The King of Fighters Collection: The Orochi Saga

Fünfmal Fausttanz

The King of Fighters ist ein Dinosaurier. Jahrelang hat die Reihe der Evolution getrotzt. Selbst beim Sprung in die dritte Dimension mit den beiden Maximum Impact-Episoden blieb SNKs Vorzeigeserie den klassischen Specialmoves und dem 2D-Gameplay treu, auch wenn man damit bis zum kürzlich erfolgten Release von Street Fighter IV kaum die Massen erreichte. In den 90er Jahren sah das noch anders aus. Da waren die King of Fighters-Spiele jedes Jahr ein Ereignis. Bessere Grafik, mehr Kämpfer, feinere Spielbarkeit. SNK lieferte sich jahrelang ein dramatisches Kopf-an-Kopf-Rennen mit Konkurrent Capcom um die Gunst der 2D-Kampfkünstler.

In Deutschland hat man davon aber wenig gemerkt. Spielhallen sind seit jeher für Minderjährige tabu, die dicken Neo Geo-Module waren unsagbar teuer, die CD-Versionen litten unter abartigen Ladezeiten und die Umsetzungen für PSone waren meist lediglich ein schwacher Abglanz der üppigen Arcade-Originale. Mit der Orochi Collection lädt SNK Playmore jetzt zur ultimativen Zeitreise ein: Die fünf ersten Episoden der ruhmreichen Beat’em-Up-Reihe wurden sorgfältig auf die Wii übertragen und sind damit erstmals als 1:1-Konvertierungen in Deutschland erhältlich. Die Fassungen für PS2 und PSP können technisch leider nicht ganz mithalten. Beginnen wir doch am besten mit einem Rundgang durch das virtuelle SNK-Museum.

The King of Fighters ´94 war seinerzeit bahnbrechend. Nie zuvor haben sich in einem Prügler so viele Kämpfer getummelt, nie zuvor gab es Team-Matches. Und Animationen und Hintergründe gehörten damals zum Besten, was es auf dem Markt gab. Allerdings ist die ´94er-Episode nicht wirklich gut gealtert. Über die starren Teams, den gnadenlosen Schwierigkeitsgrad und die balancezerstörende Super-Leiste konnte man weiland in den 90ern noch hinwegsehen, heute ist The King of Fighters ´94 aber eine eher frustrierende Angelegenheit und ein Fall für Fans. Die Emulation hier ist übrigens weit besser als bei den SNK Arcade Classics.

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Geese Howard, Mr Big und Wolfang Krauser treten nur in der ´96er Episode an.

The King of Fighters ´95 ist eine weit rundere Angelegenheit als der Erstling. Das stereotype US-Team ist raus, dafür feiert Iori Yagami, Antiheld der Reihe, sein Debüt, und mit ihm auch die im Erstling sehnlichst vermisste Option, das Dreierteam frei zusammenzustellen. Die Hintergründe sind hübscher, die Figuren ausgeglichener, lediglich die Superleiste, die, wenn sie gefüllt ist, wie im ´94er Teil die eigene Figur dramatisch stärker macht, ist noch mit von der Partie.

Die ´96er Episode ist ein großer Schritt nach vorne. Die Präsentation wurde dramatisch verbessert, die schlecht ausbalancierte Super-Leiste überarbeitet, vor allem aber wurde das Spielsystem selbst einer kompletten Frischzellenkur unterzogen. Schneller, dynamischer, kombolastiger, eleganter und mit weniger Fernkampfmanövern behaftet, erfindet sich die Reihe 1996 komplett neu. Dazu kommen ein fantastisches Figuren Line-Up, verbesserte Animationen und wunderbare Hintergründe – ab hier wird die Reihe erst so richtig interessant.

´97 ist ein ordentliche Update und setzt auf ein paar mutige Designentscheidungen: Hintergrundmusik gibt es nur noch in ausgewählten Matches, ansonsten wird auf Atmo-Sounds gesetzt. Mancher mag es, mancher mag es nicht, mutig ist es allemal. Spielerisch setzt die Episode auf Flexibilität: Ihr habt nun die Wahl zwischen den Spielsystemen der ersten beiden, oder der ´96er-Episode. Außerdem bringt The King of Fighters ´97 die namensgebende Orochi-Saga storymäßig zu Ende.

