Razer Opus Wireless ANC Kopfhörer Test - Boxt oberhalb seiner Gewichtsklasse

Angriff auf Bose und Sony für knapp über 200 Euro.

Razers zweiter Versuch in Sachen ANC nach den überzeugenden In-Ear-Hörern Hammerhead Pro geht den erst seit ein paar Jahren etwas stärker ausgetretenem Weg von Over-Ears, denen an Mobilität gelegen ist. Man denke da an Boses QC 35 oder Sonys WH-1000XM4. Und macht man den hübschen Karton auf und nimmt das schicke Kunstleder-Transportcase heraus, hat man direkt den Eindruck, der allmählich erwachsen gewordene Hersteller von Gaming-Zubehör könnte im Feld dieser Konkurrenz gut mitspielen.

Das bestätigt sich auch, wenn man die "Kannen" dann selbst aus dem Etui nimmt. Die Ohrmuscheln sind um gut 110 Grad dreh- und die Bügel mit einem satten Klicken faltbar, um ein schlankes Packmaß zu erreichen. Das matte Finish fühlt sich gut an, die extrem weichen Kunstleder Ohrmuscheln schmeicheln den Daumen beim Fingertest und die silbernen THX- und Razer-Logos unterstreichen die allgemeine Wertigkeit. Der Clou: Die Opus sind mit nicht ganz 210 Euro vergleichsweise günstig. Bleibt die Frage, ob die Performance hält, was der erste Eindruck verspricht?

Inhalt:

Design, Features und Komfort

Das Headset ist exakt so aufgeräumt aufgebaut, wie es das nüchtern zurückgenommene Design vermuten lässt. Ich finde sie tatsächlich sehr hübsch, auch wenn sie nicht das eine große visuelle Alleinstellungsmerkmal mitbringen und in einer Reihe mit vergleichbaren Geräten nicht weiter auffallen. Die silbernen Highlights könnte man fast übersehen, freut sich dann aber beim zweiten Hingucken umso mehr über sie. Kleines Manko: Wenn man sie nur lose um den Hals hängen hat und die Muscheln um 90 Grad so dreht, dass sie auf der oberen Brust aufliegen, berühren sie sich in der Mitte. Mit der Zeit dürfte das mit an ziemlicher Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit glatte Stellen in der Mattierung verursachen. Kleiner Schönheitsfehler an einem ansonsten unaufgeregten und angenehm dezent durchdesignten Stück Hardware.

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Schlicht. Aber schick. Pflanze nicht im Lieferumfang enthalten.

Auf dem Kopf fühlt es sich spitze an. Nicht schwerelos und ich würde so schnell nicht vergessen, dass ich es aufhabe - dafür packt es zu resolut (aber nicht unangenehm) zu. Die Ohrpolster sehen aus, als könnte man darunter ins Schwitzen geraden, ist mir aber nicht passiert. Ich würde die Opus dennoch nicht in erster Linie als Sportkopfhörer nutzen.

Features wie ein integriertes Alexa findet ihr hier nicht, wohl aber eine praktische automatische Pause, die an PC wie Mobilgeräten die Medienwiedergabe unterbricht, wenn man die Hörer abnimmt - und wieder einschaltet, wenn man sie wieder aufsetzt. Der Tragekomfort ist auf meinem mittelgroßen Kopf stundenlang durchaus angenehm. Die Opus sind gerade schwer genug, um solide zu wirken, aber niemals eine Belastung zu sein. Störende Knarzgeräusche bei Bewegungen oder beim Kauen erzeugt das Headset nicht und auch auf hoher Lautstärke fühlte sich mein privates Umfeld nicht durch "leckendes" Audio gestört. Nicht revolutionär, aber sehr nett ist auch die automatische Abschaltfunktion, womit wir beim nächsten Punkt wären:

Akku und Bedienung des Razer Opus

In Sachen Batterielaufzeit vermeldet Razer mit angeschaltetem Noise Canceling 25 Stunden Einsatzbereitschaft, was viel klingt, aber im Grunde die Norm ist. Gut, dass das Razer diese Zeit aber auch locker durchhält, sogar noch deutlich darüber liegt. Ich würde die Laufzeit näher an 30 Stunden verorten. Ohne ANC dürfte sie noch darüber liegen. In arge Bedrängnis kommt hier jedenfalls niemand. Vor allem auch, weil erwähnte Auto-Aus-Funktion bei Leuten, die wie ich mit ihren Kopfhörern zusammenwachsen, abschaltet, wenn mal ein paar Minuten keine Klänge ertönen, was ich sehr praktisch fand. Es spart nicht nur Energie, sondern sorgte bei mir auch für ein etwas bewussteres Tragen dieser Kannen. Geladen wird etwas über drei Stunden lang, während der man die Opus leider nicht benutzen kann. Aber hey, wer so lange durchhält, hat sich auch mal ne Pause verdient.

