Seltsame Entscheidungen der Spieleindustrie - Teil 1 • Seite 2

Die frühen 80er: Gingst Du nicht Pleite, warst Du nicht dabei.

Man selbst hatte keine Vertriebsstruktur im Westen und obwohl Atari schon begann, finanziell auszubluten, waren sie doch immer noch die unumstrittene Numero Uno. Alles lief gut, man beschnupperte sich vorsichtig über den Pazifik, lernte sich kennen und mögen und alles schien gut zu laufen. Beide Firmen waren sich bald sich einig, dass man wenig später die Verträge auf der CES in Chicago unterschreiben würde.

Dort kam es dann zu einer surreal anmutenden Verkettung von Umständen, die in einer Komödie ein Happyend ergeben hätten. Hier aber kumulierte das Ganze in einer Tragödie. Für Atari.

Auf der 1983er CES stellte Coleco seinen, wie Ihr heute wisst zum Scheitern verurteilten, Homecomputer ADAM vor. Dieser kleine noch im Werden begriffene Flop hatte aber gewaltige Auswirkungen, als Ataris CEO Ray Kassar die ADAM-Demo entdeckte: Donkey Kong. Atari hatte von Nintendo die Rechte für die Computerumsetzungen gekauft und Kassar zögerte keine Sekunde Nintendo zu drohen, den großen Deal platzen zu lassen, wenn sie hinter Ataris Rücken doppelte Geschäfte machen. Nintendo ging auf Coleco los, die nur die Umsetzungsrechte von Donkey Kong auf Spielkonsolen, nicht aber für Computer, was der ADAM ja war, hatten. Coleco wehrte sich mit dem Argument, dass Atari nur das Recht auf Floppydisk-Umsetzungen hielt, der ADAM aber mit Cardridges arbeite.

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ADAM: Das sieht doch aus wie echte Konkurrenz fürs NES, wenn Donkey Kong drauf ist.

Atari schmollte den nächsten Monat, Nintendo versuchte zu retten, was zu retten war, Kassar wurde wegen eines Börsenskandals gefeuert, Nintendo begrub den Deal und der nur kurz danach in sich kollabierende Videospielmarkt der frühen 80er beerdigte Atari zwar nicht vollständig, markierte aber den Wendepunkt für den Niedergang, zumindest als Konsolen-Hardwarehersteller. Nintendo dagegen gründete Nintendo of America und vertrieb ab 1985 das NES kurzerhand selbst. Mit bekannten Folgen.

Ich nehme an, dass wir Kassar im Nachhinein danken müssen. Hätte Atari den Deal abgeschlossen, hätten sie das NES für den Westen fast unweigerlich mit in den Untergang gerissen. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass sie in der kurzen Zeit bis zum endgültigen Ende das NES zu dem Erfolg gemacht hätten, der es mit Nintendo wurde. Eher wäre Nintendo wohl in den Crash mit hineingezogen worden und die Welt der Videospiele würde wohl heute anders aussehen.

N.E.M.O. - Never, ever mention outside...

Mitte der 80er gab es aber erst mal ein gewaltiges Vakuum, dass nicht nur das NES schnell ausfüllte, sondern in dem sich auch ein paar, heute komplett begrabene, Mitbewerber ihre Ecke sichern wollten. Hasbro tat sich mit Nolan Bushnell, seines Zeichens ursprünglicher Gründer von Atari, zusammen, um Ihr Glück mit dem Control-Vision, besser vergessen unter NEMO, zu versuchen.

Bushnell hatte sich, nicht ganz freiwillig, bereits 1978 von Atari verabschiedet und eine Schmiede für Innovationstechnologie mit dem etwas sperrigen Namen Catalyst Technologies Venture Capital Group gegründet. Die dieser Gruppe zugehörige Firma Axlon entwickelte für Hasbro eine Konsole, die nicht auf Cardridges sondern auf VHS-Kassetten basierte.

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Sollte eigentlich schon Jahre vor dem Sega-CD floppen: Night Trap.

So blödsinnig diese Idee heute auch klingt, machte sie in den 80ern zumindest irgendwie Sinn. Schließlich war es die einzige Möglichkeit, Grafik in Filmqualität zu liefern. Eine spezielle Technik erlaubte das fließende Wechseln von verschiedenen Spuren des Bandes, was eine rudimentäre Interaktion ermöglichen sollte. Erste „Spiele“ wurde entwickelt. Zwei davon kennen einige von Euch sicher noch: Sewer Shark und das berüchtigte Night Trap.

Die Spiele funktionierten sogar fast schon so furchtbar wie in ihren späteren Reinkarnationen auf Sega-CD. Dass das NEMO nie das Licht der freien Wirtschaft sah, hatte weniger technische Gründe, sondern schlicht finanzielle. Der beste zu erreichende Verkaufspreis hätte dank der aufwendigen Technik bei 300 US$ gelegen. Ein NES ging für 100 US$ über den Tisch. Hasbro schrieb die 20 Millionen Entwicklungskosten ab und konzentrierte sich wieder auf echtes Spielzeug wie die Transformers...

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Über den Autor:

Martin Woger

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