Dungeon Siege: Throne of Agony

Boll zum Trotz

Wie tief muss eine Spiele-Serie eigentlich sinken, bevor sich Uwe Boll an ihr vergreifen darf? Nachdem er schon bei Alone in the Dark, House of the Dead und vor kurzem Blood Rayne den filmischen Grabstein legte, ist nun Dungeon Siege an der Reihe. Warum Firmen wie Gas Powered Games die Lizenz gerade an solch einen untalentierten Regisseur vergeben, ist wohl genauso unverständlich, wie die Tatsache, dass bei jedem Streifen des Deutschen eine ganze Reihe veritabler Schauspieler mitspielen. Ob Ben Kingsley, John Rhys-Davies oder Ray Liotta, selbst Oscar-Preisträger sind sich nicht zu Schade, die furchtbaren Machwerke mit ihrer Anwesenheit zu adeln. Doch die Game-Studios fangen langsam an sich zu wehren. Während zum Beispiel Konami eine Lizenz für Metal Gear Solid verweigert, bleibt den Studios die schon zugesagt haben nur die Möglichkeit, mit neuen hervorragenden Titeln gegen den Untergang anzukämpfen. Da bis auf weiteres kein dritter Teil der Dungeon-Siege-Reihe geplant ist, muss es nun die von den Supervillian-Studios erstellte PSP-Version Throne of Agony richten. Wäre doch gelacht, wenn das Fantasy-Hack’n’Slay Gevatter Boll nicht ein Schnippchen schlagen könnte.

Dank der US-amerikanischen Vollversion mussten wir keine unfertige Preview-Version unter die Lupe nehmen, sondern durften uns - abgesehen von den deutschen Texten - mit einem rund herum fertigen Spiel vergnügen. So bekamen wir einen erstklassigen Eindruck dieses durch und durch amerikanischen Hack’n’Slays, das ab Januar auch in Deutschland zu haben ist. Gleich zu Beginn wird klar, dass der Titel kaum etwas mit seinen PC-Vorfahren gemeinsam hat. Aus dem „taktischen“ Echtzeit-Rollenspiel mauserte sich ein waschechter Diablo-Klon, der einige der Probleme der Vorgänger geschickt umgeht. Degradierte die PC-Version durch ihren automatischen Kampf den Spieler oft zum Zuschauer, führt man bei Throne of Agony jeden Schwertstreich und jede Magie-Attacke selbst aus. Auch die oft unzuverlässigen Party-Mitglieder gehören der Vergangenheit an und reduzieren sich auf einen einzelnen Side-Kick. Dieser füllt je nach Klasse des Hauptcharakters eine andere Aufgabe aus. Während Krieger und Diebin durch Fernkämpfer unterstützt werden, bekommt der Zauberer einen kräftigen Steingolem als Nahkämpfer an die Seite gestellt. Ganz wie bei Vorbild Diablo 2 gewinnen die Begleiter stetig an Erfahrung und auch immer wieder neue Spezialfähigkeiten. Recht klassisch werden also Gegner geschnetzelt, Erfahrung gesammelt und nach schicken Ausrüstungsgegenständen gesucht.

Müde Story, spannendes Gameplay

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Wenn nur alle PSP-Titel so gut aussehen würden...

Nebenbei gibt es natürlich Quests und kleinere Story-Happen, die aber kaum mit Schwergewichten wie Diablo oder Baldurs Gate mithalten können. Im Prinzip gilt es, mal wieder einen Oberbösewicht zu vernichten, der gerade das ganze Land aufmischt – typische Fantasy-Standardware eben. Im Vergleich mit dem direkten Konkurrenten Untold Legends gibt es hier kaum Unterschiede. Warum und wieso geschnetzelt wird, ist dem Spieler eigentlich bei beiden Titeln egal. Doch dafür kann Throne of Agony mit der schickeren Grafik und den intelligenteren Gegnern punkten. Auch beim Game-Balancing und dem wichtigen Ausrüstungssystem ist Supervillian ein gutes Stück Software gelungen. Die für Action-Rollenspiele so wichtige Hatz nach einer besseren Waffe und einer stärkeren Rüstung funktioniert perfekt. Immer wieder gibt es ein dickeres Schwert, einen magischen Gürtel oder eben eine Status-verbessernde Rüstung. Durch den recht zügigen Aufstieg und die später verzweigenden Berufe, zeigt die Motivationskurve eigentlich stetig nach oben. Allein das altbackene Questsystem, das einem nur die Lösung erlaubt, wenn man sich die Aufgabe vorher im Dorf abgeholt hat, kann entdeckungsfreudigen Spielern die Suppe versalzen. Säubert man beispielsweise ein Dungeon von einem Zwischenboss ohne den passenden Auftrag, darf man das Ganze so lange wiederholen, bis man auf den richtigen Auftraggeber stößt.

