PixelJunk Eden

Die schwierigste Blumentapete

PixelJunk Eden ist ein Kunstwerk. Es offerierte Euch die surreale Transzendenz der übergeordneten Einsamkeit des unbewussten Seins entgegen des Stupors der Inflexibilität gesellschaftlicher Einflüsse in Bezug auf das inkomprensive Gesamtbild.

Blödsinn, lasst Euch nicht täuschen. In PixelJunk Edens optischer Abgehobenheit steckt ungefähr so viel Kunst wie in den Floralmustertapeten bei Starbucks an der Wand, untermalt vom sehr sanften Trance-Beat. Das ist keine Frage der Kunst-, sondern nur eine Geschmacksfrage und über den lässt es sich entgegen der landläufigen Meinung vortrefflich streiten. Mache ich hier aber nicht. Schon allein deshalb, weil sich hinter dem Schleier des „anders“ ein richtig gutes Spiel verbirgt.

Und lasst Euch auch nicht vom Präfix „Pixeljunk“ verwirren. Die Q-Studios scheinen das einfach vor jeden ihrer Titel zu packen, egal ob es nun um ein Rennspiel, eine Turmerstürmung oder eine Gartenbepflanzung geht. Der Name lässt keine Rückschlüsse zu und auch der erste Blick auf das seltsam anmutende Minimalisten-Farbspektakel auf dem Screen offenbart erst nach einigen Minuten, dass es sich hier um einen waschechten Plattformer-Titel handelt.

Die Steuerung lernt Ihr bereits im Hauptmenü bei der Levelauswahl. Euer Grimp – eine mehr oder weniger clevere Wortkreation aus „grip“ und „jump“ – startet mit einem Sprung, aber nicht ganz so wie Ihr es gewohnt seid. Ihr bestimmt lediglich den Absprungwinkel mittels einer angedeuteten Linie. Die Sprungkraft ist immer die gleiche und auch wenn Ihr im Flug noch ein paar Korrekturen am Vektor vornehmen könnt, wird Euch eine komplette Wendung in der Luft nur schwer gelingen. Obwohl er sonst federleicht scheint, bringt der Grimp irgendwie doch einiges an Masseträgheit mit.

Euer Ziel innerhalb eines der zehn „Gärten“ besteht im Aufstöbern von Spektras. Bunt leuchtende Entitäten, die sich natürlich ein gutes Stück außerhalb Euer initialen Reichweite aufhalten. Der Grimp muss zunächst an den Pflanzen hochspringen. Da diese nicht hoch genug wachsen, sammelt Ihr herumfliegende Samen ein, die dann wieder aus größeren Samen an bestimmten Punkten neue Pflanzen wachsen lassen. Und an denen geht es dann weiter in Richtung Spektras.

Es ist zu Beginn eine recht mühsame Erkundungsreise. Große Sprungkraft und geringe Möglichkeiten zur Korrektur ergeben in den ersten Stunden einige wilde Flüge zum Boden des Gartens, wo Ihr mit unterdrückten Flüchen den Aufstieg erneut beginnt. Auch die Fähigkeit des Grimp, einen Seidenfaden von seinem Absprungpunkt aus zu spinnen und daran wie an einer Sicherheitsleine zu baumeln oder per Stickbewegung zu kreisen, verwirrt im ersten Moment. Trotz des New-Age-Coffeshop-Looks entpuppt sich Eden als ein Spiel der steuerungstechnischen Feinheiten mit viel Präzision, die Ihr Euch aber erst ein wenig erarbeiten müsst.

Die Mühe scheint sich zuerst nicht wirklich zu lohnen. Die ersten Gärten verzweigen sich zwar immer komplexer je weiter Ihr kommt, nur ähneln sie sich doch ein wenig. Den Fehler, Eden als netten Event für zwei Stündchen abzuschreiben, solltet Ihr aber nicht begehen. Wie die Gärten selbst wuchs offensichtlich die Kreativität der Designer und spätere Levels werden bei vielen von Euch sicher die pure Entdeckungslust wecken.

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Das Hauptmenü mit drei Spielern. Erkennt man doch sofort.