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Die Muscheln berühren sich in der Mitte. Könnte zu Abnutzung des Materials führen. Nicht tragisch, aber wissenswert.

Zur Bedienung reichen vier physische (gottseidank!) und gut erreichbare Tasten: Lauter, Play/Pause, leiser und der An-/Aus-Knopf. Das reicht für das Nötigste plus Durchschalten durch die Noise-Canceling-Modi und die Aktivierung des Gaming Modus. Alles in Ordnung und leicht zu merken. Beim zusammenfalten und wegpacken ins Case musste ich mir erst einmal merken, welcher der beiden Hörer nun eingeknickt wird. Aber hatte ich das erstmal raus, ging auch das intuitiv.

Anschlüsse und Codecs

Hossa, es hat aptX über Bluetooth 4.2. Nicht weltbewegend (aptX HD hätte ich lieber gesehen), aber klanglich und in Sachen Ansprechzeit deutlich besser als bei den Hammerhead Pro (Test), die genauso teuer sind. AAC und SBC werden natürlich ebenso geboten. In dieser Preisklasse wäre damit die Schuldigkeit getan. Wer mag, kann auch per mitgeliefertem 3,5mm-Klinkenkabel an konventionelleren Geräten Anschluss finden und klingen dann auch passiv noch exzellent. Man darf sogar das ANC zuschalten, sofern man nicht wegen einer leeren Batterie auf den Strippenbetrieb umgesprungen war. Geladen wird standesgemäß über USB-C.

Razer Opus: Sound und Gaming-Performance

In der wichtigsten Kategorie, dem Klang, stellt sich heraus, dass die Opus tatsächlich mit dem Platzhirsch von Bose, dem QC35, der ursprünglich bei deutlich über 300 Euro startete, mithalten können. HiFi-Qualität ist das noch nicht, der Sound wirkt über das komplette Spektrum hinweg akkurat, präzise und extrem sauber. Der Unterschied zu einem QC35 von Bose liegt in erster Linie darin, dass dessen Bässe einen Hauch tiefer gehen und die Höhen noch eine Idee präsenter sind. Aber das sind Nuancen, über die ich mich bei dem Preisunterschied nur ungern beschwere. Die Stage unter diesen Hörern ist im Bereich des üblichen. Es ist eine ordentliche, aufgeräumte Räumlichkeit, über die man niemandem Liebesbriefe nach Hause schickt. Mehr Pflicht als Kür. Ginge aber schlechter. Alles in allem klingen die THX-zertifizierten Opus für das, was sie kosten, fantastisch!

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Das Falten fühlt sich durchaus befriedigend an. Kleiner als so wird das Opus nicht...

Per Equalizer in der Razer Opus-App lassen sich noch weitere Presets wählen, die auf unterschiedliche Hörgewohnheiten abgestimmt sind, die THX-Voreinstellung lieferte aber erwartungsgemäß das transparenteste, ausgewogenste und schlicht schönste Klangbild ab. Dennoch ist es irgendwie schade, dass - anders als beim Hammerhead Pro - zwar die Frequenzregler abgebildet werden, man sie aber nicht selbst noch ein wenig verschieben darf. Vielleicht kommt das per Update.

Macht aber nichts, die tolle akustische Performance belegt auch mein Musik-Testparkour: TV on the Radios Golden Age presst einem mit dem finalen Drop den Rotz aus der Nase, James Blakes Retrograde setzt mit Handclaps und pointierten Bass Drums schön definierte Akzente an beiden Seiten des Spektrums, während das Piano wunderbar warm über die Körpermitte streichelt. Cobalts Hunt the Buffalo klingt wunderbar wild, als hätte man VIP-Karten zum Konzert des ewigen Black-Metal-Geheimtipps und säße beim Drummer auf dem Schoß. Das Opus wird zu keinem Zeitpunkt hektisch und zuckt auch nicht zusammen, als Charlie Fell kurz vor Schluss wie die Hexe von Blair aus der Krone eines nachtschwarzen Baumes auf den Hörer herabstürzt.

Sharon van Ettens A Joke or A Lie setzt glasklaren Damengesang unter den Opus in wunderschönen Kontext von voluminöser akustischer Gitarre und körperlosen, aber allgegenwärtigen Piano- und Sphärenklängen, ohne einen Zweifel daran zu lassen, wer hier wen begleitet. Bei Molokos Come On gibt sich das Opus ebenso angemessen tanzfreudig wie bei LCD Soundsystems Dance yourself clean. Es weiß, warum man diese Tracks hört und würde wohl auch gern mitwackeln. Die gute Passform macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

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... aber dafür gibt es ja das schöne Case.

