Razer Kraken V3 Hypersense - Test: Ist Force Feedback für den Kopf eine gute Idee?

Razer will mit neuer Technik haptisches Feedback in Kopfhörern etablieren. Kann das gelingen? Und was kann das Kraken V3 darüber hinaus? 

Zunächst konnte ich es mir nicht wahnsinnig gut vorstellen, was haptisches Feedback in einem Kopfhörer verloren haben sollte. Deshalb hatte ich allein schon aus Neugierde bei Razer nach einem Testmuster zum neuen Kraken mit Hypersense, wie die Firma das Force Feedback nennt, nachgefragt. Und was soll ich sagen, von dem Gerät bin ich jetzt recht angetan - aber nicht unbedingt aus den Gründen, die groß auf der Packung stehen.

Der Kraken ist ein durchaus anziehendes Stück Hardware: THX-Surround-Sound aus 50mm Titanium-Treibern und eine Verarbeitung und Design, die an unzerstörbares Arbeitswerkzeug erinnern, sprachen mich an. Deshalb hier nach einigen Wochen Dauertest mein abschließendes Urteil über Razers neue Kannen für PC, PlayStation und die Switch, wenn sie im Dock steckt.

Ausstattung, Lieferumfang und Verarbeitung

Fangen wir an wie immer: Aus der Schachtel fällt... nun ja, schlechte Wortwahl: In der Pappbox hält eine Schaumstofffassung das gute Stück bestens fest. Hier fällt gar nichts heraus. Aber es ist auch nicht viel drin. Das ist so schnörkellos, wie es nur geht: Das abnehmbare, biegsame Mikrofon mit schön dickem Schaumstoff-Poppschutz ist das einzige "lose" Teil. Das zwei Meter lange und robuste Textilkabel ist fest am Kopfhörer angebracht, der einem ein wenig vorkommt, wie die Gamer-Version eines Beyerdynamic-Teils. In diesem Segment hat das ja bereits Tradition, wenn man sich zum Beispiel anschaut, was HyperX so macht. Ich mag diesen resoluten Look.

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Darf wohl nicht fehlen, auch wenn man sie selbst nicht sieht: Die RBG-Beleuchtung der Muscheln.

Das weich gepolsterte Kopfband und die Ohrpolster sind angenehm zu tragen. Zu den in Betrieb sichtbaren Seiten hin sind sie aus handschmeichelndem Kunstleder, alle Auflageflächen mit Hautkontakt jedoch sind aus einem atmungsaktiven Textilstoff. Unter dem Headset schwitzt man also nicht mehr, als man unter 50-Millimeter-Basskraftmeiern sonst müsste. Der komplette Verarbeitungseindruck ist ebenfalls tadellos. Nichts knarzt und knattert, so sehr man auch biegt. Auch die Verstellung der Alu-Bügel, welche die Muscheln leider nur kippen, nicht aber schwenken lassen, wirkt solide. Die Ohrpolster lassen sich abnehmen. Nett.

Der Stummschalter und das Lautstärkerad an der linken Ohrmuschel bedienen sich vertrauenerweckend und befriedigend, was auch für den Knopf für die dreistufige Hypersense-Intensität gilt. Setzt man sie das erste Mal auf, merkt man, dass sie trotz 344 Gramm Gewicht gar nicht so übel zupacken, wie befürchtet. Den Mangel an Schwenk-Gelenken gleicht wohl die Dicke der Ohrpolster aus, ich hatte nicht erwartet, dass dieses nicht ganz leichte Headset dann doch so bequem sein würde. Die passive Geräuschisolation empfand ich als ziemlich gut, wenngleich ich dazu sagen muss, dass ich für gewöhnlich einen offenen Kopfhörer trage. Ich hatte aber das Gefühl, der Kraken sei tatsächlich extrem gut darin, Umgebungsgeräusche allein durch die Beschaffenheit seiner Ohrpolster zu dämmen.

Sound in Spiel und Musik

Nachdem Einstecken der USB-Strippe erkennt Windows den Kraken als zwei verschiedene Lautsprecher: Als Razer Kraken V3 Hypersense und als "THX Spatial Audio" Gerät - als letzteres solltet ihr ihn auch benutzen, wenn ihr vom virtuellen Raumklang Gebrauch machen wollt. Das THX-Protokoll habe ich bisher als eine der besten virtuellen Surround-Lösungen kennengelernt, weil sie den regulären Klang nicht maßgeblich verfremdet. Manche konkurrierende Technologien klingen künstlich oder pappig. THX klingt sehr natürlich und stellt jedwedem Spiel klanglich tatsächlich ordentlich Raum hin, sich akustisch auszubreiten.

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Die 50mm-Treiber unter den Muscheln machen für die Preisklasse souveräne Arbeit.