Immer neue seltsame Teile dieser teilweise riesigen 2D-Tapeten entfalten sich in zuvor ungeahntem Ideenreichtum. Verknüpfte Portale regen Eure Gehirntätigkeit an und wer sagt denn, dass die Gravitation immer nur in eine Richtung wirkt. Richtet Euch auf Verwirrung ein, dazu pures Optikwanddekoacid. Spielerisch überraschend, hochmotivierend und ausgesprochen fordernd.

Eden will gar nicht erst das Spiel für den Gelegenheitsspieler mit Zeitnot sein. Es gibt zwar keine Lebensenergie, keinen Tod und nur wenige Feinde, aber kniffelige Sprungfolgen in geräumigen Leveln erfordern Geduld und Fingerspitzengefühl. Euer größter Kontrahent ist dabei das Zeitlimit. Feinde töten Euch nicht, hindern Euch aber am vorbeikommen. Ihr prallt ab und landet im ungünstigsten Fall wieder ganz unten. Solltet Ihr nicht rechtzeitig genug neue „Zeitsymbole“ einsammeln, schafft Ihr den erneuten Aufstieg vielleicht gar nicht erst.

Das macht den Ansatz der fünf in jedem Level verteilten Spektras schwierig. Ihr sammelt das erste ein, es schickt Euch zurück auf den Hauptscreen und ein neuer Level öffnet sich. Im nächsten Anlauf müsst Ihr das erste Spektra erneut einsammeln und Euch dann zum nächsten vorarbeiten. Es gibt nichts Ärgerlicheres, als kurz vor dem Erreichen des vierten oder gar fünften einen Fehlsprung zu wagen und unverrichteter Dinge zu scheitern. Nicht unfair, aber mitunter sehr, sehr fordernd. Und ganz sicher nichts für den Fünf-Minuten-Quickie zwischen Zähneputzen und Frühstück.

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Ich war mal im Prenzlberg auf ner Party, die hatten so 'ne Tapete.

Eher etwas, um sich zu dritt offline vor eine Konsole zu setzen und den Multiplayer zu genießen. Jeder weitere Spieler kann sich schnell mal dazuschalten, die Punkte werden aber nur dem angemeldeten Profil gutgeschrieben. Dass drei Spieler die Probleme angehen, macht es ein wenig einfacher, solange Ihr im Team arbeitet.

Einzelgänger oder Ungeschickte werden dagegen gnadenlos von der meilenweit herauszoomenden Kamera verfolgt, die den Blickpunkt von Geschehen weg in bedeutungslose Ecken reißt. Eine gerechte, aber grausame Strafe, vor allem wenn das Spektra schon fast in Sicht war. Und eine, die in keiner Weise den Spaß einer erneuten Runde schmälert. Kommt, einmal noch, wir schaffen das!

Und je mehr Ihr entweder allein oder in der Gruppe erreicht, desto schöner wird der wichtigste Garten des Spiels: Das Hauptmenü. Statt einfach die Gärten nebeneinander zu setzen, liegen sie unzugänglich und erst neues Wachstum bringt sie in erreichbare Nähe. Der Anblick des bunten Dschungels ist sogar fast befriedigender als das Erlangen der zahlreichen Bronze- und der einsamen Silber-Trophäe.

Für knappe 8 Eure bietet PixelJunk Eden einen mehr als fairen Gegenwert, was die schiere Menge an Hüpfmöglichkeiten angeht. Tage und Wochen werden vergehen, bevor das letzte Spektra gefunden ist. Nur solltet Ihr ein wenig Vorsicht walten lassen. Der freundliche und psychedelische Look lenkt leicht davon ab, dass Ihr hier ein stellenweise hammerhartes Plattformspiel vor Euch habt.

Gleichzeitig aber auch eines der Besten, denn was Präzision, Frische der Spielmechanik, Levelaufbau und Herausforderungen angeht, lässt sich PixelJunk Eden nicht so schnell etwas vormachen. Es packt Euch vielleicht nicht von der ersten Minute an, aber wenn es Euch hat, lässt es so schnell nicht mehr los. Es ist, wenn Ihr so wollt, das Mario der Coffeeshop-Kultur. Ruhig und doch dynamisch, stylisch bis zum Umfallen und betont individuell.

9 /10

PixelJunk Eden ist ausschließlich im PSN-Onlineshop für recht zahme 7,99 Euro zu haben.

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Über den Autor:

Martin Woger

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