Wie manche Massenmedien über Computer- und Videospiele informieren und welche Auswirkungen das haben kann, wurde gestern in Stuttgart zum Thema: Im Rahmen der Veranstaltung „Familien gegen Killerspiele“, organisiert vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden (AAW), war es einmal mehr zu Ungenauigkeiten bei der Berichterstattung gekommen – was laut Kritikern die Vorurteile in der Bevölkerung schürt. Augenzeugen empfanden die Arbeitsweise diverser Fernsehsender und einer Zeitung vor Ort sogar als manipulativ. Der Tag zeigte darüber hinaus, wie verhärtet die Fronten zwischen Befürwortern des Spieleverbots und den Spielern sind.

Um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, sprach Eurogamer.de vor Ort mit Verantwortlichen des Aktionsbündnisses und Beteiligten der Gegenaktion, die vom Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler (VDVC) zusammen mit der Piratenpartei kurzfristig auf die Beine gestellt worden war. Wie berichtet, ging es dem AAW darum, in einem Container „Killerspiele“ zu sammeln und zu entsorgen.

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Den Container hatte das Aktionsbündnis von einer Künstlerin gestalten lassen.

Ein junger Mann berichtete uns, dass das „Wegwerfen der Computerspiele mit zwei Kindern fürs Fernsehen inszeniert worden“ sei. Man habe den Vorgang für mehrere Kamerateams wiederholt, so Sebastian Staudenmaier. „Die Spiele wurden immer wieder aus dem Container geholt.“ Ferner hätten ihn Mitarbeiter einer bundesweit erscheinenden Zeitung gefragt, ob er sich für ein Foto zur Verfügung stelle. Da waren die Journalisten allerdings an der falschen Adresse: Staudenmaier ist Mitglied der Piratenpartei, die sich gegen ein Spieleverbot einsetzt. Ein „Beweis“-Video von den Filmaufnahmen stellte der Jungpolitiker bei Youtube ein.

Problem war wohl, dass nur sehr wenige Spiele den Weg in den Container gefunden hatten, obwohl das Bündnis im Rahmen der Aktion vor der Stuttgarter Staatsoper unter anderem ein signiertes Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft verloste. Die Badische Zeitung und viele weitere Medien berichteten in der Folge von „etwa zwei Dutzend Computerspielen“ wie dem „umstrittenen Counter-Strike“, die bis zum frühen Nachmittag eingeworfen worden sein sollen.

Wir zählten bis zum frühen Nachmittag, genauer gesagt bis 16 Uhr, drei Titel. Außerdem lagen in dem riesigen Auffangbehälter zwei undefinierbare braune Pappschachteln, deren Inhalt nicht ersichtlich war. Bei den Spielen handelte es sich um GTA: San Andreas (freigegeben ab 16 Jahren), das Prügelspiel Def Jam: Fight for NY und das relativ unbekannte OpenArena, den Klon eines indizierten Ego-Shooters der Firma id Software. „OpenArena haben wir mitgebracht, damit sich die Verantwortlichen vom AAW mal ein sogenanntes Killerspiel ansehen und so informieren können“, sagte Sebastian Staudenmeier von den Piraten. Irgendwie sei das Spiel dann im Container gelandet.

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Hardy Schober, Gründer des Aktionsbündnisses, verlor beim Amoklauf in Winnenden seine Tochter.

Bereits am Mittag hatte der Radiosender SWR Baden-Württemberg berichtet, dass der Spieler-Verband VDVC während seiner Gegenaktion in der nahegelegenen – deutlich frequentierteren –Fußgängerzone ein Schild mit der Aufschrift „Stoppt den Trauer-Terror!“ zur Schau gestellt habe. Bei den Stuttgarter Nachrichten ist nachzulesen, dass das Plakat des „Aktivisten“ nach Beschwerden von Passanten „schnell verstaut“ worden sei. Patrik Schönfeldt, stellvertretender Vorsitzender des Verbands, schilderte die Sache gegenüber Eurogamer anders: Der junge Mann habe nicht zur VDVC-Abordnung gehört, sondern sei ein vorbeikommender Spieler gewesen. „Ich führte gerade ein Interview, war abgelenkt. Dann aber sorgten wir sofort dafür, dass das Schild verschwindet.“

Die Mitglieder des Verbands wollten natürlich keinesfalls die Gefühle von Betroffenen verletzen. Ihnen ging es darum, Stuttgarter Passanten über die Sicht der Spieler zu informieren. Unter anderem, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen Actiontiteln und Amoktaten gebe. Außerdem wollten die Jungs und Mädels um ihren stellvertretenden Vorsitzenden ebenfalls Spiele sammeln. Um diese Jugendeinrichtungen zu spenden – selbstverständlich nicht, ohne auf die Alterseinstufung zu achten. Auch Gespräche mit dem Aktionsbündnis standen auf dem Programm. Spiele als „anerkanntes Kulturgut zu vernichten, empfindet Patrik Schönfeldt „fast als Beleidigung für Gamer.“

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