The King of Fighters ´98 ist das Highlight der Sammlung, ohne wenn und aber. Die besten Hintergründe, die größte Kämpferauswahl, die beste Spielbarkeit, bis heute gilt der ´98er King of Fighters als eine der besten Episoden der Serie und wurde vor kurzem erst in Japan erneut in einer aufgebohrten Form für die PS2 neu veröffentlicht. Fast alle Figuren aus den vergangenen vier Episoden sind hier mit von der Partie. Da ´98 offiziell als Dream-Match als ein Spiel außerhalb des offiziellen Story-Kanons gehandelt wird, konnten die Entwickler bei den Figuren aus dem vollen Schöpfen, ohne sich an irgendeine Kontinuität halten zu müssen.

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Die Wii-Konvertierung kommt komplett ungeschnitten daher.

Die fünf Spiele wurden in ihrer Neo Geo Modulfassung emuliert. Das bedeutet: Die Animationen sind flüssig, Ladezeiten dank guter Optimierung praktisch nicht vorhanden, aber auch auf die Erweiterungen späterer Umsetzungen wird verzichtet. In den regulären Spielen gibt es weder die Arrange-Soundtracks der CD-Versionen noch die hoch aufgelösten 3D-Hintergründe der Dreamcast-Portierung von The King of Fighters ´98. Gerade bei der Musik ist das etwas schade – auf der Disc sind die Tracks vorhanden und für das Soundmenü freispielbar, auch bei vielen der optionalen Kampf-Herausforderungen, denen Ihr Euch stellen könnt, werden sie eingesetzt. Da wäre es sicher kein Aufwand gewesen, die auch optional in die eigentlichen Spiele zu implementieren.

Ein wichtiges Thema ist natürlich die Steuerung. Kurz und schmerzhaft: Die Optionen für WiiMote und WiiMote + Nunchuk sind komplett für die Füße. Die Spiele lassen sich damit kaum kontrollieren und in Anbetracht des hohen Schwierigkeitsgrades ist die WiiMote-Steuerung allerhöchstens ein Fall für Masochisten. Etwas besser verhält sich das schon mit einem Gamecube-Controller, aber auch hier leidet der Spielspaß unter dem kleinen Steuerkreuz und der exotischen Knopf-Anordnung. Für echten Spielspaß kommt Ihr um einen Classic-Controller oder besser noch einen guten Arcadestick (im Idealfall der leider inzwischen recht teure, nur in Japan erhältliche Neo Geo Stick 2) nicht herum. Aber der mit 20 Euro nicht zu teure Classic-Controller konnte auch im Langzeittest überzeugen. Dank des guten Steuerkreuzes gehen die meisten Specials flott von der Hand.

Also überschlagen wir mal grob. In den 90er Jahren wäre für die frühen King of Fighters-Episoden gute 400, für die späteren eher 500 und mehr deutsche Mark fällig gewesen. Hätte man die fünf Neo Geo-Module der Orochi-Saga separat gekauft, man wäre weit über 2000 Mark los geworden.

Auch wenn sich nicht alle Episoden auf der Wii-DVD gleich gut gehalten haben, kriegt Ihr für gerade einmal 30 Euro doch die technisch bisher besten erhältlichen Aufbereitungen von fünf echten 2D-Prügelklassikern, die das Genre geprägt haben und allesamt heute noch durch ihre liebevolle Aufmachung vom Einsatz der Designer damals zeugen. Als Spiel selbst machen die jüngeren Episoden auch heute noch wirklich Spaß, als virtuelles Museum einer ehemals super-exklusiven Spielereihe ist die Orochi-Saga aber unbezahlbar.

7 /10

The King of Fighters: The Orochi Saga ist ab sofort für Wii, PS2 und PSP im Handel erhältlich.

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Über den Autor:

Thomas Nickel

Thomas Nickel

Autor

Fest in der 16Bit-Ära verwurzelt, lehrt der freie Autor Spielegeschichte an der Frankfurter Games Academy. Wird eher selten vor Ego-Shootern gesichtet.

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