Soundtrack - Die Musik der Games

Risen, Mirror's Edge und Sierra

Wir lieben Nischen. Und im weiten Feld der Soundtracks nehmen die Musiken zu Videospielen eine klitzekleine davon ganz für sich allein ein. Wir wollen euch von Zeit zu Zeit im Score-Blog ein paar Scheiben vorstellen und berichten, ob es sich lohnt, diese auch ohne das dazugehörige Spitzenspiel zu genießen. Oder wer weiß, vielleicht entpuppen sich auch die Klänge einer Gameplay-Gurke als echter Geheimtipp, den nur noch niemand bemerkte? Spielen: Autsch. Aber es zu hören: Mmmh, Ohrenschmaus…

Risen

Komponist: Kai Rosenkranz

Erhältlich über: In der Special Edition mit drin

Wer Gothic mag, dem gefällt auch Risen. So einfach kann die Welt sein. Und in Auszügen mag das sogar stimmen. Nun, was weiß ich. Dank der 360-Version von Divinity 2 hatte ich noch keine Zeit für das neue Werk von Piranha Bytes. Aber während ich den Test für das eine deutsche RPG tippte, hörte ich die Musik des anderen. Wenn das kein Multitasking ist, weiß ich auch nicht weiter.

Herangehen werde ich an Risen jetzt mit relativ hohen Erwartungen, denn die Musik von Kai Rosenkranz – ebenfalls für die Gothics verantwortlich – baut Stimmungen auf.

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Risen

Manchmal ein wenig zu zaghaft, ein wenig zu verloren. Besonders Dons Camp scheint ein sehr trister Ort zu sein, der mit wenigen Akkorden und ein paar mystischen Flöten über die Runden kommen muss. Überhaupt ist Minimalismus angesagt. Nur wenige Elemente, nie zu viel, immer ein ganz klein wenig Drohung im Hintergrund. Es ist ein Score, der wunderbar als Hintergrund funktioniert. Nicht nur im Spiel, auch beim Lesen, Arbeiten oder einer Pen&Paper-Runde.

Bis man dieser Klänge wirklich überdrüssig wird, dauert es sehr lange. Und ich wünschte mir, dass ich auf einem Roadtrip durch die Weiten Kanadas diesen Soundtrack statt Bonos poppigen Weisen im Player gehabt hätte. Selbst die beinahe durchgehend ruhigen Kampf-Tracks Risens hätten zusammen mit den Eindrücken um einen herum ein spannendes Bild ergeben. Es ist ein Soundtrack, der perfekt auf eine Reise ins Ungewisse, nicht unbedingt ins Bedrohliche, aber doch das Neue abgestimmt scheint.

Mit anderen Worten: Für das, was der Soundtrack zu Risen leisten soll und was die Grundprämisse des Spiels ausmacht, hat Rosenkranz ideale Arbeit abgeliefert. Es ist nicht unbedingt die CD, die man zum puren Hören einlegt, aber eine, die zu sehr vielen – nicht allen… - Gelegenheiten die Stimmung abrunden kann und so absolut eine Daseinsberechtigung jenseits des Games genießt.

Mirror's Edge

Komponist: Solar Fields

Erhältlich über: Musicload

Retrofuturismus. Ein wundervolles Wort, zumindest für alle die einen Widerspruch in sich lieben. Aber natürlich nur ein scheinbarer. Beinahe alles, was wir als Science-Fiction betrachten, wird irgendwann Retrofuturismus sein. Es sind Zukunftsvisionen von gestern, durch die Brille des Hier und Jetzt betrachtet.

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Mirrors Edge

Bei mir persönlich hinterließ Mirror's Edge genau diesen Eindruck. Es ist eine Zukunftsvision, die vom Heute bereits überholt scheint. Irgendwo nahm die Realität eine andere Abzweigung und es wird wohl nie so werden, wie es uns EAs eigenwilliger Trip zeigt. Die Ambient-Künstler Solar Fields untermalen dies perfekt mit einem gleichzeitig spannungsgeladenen und doch auf seltsame Weise sehr ruhigen Elektroniksoundtrack.

