, Erdbeben und Vulkanausbrüche ein, lässt man sich schnell von dem Anblick hinreißen und vergisst dabei zuweilen die panischen Untertanen. Ein bisschen Schwund ist halt immer!

Ich weiß eigentlich nicht genau, was ich hier noch groß erzählen soll. Dass Anno 1701 bereits jetzt mehr als überzeugt? Dass der Spruch "Das beste Anno aller Zeiten" auch wirklich zutreffen könnte? Dass mich die Screenshots sabbern lassen, wie einen Hund? Muss ich wirklich auf all diese Fragen noch antworten? Ok. Ja, ja, ja, getan! Anno 1701 hat trotzdem einen wirklich schlimmen Fehler: Es ist noch nicht auf dem Markt.

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