Twin Mirror: An den Grenzen der Psyche und der Blick in den Abgrund

Was ist passiert?

Was geht hier eigentlich vor sich? Das fragt sich nicht allein Twin Mirrors Protagonist Sam Higgs nach seinem Filmriss, als er morgens aufwacht und sein stark mit Blut verschmiertes Hemd in der Badewanne seines Hotelzimmers findet. Die Erinnerungslücken sind groß, die Angst ebenso. Hat er eine andere Person umgebracht? Oder was ist letzte Nacht passiert?

Es ist nicht die einzige Frage, die ihr euch im neuen Werk des Entwicklerstudios hinter Life is Strange und Tell Me Why stellt. Denn im Grunde begann alles ganz harmlos, mit Sams Rückkehr kehrt in seine Heimatstadt Basswood. Wenngleich eher unfreiwillig und aus traurigem Anlass, denn sein einstiger bester Freund Nick ist gestorben und er soll der Beerdigung beiwohnen. Die er natürlich verpasst, danach geht's aber noch zum Leichenschmaus.

Twin Mirror und seine Gedankenspiele

Einige Gespräche und alte Erinnerungen später sind wir an dem Punkt angelangt, den ich gerade beschrieb. Als das Spiel das Geschehen in der Bar am Abend davor ausblendet, sieht alles noch nicht nach dem Chaos aus, das sich am Folgetag zeigt. Das einzig Merkwürdige an dem Abend war, dass Nicks Tochter, zugleich auch Sams Patentochter, hinter dem Autounfall ihres Vaters mehr vermutet, als es den Anschein hat, zumal er nicht als schneller oder unvorsichtiger Fahrer galt.

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Euer Double ist in wichtigen Situationen anwesend, zumindest in Sams Vorstellung.

Je mehr Minuten in Twin Mirror verstreichen, desto merkwürdiger gestalten sich die Dinge für Sam. Und für euch. Früh im Spiel erlebt ihr Sams Gedankenpalast, einen Rückzugsort, an den er sich begibt, um Erinnerungen erneut zum Vorschein zu bringen. Nicht immer die Schönsten, aber sie verdeutlichen, was Sam widerfuhr und woran er in einzelnen Momenten so denkt.

Der zweite merkwürdige Aspekt ist die Manifestierung von Sams Gedanken/Gewissen als Person, die zu ihm spricht - und die natürlich allein er sieht. In Momenten, in denen er in seinen Gedankenpalast abtaucht und mit diesem "Double" spricht, wie Dontnod es bezeichnet, steht alles um ihn herum still und er ist alleine mit sich und seinen Erinnerungen beziehungsweise Überlegungen.

Eine Stimme der Vernunft? Oder doch eher des Wahnsinns?

In wichtigen Situationen kommt das Double zum Vorschein, versucht Sam zu beruhigen, ihm andere Blickwinkel auf das Geschehen zu ermöglichen. Die Wahl, ob ihr dieser Stimme der Vernunft, wie es zu Anfang den Anschein hat, vertrauen möchtet oder nicht, liegt bei euch. Warum es den "Anschein" hat? Weil ich für diese Vorschau hier natürlich nicht alles von Twin Mirror gespielt habe und nicht weiß, wie sich das später entwickelt, ob euer Double doch nicht so vernünftig ist, wie es scheint. Denn ab und an sehen die Dinge ja besser aus, als sie es in Wahrheit sind.

Ebenso hilft er anfangs in Situationen, in denen Sam die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben steht. Zum Beispiel dabei, die Erinnerungen an die letzte Nacht in der Bar zu rekonstruieren. Oder dabei, sich in einer Art von Paniksituation zu konzentrieren und nicht den Verstand zu verlieren, hier visualisiert durch eine Reihe von Türen, an denen Sam durch einen langen, dunklen Gang vorbeirennt und ihnen ausweicht - ihr müsst dann die richtige betreten, während ihr von einer mysteriösen, nicht erkennbaren Person verfolgt werdet.

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Sam versucht, den Unfall zu rekonstruieren.

In diesen Momenten spielt Twin Mirror mit der Psyche, was natürlich passt, denn das Spiel soll exakt das sein: Ein (Psycho-)Thriller. Das alles geht in eine komplett andere Richtung als Life is Strange oder Tell Me Why, wirkt düsterer, erwachsener. So gelingt es dem Spiel, zumindest in den ersten knapp zwei Stunden schon einmal für Spannung zu sorgen und ihr fragt euch zusammen mit Sam, was hier alles passierte - letzte Nacht und in den Jahren davor. Stück für Stück geht ihr diesem Geheimnis auf den Grund. Zwischen all diesen Momenten habt ihr indes das bekannte Gameplay aus den anderen Dontnod-Spielen. Ihr untersucht verschiedene Objekte und führt Gespräche, während ihr euch an den Fäden der Story entlanghangelt.

Spielerisch und erzählerisch gefällt mir, was Twin Mirror mir bisher vor die Nase setzt. Ein weiteres Coming-of-Age-Drama wäre aktuell zu viel des Guten, daher bin ich froh, dass Dontnod sich nach zweimal Life is Strange mit Tell Me Why und Twin Mirror mit anderen Dingen befasst. Spannende Geschichtenerzähler sind sie weiterhin und, das zeichnet sich in den ersten Stunden schon ab. Wenn ihr Gefallen an den bisherigen Spielen des Studios gefunden habt, dürftet ihr mit Twin Mirror ebenso euren Spaß haben.

  • Entwickler / Publisher: Dontnod / Bandai Namco
  • Plattformen: PC, PS4, Xbox One
  • Release-Datum: 1. Dezember 2020

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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