Razer Hammerhead True Wireless Pro Test - Razer macht Ernst

Angriff auf die Airpod Pro Klasse.

Nachdem in meinem Haushalt mittlerweile zwei Paar Hammerhead True Wireless im Einsatz sind, war ich sehr gespannt, wie Razers Pro-Version der In-ears sich schlagen würde. Die Feature-Liste ist attraktiv genug: Aktive Geräuschunterdrückung, THX-Zertifizierung, Gaming-Modus für niedrige Latenzen, vier Batterieladungen im Case, um auf insgesamt immer noch nicht klassenbeste, aber mehr als ausreichende 20 Stunden Laufzeit zu kommen, sowie ein paar clevere Upgrades zum Normalmodell machten mich neugierig.

Der Preis ist mit gut 200 Euro allerdings auch recht gesalzen. Stöpsel sitzen in dieser Größenordnung an einer wenig beneidenswerten Position: Für das Geld bekommt man schon durchaus mobile "richtige" Kopfhörer, die dann auch entsprechend ausgewachsener klingen. Sogar von Razer selbst, die mit dem Opus ein schönes Stück Hardware abgeliefert haben (Test dazu kommt nächste Woche!). Tatsächlich muss man den Hammerhead Pro aber selbst in dieser Preiskategorie vor allem klanglich ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Aber der Reihe nach.

Inhalt

Der erste Eindruck und Tragekomfort

Aus der Packung fallen neben dem größeren und deutlich weniger klapprigen Lade-Etui als bei den normalen Hammerhead (Test hier) drei Tütchen an Aufsätzen für die Stöpselspitzen. Jeweils in drei Größen gibt es ein härteres und ein weicheres Modell, sowie einmal Schaumstoffaufsätze von Comply in Medium, die mir mit Abstand am besten gefielen. Aus diesen Optionen richtig zu wählen, ist immens wichtig. Anders als die den Airpods nachempfundenen Hammerhead vom letzten Jahr liegen die Pro nämlich nicht in der Ohrmuschel oberhalb des Ohrläppchens auf, sondern halten sich alleine durch den Gummiaufsatz direkt in eurem Gehörgang.

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Ob einem das gefällt, ist eine Grundsatzfrage. Ich persönlich bevorzuge den stabileren Halt des Basismodells und sehe bei Ohrkanalstöpseln am liebsten noch eine Silikonnase, die sich in der Muschel festsetzt. Das ist jetzt kein singuläres Problem der Pros, eher ein spezifisches Problem mit den Bohn-schen Ohren. Aber Stöpsel wie diese fallen mir einfach häufiger raus oder verlieren den Halt, was dann auch schlechteren Klang nach sich zieht. Vor allem verfügen die Pros über eine automatische Pausenfunktion, die eigentlich toll funktioniert, aber manches Mal auch nur "fehlzündet", weil der Stöpsel etwas verrutschte. Fazit: Ich würde mit ihnen nicht joggen gehen, bin mir aber auch sicher, dass andere Leute dieses Problem mit Stöpseln dieser Art nicht haben. Das wisst ihr selbst am besten. Wenn sie sitzen, sitzen sie aber bequem.

Ein bisschen Ernüchterung an der Codec-Front

Ein überzeugendes Argument für die Gehörgang-Lösung macht Razer dafür beim Sound, denn der überzeugt auch zu dem Preis auf ganzer Linie. Auch wenn bei der Bluetooth 5.0 Anbindung leider nur AAC und SBC unterstützt werden, was längst nicht Hi-Fi tauglich ist - nichtmal aptX ist mit dabei, schade -, klingen sie wunderbar ausgewogen, sauber und dem mobilen Einsatz, aber auch dem gelegentlichen akustischen Wegbeamen, wenn gerade keine größeren Kannen zur Hand sind, vollauf angemessen.

Dass die Bässe durchaus drücken, mag jetzt weniger überraschen, wie wacker sich die restlichen Frequenzbereiche daneben aber bis zum Volumen-Vollausschlag halten, ist alles andere als selbstverständlich. Codec-bedingt gehen irgendwann Details unter, ja, aber bis es soweit ist, klingen die Hammerhead Pro nicht übertrieben tiefergelegt und eigentlich recht natürlich. Hätte ich von einer Firma für Gaming-Accessoires so nicht erwartet. Vor allem, dass man mit der App fürs Smartphone neben der THX Voreinstellung und ein paar anderer Presets noch manuell den Equalizer nachsteuern darf, ist schwer in Ordnung, auch wenn mir der THX-Modus schon sehr gefällt.