In Sachen Gaming ist natürlich mit Lag zu rechnen. Moderneres aptX LL hätte mit nur 40ms Verzögerung Abhilfe geschafft, aber um ehrlich zu sein, sind für mich die 120ms des normalen aptX in den meisten Fällen nicht die Welt. Sicher nicht, um in störendem Maße Lippensynchronität bei Filmen und Zwischensequenzen zu verlieren und im Gaming-Normalbetrieb vollkommen ausreichend. Falls euch das nicht so geht, könnt ihr euch an den Gaming-Modus versuchen, der den Lag halbiert. In der Praxis reichte die Signalstärke dafür aber nicht mehr vom TV zur Couch und es kam zu kurzen Aussetzern. Beim Tablet-Gaming oder direkt am Schreibtisch überm PC, den ihr bespielt, ist es aber deutlich besser. Klanglich überzeugt das Opus hier genauso wie in Sachen Musik, auch wenn mehr Räumlichkeit für exakte Ortung von Geräuschen im Raum nett gewesen wäre.

Ein Dealbreaker ist es nicht, zumal Razer dieses Gerät auch nicht als Gaming-Headset bewirbt. Man kann es aber durchaus nutzen, denn wie gesagt, die Performance stimmt im Großen und Ganzen. Einen Haken hätte es im Multiplayer aber in jedem Fall, denn ...

Das Mikrofon des Razer Opus: Zum Telefonieren gerade gut genug

Das Mikro ist in der Ohrmuschel verbaut und macht seine Sache ... puh... Sagen wir... es ist definitiv ein Mikrofon. Vorhanden. Abgehakt. Am besten nur zum Telefonieren benutzen. Viel mehr muss man dazu nicht sagen. Klingt wie ein altes Telefon. Man versteht sich. Ausreichend, aber nicht unbedingt gut. Und dann kommen noch Umgebungsgeräusche hinzu, die naturgemäß nicht rausgefiltert werden. Ich bin nicht sicher, ob und wie es in dieser Bauform besser ginge. Für lange Multiplayer-Sessions oder geschweige denn Stimmaufnahmen holt ihr euch diesen Kopfhörer sowieso nicht. Aber die eine oder andere Session kann man so auch hinter sich bringen, wenn kein anderes Mic zur Hand ist.

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Stört nicht, sieht ordentlich aus und schaltet bei Nichtbenutzung einfach mal ab. So bin ich eben.

Performantes Noise Canceling

Das Noise Canceling ist als mehr als ordentlich zu bezeichnen. Gleichmäßige Beschallung wie Spiele-Rechner, Backofen-Gebläse, Kühlschrank und Hintergrundgeplapper werden gnadenlos ausgeblendet. Als Fußgänger unterwegs bringt mich der Bose QC35 zwar deutlich häufiger in Lebensgefahr - Moment, habe ich das jetzt als Positivpunkt aufgeführt?! - aber ich kann nicht behaupten, dass der Razer seine Sache schlecht machen würde. Der Effekt, dass man die Musik nicht so sehr aufreißen muss, ist hier durch die Bank gegeben und die Musik wirkt nicht maßgeblich verfremdet, auch wenn sie ohne ANC noch einen Ticken besser klingt. Auch wenn ich ziemlich sicher bin, dass das QC35 subjektiv einen noch besseren Job macht, bin ich in der 200-Euro-Preisklasse hiermit extrem zufrieden. Das ist schon gute Arbeit, auf der Razer in Zukunft sicher noch viele weitere schöne Headsets und Kopfhörer bauen wird.

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Razer Opus Kopfhörer Test - Fazit

Die Redewendung, dass jemand "über seiner Gewichtsklasse boxt", ist die Sorte sportliches Kompliment, die man auch dann noch direkt versteht, wenn man mit Kampfsport nichts am Hut hat: Razer hat hier für 210 Euro ein Gerät auf die Beine gestellt, das problemlos neben teureren im Regal stehen kann und mit Blick ins Portemonnaie für viele die deutlich cleverere Wahl darstellen dürfte. Es macht viel Freude, wie Razer gewissermaßen von unten das Premium-Segment der Unterwegs-Kopfhörer ins Visier nimmt und dabei nicht nur optisch und vom Feeling her wertiges Gerät produzierte, sondern auch eines, das sich nicht verstecken muss, wenn es um Klang und Features geht. Das kann man durchaus als Kampfansage verstehen.

  • Hersteller: Razer
  • Kompatibel mit: Bluetooth 4.2, AAC, SBC aptX, 3,5mm Klinke
  • Release-Datum: erhältlich
  • Preis: ca. 210 Euro

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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