Schwer verhüpft: Balan Wonderworld - Test

Da war nicht der richtige "Sonic-Typ" am Werke.

Ein über weite Strecken orientierungs- und charmeloser Hüpfer mit Sprungkontrollen, die 2001 nicht akzeptabel gewesen wären.

Bei manchen legendären Namen lohnt es sich mal zu schauen, woher die Legende kommt. Nehmt Yuji Naka. Der Typ der Sonic gemacht hat. Nun, hat er. Technisch. Nicht "technisch gesehen", sondern er war als Programmierer für viel der damals atemberaubenden Technik des Klassikers zuständig. Designer oder Producer waren andere. Producer war er bei Phantasy Star 2, das war ein gutes Spiel. Sonic Adventure war für seine Zeit ein gutes Spiel. Heute... nun ja.

Da war Naka auch Producer. So wie für einige der guten und weniger guten Sonics, die dann folgten. So wie die letzten 15 Jahre auch für Let's Tap, Let's Catch, Wii Play: Motion, Fishing Resort, Digimon All-Star Rumble und ein paar StreetPass-Games von denen hier noch keiner was gehört hat. Und jetzt, nach einer laaaaangen Phase der Pause und vieler solcher Belanglosigkeiten macht der Sonic-Typ noch mal ein Jump'n'Run. Balan Wonderworld. Wie sich herausstellt war es leider der falsche Sonic-Typ, der noch mal hüpfen wollte...

Wäre Balan allein auf der Welt, ja dann...

Balan Wonderworld ist kein furchtbares Spiel. Es ist nur ein durch und durch unnötiges. Alles, was es tut, taten ungefähr 100 Spiele über die Jahrzehnte zuvor besser. Sonic Adventure zum Beispiel. Jeder N64-Rare-Hüpfer. Man muss gar nicht so weit zurückgehen, Yooka-Laylee ist eine Offenbarung im 3D-Hüpfer-Vergleich. Von den Marios fangen wir besser gar nicht erst an. Balan Wonderworld ist ein komplett belangloser Versuch, diese Glorie des 3D-Plattfomers aufleben zu lassen, die farbenfrohe Magie eines Nights Into Dreams - ein für seine Zeit weit besseres Yuji-Naka-Spiel - mit der Erkundung einer 3D-Hüpfwelt zu kreuzen. Nur, dass er sich dabei irgendwo schwer verhüpft hat.

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Zu viele Ideen, kein echter Fokus und die Grundlagen auch noch verkorkst. Aber zumindest gibt es ein paar hübsche Welten.

Die Probleme von Balan Wonderworld beginnen direkt nach dem Pixar-würdigen, epischen Intro und zwar beim ersten Sprung. Es fühlt sich einfach falsch an. Das Timing, die Reaktion beim Tastendruck, die Sprungweite, die Präzision, die Steuerung in der Luft, die unsichere Landung. Alles funktioniert irgendwie schon, das hier ist sicher kein Bubsy 3D, Sonic Boom oder Anubis II, um einige Legenden zu erwähnen. Insoweit sollte man mit Urteilen wie "Balan Wonderworld ist der schlimmste 3D-Hüpfer überhaupt!!!1!" besser auf dem Teppich bleiben. Aber irgendwie passt schon das erste Hüpf-Gefühl einfach nicht.

Kostüme als Ersatz für funktionale Grundlagen

Dabei ist es herzlich egal, ob ihr den generischen Helden oder sein weibliches Äquivalent wählt. Dass beide auch keinen Hüpfer landen können, wo ihr ihn hinhaben wollt, weil schon die Sprunghöhe zu kurz ausfällt und es keinen Doppelsprung gibt, das hat alles einen Sinn. Oder zumindest eine Idee dahinter. In ihren Grundformen sind beide die lustlosesten Hüpfer seit Frogger '97. Um endlich so etwas wie Spaß zu haben, mal auf einen Block zu kommen und die "Puzzles" zu lösen, müsst ihr eines der fast 80 Kostüme finden. Mal könnt ihr mit den absonderlich wirkenden Verkleidungen Blöcke zerstören, als Drache Feuer spucken, später Laser schießen, Zeit manipulieren und vieles, vieles mehr.

