The Eternal Castle Remastered - 1987, CGA-Grafik und alles nur gelogen

Aber euch und das Spiel muss das nicht kümmern.

The Eternal Castle Remastered... Ich musste es ihm lassen. Sie haben es so gut gemacht, dass ich wirklich erst einmal gucken musste, ob es nicht wirklich ein Eternal Castle im Jahr 1987 gab. Ein Jahr, in dem ich bereits fast religiös jedes nur auffindbare Spielemagazin verschlang, aber wer weiß, vielleicht war dieses eine durchgerutscht. Das CGA sieht einfach so gut aus. Zu gut. Das sieht aus wie Rotoskop-Animationen, die machte ein Mechner schon 1984 mit Karateka bekannt, aber diese hier sind cooler animiert als Prince of Persia, 1989. Wie also kann 1987 etwas gleichzeitig so gut und doch so mies aussehen. Es gab nämlich 1987 schon EGA-Grafik mit 16-Farben. War dies ein verlorener Prototyp?

Alles nur gelogen! Aber wenigstens richtig gut.

Das Internet verdirbt einem so sehr den Spaß an solchen Dingen. Glaubten wir früher noch, dass Spinal Tap eine echte Band war - zumindest für eine Weile -, reicht hier schon ein Blick auf den ersten Treffer (Polygon), um in die clevere Wirklichkeit gerissen zu werden. Vor ein paar Jahren droppte ein Typ irgendwo ein paar Files von einem angeblichen Spiel von damals. Dann ein paar mehr Files. Dann legten die Online-Forensiker los und stießen auf verdächtige Hinweise, denn Bezüge im Quellcode auf Doom, Prince of Persia und Star Control 2, das kann so nicht passen, aber dann wer weiß... Vielleicht kamen die später dazu und sind nicht Teil des Original-Codes, einem Spiel, das Prince of Persia und Another World Jahre zuvor vorwegnehmen sollte. Man will einfach daran glauben, so wie man daran glauben will, dass ein paar Deppen aus England auf der Bühne um ein winziges Stonehenge herumhüpften. Die Geschichte, dass die EGA und VGA-Grafiken von der Diskette damals entfernt wurden, damit es auf 720kb passt, dass der eine Typ, der die Diskette hatte, sie kaputt machte und damit auch das Diskettenlaufwerk seines Vaters, sich aber nicht traute, es zuzugeben und die Diskette dann verloren ging. Es ist alles so offensichtlich nicht wahr, aber doch so nett, dass man es glauben will. Am Ende einfach nur cleveres Marketing für ein Spiel, das sich keines leisten kann. Eine Lüge. Aber eine gute.

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ETERNAL.EXE... Yeah, right.

Das Spiel, das sich jetzt ein Remaster nennt, ist trotzdem alles, was ich mir von dieser eleganten kleinen Lüge erhoffen kann. Eternal Castle Remastered ist die ultimative Hommage an eine Zeit, in der jede Farbe extra den Preis eines PC-Monitors in die Höhe trieb und bei dem man damit leben musste, was man hatte. Wir hatten ja eh nichts und das mussten wir uns noch teilen, denn es war 1987 und die Russen kamen täglich. Wenn nicht heute, dann morgen. Der Look ist perfektes CGA und weil hier vielleicht 10 Leute wissen, was das heißt: 4 Farben, darunter Cyan und Magenta als dominierende. Es war ein sehr eigener Look, um es vorsichtig zu sagen. Eternal Castle kopiert ihn perfekt. Es geht soweit, dass der Start so tut, also würde ein MS-DOS-Programm starten.

Eine andere Welt

Was dann folgt, ist im Grunde eine Hommage an Another World, dieser Inspiration dürfte es am nächsten sein. Ihr wählt zwischen zwei Story-Linien, männlich und weiblich und dann erkundet ihr eine unbekannte Welt, auf der einiges im Argen liegt. Dass ihr mehr Tasten braucht als in Prince of Persia, dass es eine recht moderne 2D-Shooter-Steuerung gibt, das ist wohl Teil des Remasters. Genauso, dass ihr nicht binnen Sekunden die ersten fünf Male sterbt. Es gibt Lebensenergie, Ausdauer, Munition und Survival-Aspekte. Eternal Castle hätte 1987 niemand vergessen, es wäre ein Meilenstein gewesen, der vieles vorweggenommen hätte, was heute noch in Mode ist. Dazu zählt ein hinreißender, düsterer Synthwave-Soundtrack, der so gut ist, dass ich direkt 30 Euro hinlegte (Diggers Factory).