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Wer sich für den Gaming-Einsatz wegen des Lags Gedanken macht: Klar, mit etwas Lag muss man leben, aber ehrlich gesagt war die Zehntelsekunde im normalen Modus und vor allem die 60ms im Gaming-Modus für mich kaum wahrnehmbar. Ich würde kein E-Sports Turnier hiermit spielen, aber diese Dinger waren für mich sowohl am Tablet als auch am Fernseher durchaus mehr als eine Notlösung.

So klingen die Razer Hammerhead True Wireless Pro

Im Hörtest stellt sich dieses kabellose Kleinst-Headset als Alleskönner heraus: In Oceansize' "Saturday Morning Breakfast Show" hört man alle drei Gitarren auch im schlimmsten Schraddelgewitter noch fein säuberlich getrennt, auch wenn Vennart und Co. alles daran setzen, dass einem gleich die Ohren zu bluten beginnen. High Hats flirren in der abschließenden Streicheleinheit zärtlich und kristallin über eine Stage, die Stöpsel so eigentlich nicht haben müssten. Schick!

TV on the Radios "Halfway Home" bügelt mit erdigen Mitten über seine mitternächtliche, regennasse Stadtautobahn - ein Bild, das ich bestimmt schon in einem anderen Kopfhörertest verwendet habe, aber es passt halt einfach so gut - und lässt dabei trotzdem noch die besten Handclaps in einem Popsong diesseits der 2000er gleichberechtigt auf den Nebensitzen platznehmen. Ich bin nicht sicher, ob die Pros Tundes außergewöhnlichem Organ maximal schmeicheln - bisschen "dosig" vielleicht - und kann nicht so genau sagen, ob es nicht auch an der Produktion liegen könnte. Aber das klingt ansonsten schon exakt so dick, wie die Band den Song haben wollte.

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Angel Olsens "Lark" fährt in Sachen Vocals deutlich besser - und mit großen, pulsierenden Trommeln neben hysterischen Streichern großes Drama auf, das ich auf großen Kopfhörern schon weniger aufwühlend gehört habe. "Fineshrine" von Purity Ring massiert im Anschluss so gut die Gehörgänge und setzt so wundervoll weiträumige und pointiert-saubere Synth-Highlights, dass man schwören könnte, man spürte die Schallwellen am ganzen Körper. Deafheavens Happy Metal in "Dream House" wird dann angemessen dreckig und frenetisch, ohne ins Chaotische abzudriften. "All I Can" von Sharon van Etten legt auch auf den Hammerhead Pro eine außerordentliche Klarheit und Zerbrechlichkeit an den Tag, die man selbst aus den Backing-Vocals noch verlustfrei raushört und "Triangle" vom Thumper-Soundtrack zieht einen an den Ohren ein endloses, stockfinsteres Fallrohr in die Hölle hinunter.

Ich bin vielleicht nicht komplett begeistert, aber doch sehr, sehr angetan und angesichts des Preises mehr als zufrieden damit, wie sie klingen. Die Bandbreite der Musikbeispiele beweist auch, dass die Pro jeder Art von Spielklangkulisse gewappnet sind, auch wenn die Räumlichkeit natürlich nicht an einen guten offenen Over-Ear-Kopfhörer herankommt, findet man sich auch über die Ohren im dreidimensionalen Raum noch gut zurecht.

Noise Canceling, das sich hören lassen kann

Das erste Noise Canceling von Razer mischt nach meinem Dafürhalten im oberen Mittelfeld mit. Die Dämmleistung eines Bose QC 30 wird nicht erreicht, dafür ist der Pro mit den Comply-Stöpseln schon passiv recht gut versiegelt. Den konstanten Mitten eines fahrenden Autos (und - ich kann nur raten - eines Flugzeugs) hat er wenig Probleme, höhere, plötzlichere Frequenzen werden wie so oft und auch bei Bose hörbar durchgelassen. Er mag nicht so viel rausfiltern wie einige der Geräte, die schon mehr ANC-Erfahrung mitbringen, dafür ist der Klang von Musik oder Podcasts nicht maßgeblich verfremdet, auch wenn natürlich in stillen Momenten ein leises, aber unaufdringliches Grundrauschen hörbar wird.