Die Kostüme sind das zentrale Gameplay-Element und diese sind auch durchaus reizvoll, weil jede der etwa ein Dutzend Welten ein eigenes Thema und halbwegs eigene Hindernisse hat. Sicher, grundlegender Krams wie Barrieren, die zerstört werden müssen, wiederholen sich fast immer und die dafür gedachten Kostüme unterscheiden sich mehr im Look als im Gameplay. Aber jede Welt hat ein, zwei kreative Ideen, die sich um die generellen Themen wie Wind, Eis oder Farbe, aber mal auch konkretere Dinge wie einen altmodischen Vergnügungspark drehen. Wenn es denn alles nur ebenso kreativ danach eingesetzt werden würde. Allein ist es besonders primitiv, denn schließlich könnt ihr immer nur ein Kostüm tragen, womit auch jedes Mal sofort klar wird, was zu tun ist. Selbst die zwei möglichen Wechsel-Kostüme ändern nicht viel an den mangelnden Einfällen mehr aus diesen herauszuholen. Da man auch scheinbar keine Lust hatte, viel aus dem Koop herauszuholen, gibt es praktisch keine Situationen, in denen ihr zwei Kostüme kreativ gemeinsam nutzen müsst.

Bunt ist es ja. Aber spielerisch bleibt es nur eine Notlösung.

Noch schwerer wiegt allerdings, dass ihr die Kostüme nicht sammelt und zum richtig Zeitpunkt vorkramt, sondern sie an bestimmten, praktisch vorgebenden Punkten wechseln müsst. Es fühlt sich immer an wie eine Notlösung für eine bestimmte Situation, weil dahinter einfach kein für sich tragfähiges Jump'n'Run steht. Nehmt einen simplen Vergleich mit einem Klassiker, Mario. Hier sind die Kostüme immer ein Bonus, um leichter durch die Level zu kommen, Spaß zu haben, versteckte Bereiche zu finden. Aber wenn ihr mal kein Kostüm habt, bleibt immer noch ein spaßiger Hüpfer. In Balan Wonderworld sind sie eine Ausrede, um ein gerade so funktionales Spiel für kurze Zeit in etwas halbwegs Spaßiges zu verwandeln. Mit wechselhaften Erfolgen dabei.

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Im Spinnenkostüm klettert man an Netzen herum. Na toll. Daraus wird 2021 erst dann ein Schuh, wenn dieser bescheidene Gedanke weiterentwickelt wird, aber das ist der eine Schritt, den Balan nie geht..

Zumindest ist es ein hübsch designtes Spiel. Selbst wenn die Protagonisten mitunter etwas mau daherkommen, je nach Kostüm halt, die Level sind hübsch bunt und haben etwas von dem leicht außerweltlichen Vibe, mit dem auch schon ein Nights damals aufwarten konnte. Als dessen visuellen Erben würde ich das hier auch sehen, ohne jedoch, dass Balan dessen Level an zeitgemäßer Kreativität erreicht. Der letzte Zeitpunkt, an dem das alles wirklich beeindruckend gewesen wäre, dürfte die Endphase des Dreamcast gewesen sein. Dort hätte es dann auch die Framerate von Balan auf der Switch gehabt, die gelegentlich an den 30 kratzt, aber sich oft genug auch mal mit 15 oder so zufriedengibt. Dank des eher trägen Ablaufs bleibt es immer spielbar, aber es hilft nicht, den Spaß zu steigern. Zumindest dieses Problem hat die Xbox nicht, alle anderen Schwierigkeiten bleiben natürlich. Und die Musik ist nett. Kein Sonic, aber was ist das schon.

Balan Wonderworld Test Fazit

Niemand braucht Balan Wonderworld. Irgendjemand nannte es "das verlorene Dreamcast-Spiel, das niemand wollte" und das trifft es ganz gut. Es gibt weit Schlimmeres zum Hüpfen da draußen. Yuji Naka kann sich damit trösten, dass jemand Sonic Boom gemacht hat. Aber wie viel Trost ist das, wenn ein gerade mal so funktionaler Belanglos-Hüpfer bleibt. Die Sprungkontrollen faszinieren insoweit, als dass sie in 2021 existieren. Es gibt nun wirklich genug Vorbilder, wie es besser geht. Die Kostüme waren sicher eine nette Idee auf dem Papier, aber so unkreativ und gezwungen, wie sie hier genutzt werden, bleibt davon nicht viel. Im Koop etwas besser, aber auch mehr ein Fall von "geteiltes Leid ist halbes Leid". Balan Wonderworld ist das, was rauskommt, wenn man "etwas wie Nights" machen will, nur eine vage Vorstellung davon hat, wie das laufen soll, der letzte eigene gute Plattformer 15 bis 20 Jahre zurückliegt und man seitdem keinen anderen gesehen hat. Niemand braucht das. Und daher, selbst wenn Balan Wonderworld kein "kaputtes" Spiel ist, solltet ihr definitiv die Finger davon lassen.

  • Entwickler / Publisher: Square Enix
  • Plattformen: PC, Switch, Xbox, PS4/PS5
  • Release-Datum: Erhältlich
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: zirka 60 Euro

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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