Ein möglicher Vergleich wäre – bitte steinigt mich jetzt nicht – Blade Runner. Beide Scores erzeugen eine Spannung und Dynamik, die sich nur sehr bedingt in den eigentlich ruhigen Kompositionen findet, beide gehören definitiv zu einer Zukunft, die ihre Chance auf exakte Umsetzung verpasste. Beide fühlen sich genau nach einer solchen parallelen Existenz zu unserer Wirklichkeit an. Und natürlich ist der Vangelis–Soundtrack weit genialer. Aber das heißt nicht, dass Mirror's Edge schlecht wäre. Ganz im Gegenteil.

Wenn der reine Zuhörer des 70 Minuten langen Werkes etwas zu bekritteln hätte, wäre es wohl, dass alles recht ähnlich klingt. So wie sich die Stadt in Mirrors Edge nie groß verändert, wie auch die Spielelemente sich kaum weiterentwicklen, bleibt auch der Soundtrack bei seiner Grundannahme der Zukunftsvision hängen und ändert sich nie großartig. Ambient ist halt so. Nehmt es als Soundtrack für die Großstadt mit, der diese in einem Licht erklingen lässt, das so niemals über die Hochhäuser ziehen wird.

Der Klassiker: Rad Racer & DynamiTracer

Komponist: Nobuo Uematsu

Erhältlich über: Schwierig

Ok, in jeder Videospiel-Soundtrack-Kolumne kommt dieser Tag und ich bringe es lieber schon jetzt hinter mich: Nobuo Uematsu, der Großmeister des J-RPG, alleiniger Gott nipponianischer Soundtracks und wahrscheinlich noch einiges mehr. Ich mache mich jetzt zum Gespött, wenn ich sage, dass ich kein ganz großer Fan des Mannes bin. Aber ich wäre ein Narr, wenn ich sein Talent nicht anerkennen würde.

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Rad Racer

Das Offensichtliche wäre jetzt natürlich, einen zwölfseitigen Würfel zu holen und dann über eines der Final Fantasys zu reden. Haben aber schon alle anderen gemacht. Stattdessen habe ich zwei sehr, sehr obskure Werke hervorgekramt.

Rad Racer erschien 1987, im Jahr 1 v. FF, und half nicht groß dabei, die drohende Pleite von Square abzuwenden. Wer den obskuren Racer nicht kennt, kann hier einen Blick darauf werfen. Leider ohne die drei Begleit-Tracks, die Uematsu beisteuerte. Und lasst euch sagen, das ist kein großer Verlust. Nicht dass es schlecht gewesen wäre, aber ganze drei Minuten Musik finden sich hier, was im Angesicht einiger andere NES-Scores aber schon fast viel ist.

Dass er ein Bastler und Tüftler ist, merkt man schnell. Ein paar Noten werden gezogen und verzerrt - und zwar auf eine Art und Weise, die man aus diesem Soundchip nicht häufig hörte. Sicher kein großes Werk, aber der Zeit und dem Gameplay angemessen, sogar mit einem Nicken der Anerkennung für den Versuch, mehr aus dem NES zu machen als es konnte.

Der zweite Score erschien fast zehn Jahre später. Uematsu hatte bereits alles abgeliefert, was seine Soundtracks auf den SNES zur Legende werden ließen, und seine Mitarbeit bei DynamiTracer dürfte eines der kleinen Enigmen der Brache sein. Vom reinen Hören des Scores hatte ich ein Adventure erwartet. Und nicht gefehlt. Glaube ich wenigstens. Ist alles sehr japanisch. Uematsu spielt mit Elementen des Adams-Family-Themes, legt Rock Around The Clock nach und setzt mit etwas ein, was mir auf der Zunge liegt, aber worfür ich seit drei Tagen keinen Namen finde. Und er macht das gekonnt. Ein minimalistischer Stil, der noch nicht versucht, ein Orchester oder E-Gitarre herzuholen, wo es keine gibt, sondern sich auf die Stärken des Synthis verlässt und dort sehr eigenwillig agiert. Gebt dem einen Track ein paar mehr Bässe und Vanilla Ice könnte dazu seinen Affentanz machen. Skurril, witzig, sympathisch daneben und der beste Beweis dafür, dass der Mann auch anders kann.

Was macht eigentlich: Mark Seibert?

Mark Seiberts Homepage

Musik von Mark Seibert

Wir schreiben das Jahr 1988 und alle Töne, die ein PC von sich gegen konnte, klingen genau nach dem, wofür der interne Lautsprecher eigentlich gedacht war: einer schrillen Warnung, dass irgendwas kaputt ist. Ja, mutige Programmierer versuchten, Melodien herauszuholen. Für mich klingt etwa Zak Mackrackens Theme nur dann echt, wenn es intern geliefert wird.

