Mit echten Schenkelklopfern hält sich das Spiel glücklicherweise dezent zurück. The Whispered World ist trotz der bitter-süßen Stimmung aber auch ein lustiges Spiel. Jedoch passiert der Humor in dieser kunstvoll ausgearbeiteten Welt wie von selbst. Er wird - nie zuviel - quasi nebenher aus der Handlung und den guten Dialogen geboren und nicht zum Selbstzweck vorgetragen. Auch mit Anspielungen auf andere Spiele, direktes Ansprechen des Spielers als solchen oder Flüsterwelt-fremden Referenzen hält sich Daedalic zurück. Wohlwissend, dass sie das Gefüge ihrer hübschen Fantasie nur gefährdeten.

Ein weiteres dickes Plus in The Whispered World ist Sadwicks magischer Raupen-Sidekick Spot. Das ungleiche Duo geht zusammen durch dick und dünn und entwickelt vor allem bei einigen Rätseln eine tolle Paar-Dynamik. Viele der durchweg nicht ganz einfachen Rätsel können nämlich nur mit den Formwechseleigenschaften (rund/schwer, brennend, fünfgeteilt und flach) des grünen Kriechers gelöst werden. Das zwingt den Spieler, abseits des wohlbekannten „sieh-an“, „sprich-an“ und „benutze“-Interfaces zu denken, das sich durch das Halten der linken Taste auf einem Hotspot wie aus den Seiten eines Märchenbuches herausschält. Eine tolle Idee, die uns - die Spieler - obendrein ein bisschen tiefer in Sadwick hineinsehen lässt, für den Spot sein ein und alles ist - und nicht zuletzt Quelle einiger niedlicher bis herzerweichender Interaktionen zwischen den beiden.

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So könnte das Spiel aussehen, wenn es im Widescreen-Format spielbar wäre.

Ein klasse Adventurespiel also und mit Leichtigkeit eines der wenigen, an die ich mich trotz meines fortgeschrittenen Alters auch in einiger Zeit noch gut erinnern können werde. Trotzdem gibt es auch hier einige nicht wegzudiskutierende Kritikpunkte. Warum das Spiel seine prächtigen parallaxscrollenden Hintergründe nur in 1024 x 768 Bildpunkten liefert, wäre schon Rätsel genug. Wenn man aber das „Pech“ hat, einen 16:10 Monitor sein Eigen zu nennen, besteht TWW obendrein auch im Vollbildmodus auf diese Auflösung.

Sprich: Das Spiel wird unschön in die Breite gezogen. Wer die normale Aspect-Ratio genießen will, muss im Fenstermodus spielen. Auch, weil eine so niedrige Auflösung ab einer gewissen Bildschirm-Größe einfach nicht mehr so schön aussieht. Dazu fällt die Zeichen- und Animationsqualität der Zwischensequenzen, ganz im Gegensatz zur überaus hochwertigen Spielgrafik, deutlich ab, was eine kleine Schramme in das sonst so kunstvolle Gesamtbild hineinkratzt. In dieselbe Kategorie fallen auch die Animationen der Hauptfiguren und aller bewegten Objekte. Die sind zwar vielfältig, aber auch alles andere als butterweich und reichen damit nicht über den Durchschnitt hinaus. In Anbetracht der Panoramen, die TWW bietet, ist das zu verschmerzen, aber ärgerlich.

Leider tappt Daedalic zwischen den meistens wirklich gut gemachten Rätseln alter Schule auch das eine oder andere Mal in die Adventure-Falle, den Spieler auf die Suche nach Lösungen zu schicken, zu denen er das passende Problem noch gar nicht kennt. Vor allem einige der Spot-Rätsel und die Arten und Weisen, auf denen die Raupe zwei ihrer alternativen Formen „erwirbt“, darf man getrost als Trial and Error bezeichnen, zu dem für den Spieler keine weitere Veranlassung besteht, als dass er gerade festhängt und das Spiel nicht weitergeht.

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In diesem Bild warten zwei der derbsten Stolpersteine des Spiels.

Selbiges betrifft auch einige Item-Kombinationen. Und apropos: Die Zeiten, in denen die Wege von einem Item zum nächsten in einigen Räumen 20 Sekunden dauern müssen und man wichtige Gegenstände hinter geöffneten Türen oder anderen Szenerie-Teilen versteckt (die dann nur noch durch die komfortable Hotspot-Anzeige zu sehen sind), sollten doch eigentlich vorbei sein. Gestählte Adventure-Spieler hält das aber nicht davon ab, nach ca. 12 Stunden den Abspann zu sehen.

Immerhin ist es doch das, was zählt. Und wenn man fertig ist, ist man rundum zufrieden und weiß, dass man hier endlich mal wieder ein erinnerungswürdiges Abenteuer hinter sich gebracht hat. Wären die angesprochenen Probleme nicht und hätte Daedalic vielleicht noch den Mut bewiesen, den Spieler das lediglich angedeutete alternative Ende auch wirklich wählen zu lassen - ich hätte noch mehr Punkte springen lassen. Aber sei’s drum: The Whispered World hat auch so genügend Charme, Fingerspitzengefühl und vor allem Charakter bis zum dorthinaus, um in diesem Jahr zu einem der Lieblingsspiele von Freunden schöner Geschichten zu werden.

Jetzt muss eigentlich nur noch Machinarium endlich erscheinen.

8 /10

The Whispered World ist für knapp 50 Euro im Handel zu haben und kommt mit farbigem Handbuch in einer formschönen Pappschachtel daher. Drei zwölfseitige Würfel bilden die eine Seite des ausgefallenen Kopierschutz. TAGES die andere.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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