Scarface: The World Is Yours

Mama, der Mann mit dem Koks ist da.

Scarface ist harte Kost! Darüber besteht nicht erst seit der Indizierung der Filmvorlage Gewissheit. Die Geschichte des amerikanischen Traums vom Tellerwäscher zum Millionär inszenierte Brian de Palma mit Al Pacino als skrupellosen Drogenbaron Tony Montana, der in Miami mit brutaler Gewalt ein Imperium errichtet – und genau das dürfen endlich auch Wii-Besitzer tun, die nach Resident Evil 4 den zweiten Titel aus der Sparte „Unterhaltung für Erwachsene“ vorgesetzt bekommen.

Doch im Grunde genommen ist Scarface: The World Is Yours ganz alter Stoff, der schon im letzten Herbst auf der PS2 für Aufsehen sorgte und Kollege Nedzad zu einer ordentlichen 8/10 überzeugte, schließlich orientiert sich Radical Entertainment am großen Vorbild GTA und streckt das eigene Produkt mit der berühmten Film-Lizenz.

Jetzt werden die Wii-Besitzer angefixt, und es bleibt abzuwarten, ob das nicht-lineare Gameplay und die offene Spielwelt auch Nintendo-Fans süchtig macht. Das Zeug zum Klassiker hat Scarface in jedem Fall, denn die Mischung aus brutalem Third-Person-Shooter, der von Radical Entertainment mit umfangreichen Wirtschaftssimulationsaspekten gespickt wird, ist auf Nintendo-Konsolen einzigartig, unterschiedet sich aber nicht von der PS2-Fassung.

Noch immer kämpft Ihr Euch als Tony Montana nach Eurem Fall zurück an die Spitze der hiesigen Untergrund-Szene. Und den Weg dorthin pflastert Ihr standesgemäß ganz genüsslich mit ebenso viel Leichen wie Ihr Kilo Koks an die Dealer vertickt – das Leben eines Drogenbarons ist eben kein Ponyhof, und nur der Profit zählt. Da will das Vertrauen von Lieferanten gewonnen werden, 1A-Schnee muss an Kleindealer verschachert werden, und kleine Kurierfahrten per Schnellboot oder Sportflitzer durch das sonnengetränkte Miami gehören zu kleinen Freundschaftsdiensten, die Euren Einfluss langsam ausbauen.

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Anvisieren gelingt perfekt, nur schnelle Drehungen sind auf der Wii ein Problem.

Doch das Motto ist „The World Is Yours“. Scheinfirmen werden gekauft, mit Luxusgütern wird geprahlt und das Ansehen gesteigert, während zur Bestechung der örtlichen Polizei lediglich Bargeld das einzige probate Mittel ist – wer mehr zum Gameplay wissen will, dem sei der Test der PS2-Version ans Herz gelegt.

Die entscheidende Frage zur Wii-Fassung von Scarface ist die Frage nach der Steuerung. Als Nonplusultra der Ego-Shooter-Steuerungen gefeiert, ist der Anspruch an das natürlich vollkommen modifizierte Interface extrem hoch. Mit dem Analogstick hechtet Tony von einer Straßenseite zur nächsten, betritt Gebäude oder lenkt Sportwagen respektive Motorboote, was erstaunlich präzise gelingt und selbst punktgenaue Drifts ermöglicht. Mit der Wii-Fernbedienung wird das Pack von Miami während der gewohnt brutal inszenierten Schusswechsel ins Visier genommen.

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Auch die deutsche Wii-Version ist geschnitten und sagt damit: Kettensäge ade!

Das Zielen gelingt auch hervorragend, bevor sich die Steuerung schnell als Schwäche der Umsetzung entpuppt. Sobald hektische und schnelle Ballerintermezzo gefragt sind und Tony nach links und rechts feuert, verweigert der Pointer mitunter den Dienst und lässt Euch im Kugelhagel im Stich. Trotz vier Sensibilisierungsstufen, welche die Geschwindigkeit der Bewegungen und den Zielradius-Radius festlegen, ist das Problem nicht in den Griff zu bekommen. Hier hilft lediglich bedächtiges Zielen im hektischen Kugelhagel – ein klarer Minuspunkt für die Wii-Fassung.

Letzte Hoffnung Grafik. Vielleicht hat Radical Entertainment die PS2-Fassung nicht einfach durch die Konvertierungsmaschinerie gejagt und beschert dem Wii-Miami den optischen Glanz, der einer Stadt in Florida würdig ist. Wenn man eine gehörige Dosis der Substanzen, die es im Spiel zu verhökern gilt, intus hat, mag das Action-Epos eine wunderschön schillernde Welt sein. Völlig nüchtern betrachtet enttäuscht die schon auf der PS2 schlichtweg mittelmäßige Präsentation auch auf der Wii. Autos ploppen aus dem Nichts auf, Anti-Aliasing kann man bei Radical vermutlich nicht mal buchstabieren und von scharfen, detaillierten Texturen ist auch nichts zu sehen.

Also lautet das Zeugnis: Finger weg? Nichts ganz. Natürlich enttäuscht das Narbengesicht in technischer Hinsicht und auch die Steuerung offenbart ihre Schwächen. Allerdings wird das Flair des Films mit seiner düsteren Gangster-Atmosphäre gut eingefangen, und ist, da Wii-Besitzer so schnell nicht in den Genuss eines GTA zu kommen scheinen, eine gelungene Alternative.

7 /10

Scarface ist für die Wii bereits im Handel erhältlich.

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