Der damals vielleicht wichtigste Entwickler von PC-Games – Sierra – dachte sich aber, dass das ja so nicht enden kann, und legte nicht nur auf der frischen AdLib–Karte los, sondern ging auf Rolands MT-32 in die Vollen. Wer die 1.000 Dollar auf den Tisch packte, mehr als ein ganzer Amiga kostete, kam in den Genuss des für lange Zeit feinsten Midi-Sounds auf Erden. Und damit diese Töne nicht nur gut klingen, sondern ebenso hochwertig komponiert wurden, holte man sich 1988 Mark Seibert ins Boot.

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Mark Seibert

Als gestresster Gitarrist und Sänger von Omega Sunrise – muss man nur kennen, wenn man Christian Rock für eine gute Sache hält – hatte er vom Tourleben genug und kam auf die simpelste denkbare Weise an den Job bei Sierra: Er antworte auf ein Zeitungsinserat. Beide schienen füreinander geschaffen. Bis zum unrühmlichen Ende des “echten“ Sierra im Jahr 1999 bestimmte Seibert, was bei Sierra-Games aus den Boxen kam, und damit auch ein wenig, was lange Zeit im Bereich Musik in Spielen wirklich „State of the Art“ bedeutete.

Seine Soundtracks setzten dabei von Anfang an auf Themen. Schon im 1988er Kings Quest 4 ist jede Szene und sogar jede Figur eindeutig über die Melodien definiert. Ob Kings Quest, Larry, Space Quest oder Quest for Glory, als Music Director bei Sierra sorgte er dafür, dass die Serien sich schon fast allein über ihre Musik hätten definieren können. Jeder Soundtrack mixte neue Elemente, vergaß aber nie die Themen und passte sie elegant den jeweiligen Stimmungen und Figuren an.

In seiner langen Liste von Soundtracks und Projekten als Music Director finden sich solche Perlen wie die Zusammenarbeit mit Supertramps Bob Siebenberg an Space Quest 3 oder der mit damals unglaublichem Aufwand produzierte und ebenso unglaublich schmalzig endende Kings-Quest-6-Song „Girl in the Tower“, aber auch ein paar sehr ungewöhnliche Arbeiten. Warum Seibert sich ausgerechnet Take a Break! Pinball, den missratenen, überproduzierten SimCity-Klon Outpost oder Castle of Dr. Brain vornahm, bleibt sein Geheimniss. Aber das sind nur Kuriositäten am Rande legendärer Werke.

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Kings Quest IV

Seibert überlebte Sierras Black Monday, an dem auch Designer-Legenden wie Scott Murphy oder Al Lowe vor die Tür gesetzt wurden. Das letzte Spiel, an dem er als Musiker mitarbeite, war der mäßig erfolgreiche Reboot der Kings-Quest-Reihe, Mask of Eternity. Als Executive Producer hatte er noch die Aufsicht über Arcanum und Throne of Darkness, bevor er 2001 das verließ, was von der ehemaligen Adventure-Legende Sierra übrig geblieben war.

Bis 2008 war er bei Gentle Revolution Software und BreakAway Games als Producer tätig. Spiele oder Musik waren dabei kein großer Fokus mehr, eines der Projekte war von der NASA in Auftrag gegeben: Simulationssoftware für die ISS. Möglicherweise waren sie ja von Outpost beeindruckt gewesen. 2008 verabschiedete sich Seibert vollständig aus der Branche und unterrichtet nun Mathematik und Wissenschaften an einer Privatschule in Baltimore. Außerdem digitalisiert er für euch auch alte Videokassetten. Für nur 25 Dollar. Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll…

Egal, Mark Seibert begründete zusammen mit Sierra das Zeitalter der Soundkarte. Und für mehr als eine Dekade gab er der Firma ein musikalisches Antlitz, das wahrscheinlich nie ganz verblassen wird.

Neue Soundtrack-Reviews folgen in unregelmäßigen Abständen. Immer dann, wenn wir zwischen dem ganzen Zocken mal Zeit zum Zuhören finden.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Defender, Ringe, 1W6+4, NCC-1701, 8086, Ultima, Cid, SEGA, like tears in rain, B. Guardian, nicht Silmarillion, F. Mercury, PC-Player, Arena, id, Mage, LiveLink, Eurogamer, Chefredakteur...

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