Das Grundgerüst bildet die herausragende Technik. Die Engine läuft mit konstanten 30 Frames pro Sekunde und das unabhängig davon, was gerade wieder Wahnwitziges auf dem Bildschirm passiert. Licht- und Schatteneffekte suchen ebenfalls Ihresgleichen. Eigentlich wurde jeder Effekt, den man aus dem ersten Teil kannte, noch einmal verbessert. Teils deutlich, teils im Detail. Die mit Wasser vollgesogene Kleidung Drakes, wenn er mal wieder durch einen Bach waten musste, sieht noch eine Spur realistischer aus. Da einige Missionen in Tibet spielen, gesellt sich auch noch Schnee dazu, der sich von den Stiefeln bis zur Gürtelschnalle festsetzt und schleichend nach und nach verschwindet, wenn man zum Beispiel ein Haus betritt.

Besonders hervorzuheben ist die Architektur. Nichts in Uncharted 2 wirkt wie mit einem Baukasten zusammengestellt, alles hat einen individuellen Look. Seien es Häuser, die sich entweder bereits im Grundriss unterscheiden, durch die Struktur des Gemäuers oder durch viele kleine Details wie Fenster, Blumenkästen und so weiter. Oder die Flora im dichten Dschungel, die liebevoll hochgezüchtet scheint, anstatt aus der Speedtree-Retorte. Oder – und das gehört zum absoluten Highlight des Spiels – der charakteristische Aufbau und die Inszenierung eines tibetischen Bergdorfs. Die verschnörkelten Straßen, die gegen den Willen des Gebirges errichteten Häuser, die farbenprächtigen Gewänder der Einwohner. Es ist der stärkste Kontrast im gesamten Spiel. Keine Hatz, kein Getöse – einfach nur Zeit, die Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Es sind Nebensächlichkeiten, die Uncharted 2 so gut tun. Zwei Kinder spielen mit einem Ball und kicken ihn zu Drake, er fängt ihn auf und tritt ihn zurück. Eine Banalität eigentlich. Aber zugleich unerwartet und erfrischend.

Es steckt so viel Liebe im Detail, dass man seine Gegner fast schon auffordern will, mal kurz das Feuer einzustellen, ihnen in Gedanken zuruft, „man möchte die Umgebung genießen.“ Gelegenheit dazu bekommt man immer mal wieder in den kurzen Verschnaufpausen. Zum Beispiel auf der Dachterrasse eines Hauses im krisengeschüttelten Borneo. An dieser Stelle offenbart sich zum ersten Mal, welche Weitsicht die Engine erlaubt. Eine Kulisse, die trotz brennender Fahrzeuge und ständiger Explosionen dennoch nicht stimmungsvoller sein könnte.

Story-getriebenen Spielen wie Uncharted wird oft vorgeworfen, dass sie zu wenig Spielzeit für die sauer verdienten Euros bieten. Mehr als zehn Stunden sind eigentlich nicht in dieser Qualität machbar, das ist natürlich klar. Dennoch greift man trotz dieses Wissens nicht leichten Herzens ins Regal. Um dieses Argument zu entkräften und eben mehr Spielzeit zu bieten, hat Naughty Dog verschiedene Multiplayer-Modi eingebaut. Man trifft auf die üblichen Verdächtigen, wie Deathmatch, Capture-the-Flag, King-of-the-Hill und Domination, bei denen leicht modifizierte Singleplayer-Karten verwendet werden. Beispielsweise fährt bei einer ein Panzer durch ein Dorf und schießt wild um sich. Es gibt Perks, Playlists und ein Ranking-System. Eigentlich alles, was man sich wünscht. Ebenfalls mit an Bord sind diverse Koop-Karten, auf denen man bestimmte Aufgaben lösen muss. Und beurteilt man das, was wir binnen der Multiplayer-Betas und in limitierten Umfang auf Präsentationen spielen konnte, dann scheint Naughty Dogs Bestreben nach einer sinnvollen Verbesserung des „Value for Money“ geglückt. Alles Weitere wird man sehen müssen, wenn das Spiel erschienen ist und im regulären Betrieb läuft. Wir werden darüber noch einmal gesondert berichten.

Hat mir irgendwas an Uncharted 2 nicht gefallen? Ich muss zugeben, dass ich nicht nur beim Spielen, sondern auch jetzt gerade wieder angestrengt darüber nachdenke, was man bemängeln könnte, ohne kleinkariert zu werden. Vielleicht diese eine Zwischensequenz, in der Nathan Drake eine Pistole in der Hand hielt, obwohl ich gar keine im Inventar hatte. Ein fast schon skandalöser Zustand in Anbetracht der Perfektion, mit der Naughty Dog die Stärken des viel gelobten Vorgängers auf die Spitze getrieben hat. Aber ansonsten? Es fällt mir ehrlich gesagt nichts ein.

Naughty Dog inszeniert Uncharted 2 wie einen großen Hollywood-Film. Effektreich, technisch und grafisch perfekt auf der einen Seite. Mit allen Regeln der Erzählkunst, dem Aufbau von Charakteren und flotten Sprüchen auf der anderen. Während die alten Bekannten Elena und Sully sofort ein Gefühl von Vertrautheit vermitteln, drängen sich die neuen Nebendarsteller Chloe und Flynn zunächst dazwischen, wirken dadurch etwas spröde, finden dann aber nach kurzer Zeit ihren Platz in der spannenden Geschichte. Dazu tragen auch diesmal die sorgsam ausgewählten deutschen Stimmen bei und dass die Lokalisierung zu keinem Zeitpunkt das Gefühl vermittelt, eine einfache Übersetzung zu sein.

Ja, wer in Spielen eher den französischen Kunstfilm sucht, der wird – im Gegensatz zu mir - jede Menge zu bemängeln haben. Und ebenfalls ja, alle anderen können bedingungslos zugreifen. Uncharted 2 gehört meines Erachtens nicht zu den Spielen, die man gespielt haben sollte, sondern gespielt haben muss.

10 /10

Uncharted 2: Unter Dieben/Among Thieves erscheint am 16. Oktober exklusiv für die PlayStation 3.

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Editor, Eurogamer.de

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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