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Es sind nur vier Farben, aber das verstärkt die unheimliche Stimmung hier nur noch.

Ist Eternal Castle auch 2021 ein gutes Spiel? Oder nur eine witzige Idee? Ihr müsst euch schon mit dem Look arrangieren und auch damit, dass man oft genug gar nicht so genau weiß, was man da im Cyan-Magenta-Pixelbrei eigentlich sieht oder zu sehen glaubt. Das war wirklich so. Keine Ahnung, wie viele Stunden ich bei Sierra-Games hing, weil beim besten Willen nicht erkennbar war, dass da ein entscheidender Gegenstand lag. Hier ist es etwas handzahmer. Ein Fragezeichen, das aufpoppt, sagt euch, dass man hier mal den Aktions-Knopf drücken sollte. Das verwandelt es von frustig in spielbar. Die Animationen sind beeindruckend und helfen ungemein, dem Spiel Charakter zu geben, so wie es auch bei seinen geistigen Vorgängern der Fall war. Wie allerdings auch dort behindern die Animationsphasen, die erst durchlaufen müssen, ein wenig die unmittelbare Umsetzung eurer Handlungen. Wieder, es wurde etwas glattgeschliffen und spielt sich direkter, aber auch das ist eben ein Teil des Programms, der hier nicht vergessen wurde.

Bis tief in die Nacht im Eternal Castle

Aber mit all den Hilfen und modernen Errungenschaften des Gamings - Speicherpunkte und Lebensenergie - arbeitet ihr euch weiter an den ewigen Turm heran und taucht tiefer in eine Welt ein, die mich mehr an französische Sci-Fi- und Fantasy-Comics der 70er und 80er erinnert. Unvergebende, harte Welten, die aber in ihrer Fremdartigkeit einen sofort gefangen nehmen. Falls es einer nicht weiß, Another World kam aus Frankreich, das ist kein Zufall und Eternal Castle trinkt tief aus diesem Brunnen. Es dauert nicht lange, bis man die Grafik als Teil dieser Welt akzeptiert und sich von Raum zu Raum vorarbeitet, natürlich mit einem Scrolling, das 1987 komplette Science-Fiction in sich selbst gewesen wäre. Tödliche Wachen werden umgangen, manchmal auch bekämpft, kleine Puzzles gelöst und immer näher kommt ihr an des Rätsels Lösung, die mich zuletzt bis tief in die Nacht wachhielt, ganz als würde ich ein aufregendes Buch nicht vor der letzten Seite weglegen wollen.

Also ja, die Hintergrundgeschichte ist BS, aber The Eternal Castle stürzt sich so tief in die Idee hinein, dass es ein altes CGA-Game sei, dass man es ihm einfach abkaufen will. Zumal man ja nicht das "Original", sondern das "Remaster" spielt und so auch wirklich Spaß hat, moderne Eingriffe sei Dank. Es ist eine liebevolle, geradezu hinreißende Liebhuldigung von Spielen wie Another World und einer anderen PC-Ära in einem unglaublichen Atemzug. Ist es eines der besten Indies, das ich die letzten Jahre gespielt habe? Nein, rein spielerisch betrachtet sicher nicht. The Eternal Castle ist gut, aber nicht so gut. Aber es war ganz sicher eines, das ich weit mehr ins Herz schloss als so viele andere. Schlicht, weil es die gleichen Dinge huldigt, die mir damals so wichtig waren und sie mir auf eine Weise zeigt, die verloren schien. Die ich auf keinen Fall gleich wieder sehen muss, denn so toll ist CGA nun wirklich nicht und ich hätte damals mindestens eine Niere damals für EGA investiert - was auch ungefähr der Preis war. Aber dieses eine Mal, in diesem kleinen, cleveren Spiel, mit seinem liebenswerten Flunkern über seine unwahrscheinliche Herkunft, möchte ich The Eternal Castle auf keinen Fall missen.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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