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Durch die ANC-Optionen schaltet man durch kurzes Halten einer der beiden Touch-Bedienflächen an der Seite der Stöpsel. "An", verstärkte Umgebungsgeräusche für mehr Sicherheit und eben "Aus", mehr braucht man nicht und um ehrlich zu sein habe ich in Pandemiezeiten und ohne große Bahn oder Flughafenaufenthalte selten den Drang gehabt, das ANC zu nutzen.

Die Bedienung

Die per App konfigurierbare Bedienung per Touch lässt wenig Wünsche offen. Standardmäßig verlässt sich Razer darauf, dass ihr die Lautstärke direkt an der Quelle regelt, was verständlich ist, wenn alle Tipp und Touch-Gesten vergeben sind: Antippen für Play/Pause beziehungsweise Anruf annehmen/auflegen, Halten für das Durchschalten des ANC, zweifach und dreifach tippen für vor und zurück sowie dreimal tippen und halten für den Spielmodus - mehr geht einfach nicht und Wischgesten sind nicht vorgesehen.

Ich komme mit der Art der Bedienung gut klar, sicher auch, weil ich schon über ein Jahr die normalen Hammerhead nutze. Schön ist, wie sie sich automatisch verbinden, sobald man die Schatulle öffnet, allerdings dürften Leute mit massigeren Fingern ein wenig länger brauchen, um die tief und gut sitzenden Stöpsel herauszubekommen. Auch hier macht ein bisschen Übung den Meister.

Das Mikrofon und was die Wasserfestigkeit damit zu tun hat

Schön finde ich, dass die Pro sich nach ein paar Minuten Leerlauf selbst ausschalten und mit einem kurzen Drücken auf das Touchfeld direkt wieder "da" und verbunden sind. Das spart für Vielhörer wie mich wahnsinnig viel Akkulaufzeit und lässt die Netto gut viereinhalb Stunden ohne ANC deutlich länger wirken als sie sind. Außerdem sind die Hammerhead Pro IPX4 zertifiziert, was so viel wie "spritzwasserfest" bedeutet. Das galt auch schon für die letzten Hammerhead und die sind ... nun ja, einmal mehrere Sekunden komplett unter Wasser gewesen und funktionieren ein Jahr später immer noch ohne Tadel. Ich gehe aufgrund der beiden Mikrofone für das ANC nicht davon aus, dass diese hier genauso widerstandsfähig sind, aber ausschließen will ich es auch nicht.

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Das Mikro für Sprachchat und Telefonie ist leider eher als zweckmäßig einzuordnen, was nur insofern überrascht, als dass man die Hammerhead Pro ansonsten als sehr souveränen Performer kennenlernt und die Stimmaufnahme dann plötzlich keine wie auch immer gearteten Anstalten macht, besser als ein normales Telefon-Mic zu klingen. Ist bei diesem Formfaktor immer schwierig, schon klar, aber mehr als "klar verständlich" ist hier nicht herauszuholen und wenn bei Multiplayerspielen mal eines eurer Kommandos nicht befolgt wird, liegt das nicht unbedingt an euren störrischen Mitspielern. Vielleicht haben sie euch im dichten Gefecht einfach nicht gehört.

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Razer Hammerhead True Wireless Pro Test - Fazit

Ich mache es kurz: Wer hierfür knapp unter 200 Euro hinblättert, bewegt sich in einem Bereich, in dem man von Jabra bis Apple durchaus Alternativen hat, auch wenn man hier und da ein bisschen mehr hinblättern darf. Qualitativ macht man mit keinem dieser Geräte etwas falsch, die Frage ist eher, ob man in dieser Kategorie nicht doch eher zu Over Ears greift, wenn einem vor allem der Klang wichtig ist. Gleichzeitig ist der gebotene Sound in einem so kleinen Paket durchaus imponierend und das Geld wert, dass man investiert. Verarbeitung, Bedienung und Formfaktor machen die Hammerhead True Wireless Pro zu einem zuverlässigen Begleiter. Ich persönlich bleibe zwar - sofern ich nicht auf Reisen bin (hahaha!) - wohl bei den "kleinen" Hammerhead, weil ich meist eh Podcasts oder Hörbücher laufen habe und für andere Zwecke dedizierte Geräte nutze. Als All-in-One-Lösung machen die Pros aber eine gute Figur.

  • Hersteller: Razer
  • Kompatibel mit: Bluetooth 5.0, per AAC & SBC
  • Anschluss: USB-C
  • Release-Datum: erhältlich
  • Preis: aktuell ca. 190 Euro

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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