Wie ein guter Wein: Rainbow Six Siege fünf Jahre später ist einfach herausragend

Ist's Gold wert.

Gnadenlos komplexer, aber endlos spannender und hochkompetitiver Shooter, der spannende Geschichten schreibt und bestens gereift ist.

So sieht sie dann wohl aus, die Halbzeit eines Shooters, der nach eigenen Angaben ungefähr einen zehnjährigen Lebenszyklus haben soll. Als jemand, der die Serie gute drei Jahre lang mit geradezu religiöser Hingabe gespielt hat, will ich nicht behaupten, dass ich nicht auch Pausen hiervon gebraucht hätte - bis zuletzt war Hunt: Showdown mein Multiplayer-Shooter der Wahl - und ja, mit strammem Kurs auf den 60. Operator, verliere auch ich so langsam den Überblick.

Trotzdem zieht es irgendwie doch immer wieder hierhier, sei es, nur für ein paar Streams von Leuten, die besser sind, als ich jemals in irgendwas sein werde, oder um selbst ein paar Runden zu spielen - wenn auch ohne dieselben Ambitionen von damals, in jeder Season auf Platin-Rang zu kommen. Ich will immer noch mitreden können, was neue Operatoren wohl mit dem Meta anstellen werden und das ist bald sechs Jahre nach Launch des Spiels alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Deshalb dieser Text. Es ist vermutlich unser erster "Nachtest" eines Spiels, das sich seit Verkaufsstart stark gewandelt hat, aber als jemand, der Siege schon früh arg unterschätzt fand und Leuten ständig gefragt und ungefragt damit in den Ohren lag, ist es mir ein Anliegen, unser "Empfehlenswert" von damals... ein wenig nach oben zu korrigieren.

1
Die Spannung, sich hinter einem Schildträger vorzuarbeiten, ist schwer zu beschreiben

Was nicht heißt, dass Sebastians ursprüngliches Siege-Testurteil seinerzeit nicht das richtige gewesen wäre. Rund lief es nicht gerade, zu Beginn und das Spiel alleine anhand seines Potenzials zu bewerten, wäre der Sache auch nicht dienlich gewesen. Aber stehenlassen will ich es dann auch nicht, dieses für einen dermaßen langlebigen Shooter allzu weltliche Silber. Ich mach' es kurz, versprochen!

Inhalt

Die Abrissbirne unter den Shootern

Wie fängt man bei einem Spiel, das man so sehr ins Herz geschlossen hat an? Nun, am besten mit dem Grund genau dafür: Siege ist einfach etwas Besonderes. Was schon damit beginnt, dass noch nie ein Multiplayer-Titel dermaßen konsequent Wert auf form- und veränderbare Maps gelegt hat. Die Unterscheidung in harte und weiche Wände (und Böden) ist noch vor den vielen unterschiedlichen Operatoren mit ihrer individuellen futuristischen Ausrüstung der Hook, der dieses Räuber-und-Gendarm-Spiel so endlos interessant hält. Für jede Karte und jede Site gibt es mehrere Ansätze für Angriff und Verteidigung, die sich noch je nach gewählter Teamzusammensetzung deutlich unterscheiden.

Wie sehr konzentriert man sich in der Verteidigung ums Objective herum? Mit Roamer oder ohne? Wo schafft man auch in Unterzahl halbwegs zu haltende Engpässe? Welche Sichtlinien will man öffnen, um den Gegner zu überraschen? Wie nimmt man früh einen Angreifer aus dem Spiel? Lohnt sich der Rush auf eines der beiden Objectives und wenn ja, wann? Wo kommt welches Gadget hin? Wo ein Störsender, wo ein Granatenfänger? Hey, ich habe einen wahnsinnig gut versteckten Abstellplatz für meine Drohne gefunden! Und dann erst der Poker auf der Meta-Ebene: Nimmt Noobmaster69 wieder diesen oder jenen Operator und können wir einen harten Counter picken?

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Abseilen - immer noch cool, immer noch viel zu selten in anderen Spielen zu sehen.

Niemals weiß man vorher, was einen erwartet und die individuelle Spielweise jedes einzelnen bedeutet, dass man sich seiner nie sicher sein kann, ob einem nicht doch ein einzelner Verteidiger irgendwo auflauert, oder ob sich doch das gegnerische Team eher eingeigelt hat. Einige Taktiken bewährten sich zwar, aber immer wieder durchkreuzen einzelne Spieler in Solo-Glanzleistungen eure Pläne oder unterlaufen vorgefasste Erwartungen, wie eine Situation verlaufen wird. Zudem ist Siege für einen taktischen Shooter erstaunlich knallig. Die Zeiten, in denen Taktik-Shooter mit hüftsteifen Bewegungsabläufen, fummeliger Steuerung und schwerelosem Gunplay gleichzusetzen waren, beerdigte Ubisoft 2015 endgültig mit einem Spiel, dessen Ragdoll-Tode so schmerzhaft und böse wirken wie sonst nirgends.

Ein Multiplayer-Shooter als Geschichtenerzähler

Es gibt wenig Erbaulicheres, als einen Abschuss durch eine Wand oder den Fußboden zu schaffen und sich dann aus dem Staub zu machen, um mehr Kapital aus der neuen Überzahlsituation zu ziehen. Indirekte Kills durch Sprengsätze auf der anderen Seite einer Rigipswand oder aus dem Keller heraus sind buchstäblich Bombe (mit Szenenapplaus der versammelten Mitspieler). Und wenn man eine verloren geglaubte Runde im letzten Moment doch noch dreht - aus Können oder weil man mehr Glück hatte als Verstand, was beides selbst in meinem Fall extrem häufig passierte - fühlt man sich wie ein Held, über den eigentlich Lieder gesungen werden müssten.

