Tell Me Why beweist erneut, dass Dontnod schwierige Themen anpacken kann

Bekannte Formel mit einem neuen Twist.

Dontnod hat spätestens jetzt sein Steckenpferd gefunden. Es sind die narrativen Adventures wie Life is Strange, wenngleich ich ihr Cyberpunk-Action-Adventure Remember Me ebenso schätze. Attestierte ich zuletzt Twin Mirror, dass es ein erwachsenes Life is Strange sei, gilt das für Tell Me Why gleichermaßen. Das Teenagerleben spielt hier keine Rolle, es geht um zwei junge Erwachsene und dabei spricht das Studio wichtige Themen an.

Diesmal stehen Zwillinge im Mittelpunkt des Geschehens, die Jahre nach einem traumatischen Kindheitserlebnis erneut zusammenkommen und ihre Vergangenheit beziehungsweise die ihrer Familie aufarbeiten, denn dieses schockierende Ereignis steht im Zusammenhang mit ihrer Mutter. Gemeinsam mit seiner Schwester Alyson erkundet Tyler Ronan, ein Transmann, zu diesem Zweck unter anderem das Haus, in dem sie in ihrer Kindheit gemeinsam lebten.

Tell Me Why Hauptcharaktere
Tyler und Alyson.

Es ist ein sensitives Thema und der erste Transgender-Hauptcharakter in einem größeren Titel. Ein Thema, das Dontnod hier gut anpackt. Das Entwicklerstudio drückt es euch nicht bei jeder Gelegenheit aufs Auge oder möchte auf irgendeine Art die Moralkeule schwingen, das Spiel beziehungsweise seine Erzählung verfallen nicht in irgendwelche Klischees. Es ist ab und an ein Thema in der Geschichte, deren zentraler Aufhänger das Geheimnis der Vergangenheit ist. Sie behandeln es wie die normale Angelegenheit, die es sein sollte - und leisten damit ihren Beitrag zur Normalisierung. Der ein oder andere lernt dabei vielleicht noch was.

Sensible Themen und Erinnerungen

Dass Tyler ein Transmann ist, stellt somit nicht den einzigen Aspekt dar, der ihn interessant oder besonders machen soll. Es spielt wie gesagt eine Rolle, ja, aber er hat seine eigenen Probleme, wie jeder andere auch, und ist ebenso wie Alyson begierig darauf, mehr über die Vergangenheit zu erfahren. Ein wichtiges Element sind dabei die Erinnerungen der beiden, was zugleich den speziellen Twist ausmacht, den es in Dontnods Adventures immer gibt. Hier sind die Zwillinge im Grunde mit einer Art von Telepathie untereinander verbunden. An spezifischen Stellen durchleben sie gemeinsam Erinnerungen und führen in ihren Gedanken Gespräche miteinander.

Ein interessanter Aspekt, denn: ihre Erinnerungen sind nicht immer gleich. Ab und an unterscheidet sich das und da kommt ihr als Entscheider oder Entscheiderin zum Zuge. Es liegt an euch, festzulegen, welche Erinnerung die echte ist. Am Ende läuft das auf eine simple Wahl zwischen zwei Optionen hinaus, die Frage ist: wie kommt ihr zu dem Schluss? Das legt ihr zum Beispiel anhand von Gesprächen oder Informationen fest, die ihr in der Umgebung aufspürt. Klingt der eine Erinnerungsablauf dann plausibler für euch als der andere, wählt ihr die entsprechende Seite. Richtig oder falsch? Nun, so klar ist das hier nicht, folgt eurem Bauchgefühl. Es sind verschiedene Seiten der gleichen Medaille, so wie das häufig in der Realität ist, wenn ihr Geschichten aus zwei Perspektiven hört und nicht wisst, wie es im Endeffekt tatsächlich war.

Eure Entscheidung beeinflusst die Bindung zwischen beiden und ihren Blick auf verschiedene Personen, ebenso natürlich das Ende des Spiels. In den Momenten, in denen ihr euch nicht gerade mit dem übernatürlichen Aspekt von Tell Me Why befasst, habt ihr hier das typische Gameplay, das ihr aus Life is Strange und Co kennt. Ihr bewegt euch durch verschiedene Örtlichkeiten, untersucht die Umgebung, sprecht mit Charakteren und erfahrt so mehr über alles und jeden - und schnappt zwischendrin ein paar Sammelobjekte auf. Für Dontnod ist es eine bewährte Formel und sie funktioniert auch in Tell Me Why.

Tell Me Why - Ein erstes Fazit

Dontnod hat auf jeden Fall ein Händchen dafür, schwierige Themen auf eine sensible Art zu erzählen, die nicht stereotypisch herüberkommt. Und das in einer Branche, die normalerweise eher davor zurückschreckt. Die erste Episode stellt einen gelungenen Auftakt dar und die restlichen beiden Episoden folgen im kurzen Abstand zueinander, sodass ihr nicht lange zum Warten gezwungen seid. Definitiv eine angenehme Art, ein Episodenspiel zu erleben. Und wenn euch Dontnods bisherige Werke gefallen haben, schaut auf jeden Fall rein.

  • Entwickler / Publisher: Dontnod Entertainment / Xbox Game Studios
  • Plattformen: PC, Xbox One
  • Release-Datum: 27. August 2020 (Episode 1), 3. September 2020 (Episode 2), 10. September 2020 (Episode 3)
  • Sprache: Deutsch (Text), Englisch und weitere
  • Preis: 29,99 Euro

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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