Mit Button-Smashing zum Ziel

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Die Effekte sind nach wie vor „bezaubernd“.

Gott sei dank gibt es bei Dungeon Siege eine frei begehbare Oberwelt, die es ermöglicht, im Notfall noch mal ein altes Dungeon zu betreten. Oder aber einen Blick auf den nächsten Abschnitt zu werfen. Dieser Umstand mildert das Frustpotential der oben geschilderten Quest-Problematik gehörig ab und verweist lineare Langweiler wie Untold Legends deutlich auf die Plätze. Außerdem gelingt es durch diese Nicht-Linearität hervorragend, für jeden Spielertypen die richtige Spielweise zu finden. Echte Profis werfen sich mit voller Wucht in einen Bereich mit starken Gegnern, Anfänger metzeln so lange Ratten und Wölfe , bis sie auch gegen Zauberer und Untote eine Chance haben. Leider erfordern die meisten Gegner keine spezielle Strategie. Kräftig Draufhauen und Zauberspruch-Spaming führt fast immer zum Ziel. Nur bei ganz wenigen Ausnahmen muss der Spieler das Hirn anschalten, um zu überleben. Mehr Aufmerksamkeit muss man dagegen der eigenen Spielfigur und ihren Werten widmen. Wer nicht richtig aufrüstet und sich auf falsche Spezialfähigkeiten konzentriert, zieht schnell den Kürzeren.

Bei der Präsentation zeigt die PSP ihre Muskeln und überzeugt mit schicker Grafik und gelungenen Zwischensequenzen. Allein die Ladezeiten zwischen den Abschnitten sind anstrengend und fordern die Geduld der Rollenspielfans heraus. Ähnliches gilt auch für die Gespräche mit den NPCs. Da kommt es schon mal vor, dass zwei Minuten lang dutzende Screens durchgeklickt werden, ohne dass eine wirkliche verwertbare Aussage heraus kommt. Hier kann Supervillian noch einiges von Rollenspiel-Opa Diablo lernen, wo die wenigen Gespräche immer auf den Punkt getextet sind. Ein Makel, der genau wie der mittelprächtige Sound zwar nicht gleich der Untergang ist, aber eben den Unterschied zwischen einem echten Klassiker und Standardware macht. Immerhin bietet der Titel einen genialen Multiplayer-Coop-Modus, der es erlaubt, per Wifi gemeinsam die Kampagne zu meistern. Kein Ersatz für eine richtige Online-Funktionalität, aber immerhin ein Anfang.

Eigentlich hätte ich dem kleinen Programmierteam etwas mehr Kämpfer-Geist zugetraut. Throne of Agony ist zwar beileibe kein schlechter Titel, trotzdem haftet der Makel des Durchschnittlichen. An allen Ecken und Enden fehlt die Portion Genialität, die aus der PSP-Version etwas wirklich Großes hätten werden lassen. Das Potential dafür war da, doch wie so oft wurde es nicht ausgeschöpft. Besser als Bolls Fantasy-B-Movie „In the Name of the King – A Dungeon Siege Tale“ ist der Titel nach dem ersten Trailer auf jeden Fall, doch ob es reicht das Ende der Serie abzuwenden, bleibt abzuwarten. Denn dem Schatten von Uwe Boll kann man nicht so einfach entkommen.

Action-Rollenspiel-Fans dürfen ab Januar auf der PSP losschnetzeln.

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Über den Autor:

Kristian Metzger

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