Überhaupt ist es eines dieser Spiele, das Geschichten schreibt, wenn man am Tag nach einem besonders hart umkämpften Match davon erzählt, dass man wie Batman durchs Fenster reinbrach und gleich drei Leute damit überraschte und so maßgeblich für den Sieg in der entscheidenden Runde verantwortlich war. Ich kann nicht glauben, zu was für einem Teufelskerl mich Siege bisweilen machte - und ich bin allgemein ein extrem mittelmäßiger Spieler. Es gibt Partien von vor drei Jahren, an deren beste Szenen ich mich heute immer noch erinnern kann. So ein Spiel ist es.

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Tod von unten!

Gleichzeitig ist es auch ziemlich hardcore. Es gibt einfach so viel zu wissen und herauszufinden. Dennoch ist Siege auch auf niedrigerem Level immer noch ein wahnsinnig spannender Shooter, dessen zerstörbare Umgebungen und listige Schusslinien faszinieren und in dem es Spaß macht, sich mit den Fertigkeiten der Operatoren auseinanderzusetzen. Es ist zugleich leicht und unfassbar schwierig zu lernen. Aber weil Positionierung, List und gute Gadget-Nutzung oft einen entscheidenden Vorteil über Aiming und schnelle Reaktionen verschaffen, bleiben auch weniger talentierte Gamer wie ich mit größerer Wahrscheinlichkeit hierauf hängen als jetzt zum Beispiel auf CS. Sitzfleisch siegt einfach! Höhere Breitenwirkung trotz großer Komplexität und Spieltiefe. Das muss man erstmal hinbekommen. Spätinteressierte sollten sich deshalb nicht von dem Brocken, der dieses Spiel mittlerweile geworden ist, abschrecken lassen und einfach mal ein paar Runden wagen.

Der Stand der Dinge

Das aktuelle Meta ist ab Platin-Rang dennoch ein ziemlich unvergebendes. Hier war selten Zielwasser wichtiger als heute - was ich ein wenig schade finde - und das 20-Sekunden-Meta, bei dem jahrelang das meiste in der letzten Drittelminute passierte, wird nur langsam, wenngleich mittlerweile spürbar, aufgeweicht. Über Jahre haben die Verteidiger einfach so viele Gerätschaften und Methoden zur Abwehr angehäuft, mit denen sich die Angreifer herumschlagen mussten, dass der Spielfluss schon mal zum Erliegen kommen konnte. Wie gesagt: Erst, wenn sich Teams auf einem hohen Level trafen. Und gleichzeitig zog das auf professioneller Ebene auch durchaus die Spannung teilweise bis ins Unerträgliche an. Dennoch gut, dass es sich allmählich entzerrt, vor allem mit der neuen Sprengkraft des letzten Operators Flores. Ein positives Signal für die Zukunft.

Wenn Idris Elba was sagt, stimmt es auch. Der erste Trailer von damals nahm den Mund ziemlich voll

Nach einer Flaute Mitte bis Ende letzten Jahres gehen die Spielerzahlen für Siege mit Year Six wieder ordentlich nach oben. Die Entwickler scheinen auf einem guten Weg zu sein. Aus den Top 10 der meistgespielten Titel auf der wichtigsten PC-Spieleplattform ist Siege so schnell nicht wegzudenken. Wer wegen des Alters des Spiels bedenken hat, den kann ich also beruhigen. Allenfalls mit der bisweilen ziemlich toxischen Community muss man sich arrangieren. Aber welches lange laufendes Mulitplayer-Spiel hat die nicht?

Rainbow Six Siege nach fünf Jahren - Fazit

Was damals wie heute stimmt: Rainbow Six Siege ist ein Taktik-Traum, der gleichzeitig viel davon versteht, die Aufregung und Spannung eines guten, harten Actionfilms zu erzeugen. Kein Match gleicht dem letzten, jeder Charakter biegt das Erlebnis mit eigener Fertigkeitenpalette gerade so, dass die Einarbeitung eine Freude ist. Und bei aller verkopfter Planung sorgt das Nur-ein-Leben-pro-Runde für dermaßen feuchte Finger und Momente jubeltaumelnder Heldentaten, dass man weinen möchte vor Freude. Dass in sechs Jahren nicht ein Shooter die umfassende Umgebungszerstörung aufgegriffen hat, spricht Bände: Es ist schwierig umzusetzen - und wenn man es nicht besser macht als Siege, kann man es auch gleich sein lassen.

Ich habe keine Ahnung, was am Ende dieser zehn Jahre mit Rainbow Six passieren soll, und wie man das hier noch toppen soll. Für den Moment fühlt sich ein Sequel genauso undenkbar an wie eine Neuausrichtung, was vermutlich auch der Grund für das Quarantine-Spin-off ist, das demnächst vielleicht auch mal endlich herauskommt. Für den Moment ist es mir egal: Dieses Spiel zu verfolgen, war mir über fünf Jahre eine helle Freude!

  • Entwickler / Publisher: Ubisoft Montreal / Ubisoft
  • Plattformen: PC, PS5, PS4, Xbox Series S/X, Xbox One (getestet auf PC)
  • Release-Datum: erhältlich
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: ca. 20 Euro, Battle Pass, kosmetische Mikrotransaktionen

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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