Die Ortung von Explosionen ist ebenso präzise möglich wie von laufenden Mitspielern oder nahenden Fahrzeugen. Im normalen Musikbetrieb erfreut der Equalizer der Synapse-Software, dessen Musik-Preset für ein etwas feiner ausdefiniertes Klangbild sorgt. In Sachen Klang klingt das Kraken dem Preis angemessen - ohne Hypersense sind für dieses Headset etwa 110 fällig und die Wiedergabe entspricht in Pegelfestigkeit und Detailtreue exakt dem, was ich erwartet hatte. Kristalline Höhen sind hier nicht im Programm, aber dank THX gibt es trotz geschlossener Bauform durchaus Bühne.

Der Kraken kommt auch bei hohen Lautstärken nie ins Krachende, die Höhen bleiben sehr lange sauber. Die Mitten haben angemessen Präsenz, sind jedoch bei Gitarrenmusik stumpfer als bei teureren Geräten. Allerdings war ich von der Reproduktion männlichen Gesangs doch ganz angetan. Und die Bässe haben in dieser Preisklasse gute Präzision und Druck, insbesondere im Spielbetrieb überzeugen sie mit schierer Kraft. Zu dem Preis liefert der Kraken V3 aber einen mehr als ordentlichen Sound - sowohl beim Zocken als auch Musikhören. Für einen Gaming-Experten nicht selbstverständlich.

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Keine Frage: Spielehersteller haben dazugelernt. Das ist meilenweit weg von den knarzigen Tritton-Plastikbombern für 200 Euro, die man vor zehn Jahren so bekam.

Was das Mikrofon angeht, so macht sich vor allem der Popschutz doch sehr bemerkbar. Mir ist schleierhaft, weshalb so viele Headset-Hersteller auf ein Stück Schaumstoff für nur wenige Cent verzichten. Die Stimmwiedergabe ist sauber, wenn auch etwas dünn. In etwa Telefonqualität. Nichts womit ich lange Podcasts oder Videokommentare aufnehmen würde, aber zur einwandfreien Kommunikation im TS oder Discord ohne Abstriche geeignet.

Das haptische Hypersense-Feedback

Das in der Einleitung angerissene Hypersense-Feature, das die Ohrmuscheln mit Vibrationen zum Teil des Erlebnisses machen soll, macht tatsächlich ziemlich genau das, was es soll. Ich bin nur nicht sicher, ob mir das immer gefällt. In Games ist es tatsächlich so, dass es den ohnehin schon anpackenden Basseindruck irrsinnig verstärkt, was spätestens auf der dritten und höchsten Stufe eher wie ein Scherz wirkt. Da dröhnt einem schon der Schädel und der subjektive Klangeindruck ist der, den man hat, wenn sich in einer Armlänge Entfernung ein gepimpter Toyota Yaris von der Kirmesmusik aus seiner Bassrolle durch die 30-Zone prügeln lässt. Oder es ist das Brummen, das man hört, wenn man sich im Club eine Pinkelpause vom Dancefloor gönnt - der Rest der Musik kommt nicht an, aber Boden und Wände wackeln. Hier nur eben der Boden und die Wände eures Kopfes.

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'Und jetzt noch einmal für den Fotografen!'

Daran erinnerte es mich. Die höchste Stufe ist also vom Tisch. Auf leicht oder mittel gab es aber durchaus ein paar coole Augenblicke, weil man den Eindruck hat, dass auch die Vibrationen recht gut ortbar sind. Explodiert rechts von mir eine Granate, spüre ich das im Ohr. Ob das angenehm ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich halte es für eine nette Spielerei, die man mit der Zeit immer seltener anstellen wird, bin aber für das Experiment nicht undankbar. Wer darauf proaktiv verzichten möchte, kann zu einem deutlich niedrigeren Preis auch auf ein Kraken V3 ohne Hypersense zurückgreifen. Zu dem Preis wird dieses Stück Technik dann zu einem umso attraktiveren Deal.

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Razer Kraken V3 Hypersense Test - Fazit

Ich gebe zu: der Aspekt, der mich ab diesem Headset interessierte, ließ mich letzten Endes sehr indifferent zurück. Ich bin mir sicher, dass es für viele als Spielerei enden wird, die man mehrheitlich lieber ausgeschaltet lässt, als bewusst auf sie zurückzugreifen. Gleichzeitig nahm Razer die Gelegenheit wahr, mich in dieser Klasse mit offensichtlicher Wertigkeit und einer ihren Preis werten Performance doch noch von dem Kraken V3 zu überzeugen, auch wenn die großen A-Ha-Momente ausblieben. Ein mehr als solides und offensichtlich langlebiges Arbeitstier ist es in diesem Segment aber in jedem Fall.

Die Hypersense Version für 140 Euro verpasst unser silbernes Emblem nur knapp. Für die 110-Euro-Basisversion - ohne die virtuelle Kopfmassage - erteile ich sie aber ohne Einschränkung. Das ist ein cooles, rundes Headset zu einem ordentlichen Preis, den man nicht bereut.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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