Valheims Geheimzutat: Eine Extraportion Kindheit

Zwei Millionen in zwei Wochen. Ein Erklärungsversuch.

Auch wenn sich der Eindruck aufdrängen könnte, weil alles, was mit Nordmännern zu tun hat, irgendwie gerade der totale Renner ist: Es ist nicht nur das Wikingerthema, das Valheim zum neuesten Early-Access-Verkaufsschlager macht. Das Sujet allein bringt einem nicht die höchste User-Wertung ein, die eine Steam-Shopseite zieren kann. Dafür muss man noch ein paar ganz andere Sachen gut und richtig machen, um auch nach zwei Millionen verkauften Einheiten innerhalb von 14 Tagen noch durchweg so gut wie jeden von sich zu überzeugen.

Ihr habt mit Valheim angefangen, könntet aber ein wenig Hilfe gebrauchen? Dann klickt einfach hier: Valheim: Alle Guides mit Tipps und Tricks in der Übersicht

Valheim ist tatsächlich ein ziemlich guter Vertreter seiner Art, doch auch das erklärt nicht in Gänze, warum es sich auf einem derart dicht bestellten Acker wie dem des Survival-Spiels aktuell so hervortut. Das Szenario und was man darin tut, ist nun wirklich nicht das originellste, nachdem man in Ark auf einem Tyrannosaurus ritt oder in Conan Exiles als aufgepumpter Barbar untote Drachen erlegte. Aber Valheim gelingt in all seiner Urwüchsigkeit und Simplizität ein Kunststück, das auf den ersten Blick gar nicht wie eines aussieht: Es weckt das Kind im Spieler.

Einmal wieder zehn sein

Neu ist das selbstverständlich nicht. Im Grunde erden sehr viele Games, denen es nicht in erster Linie um Wettbewerb geht, ihren Eskapismus in den Tobereien und Luftschlössern unserer Kindheit. Oder versuchen es zumindest. Wer erinnert sich nicht daran, wie das war, als man damals in Wäldern, verwilderten Gärten oder eben in der überwucherten Ecke des Spielplatzes, rechts hinter der Rutsche, einen kleinen Traum von Unabhängigkeit und Selbstversorgertum träumte. Bis man merkte, dass es langsam kalt wurde an den Schultern und Knien, jemand zum Abendessen rief und einem einfiel, dass man von dem gerupftem Gras und dem Stock, die gerade noch Getreide und Eberkeule waren, vielleicht doch nicht satt wird.

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Zusammen spielen ist wunderbar schnörkellos.

Valheim kitzelt das Gefühl von damals deutlich besser raus als viele artverwandte Spiele, auch weil seine prozedural generierte Welt und seine Mythologie so simpel gehalten sind. Es eine einfache Art der von nordischen Mythen getriebenen Fantasy, die uns schon damals zum großen Teil ein Begriff war. Nicht besonders gruselig muten sie an, die Graulinge, Echsen, Trolle und Skelette, auf die man hier trifft. Eben fast, als hätte sie ein Kind herbei imaginiert. Auch spielerisch sind sie mehr als nur bezwingbar, manchmal reichen simple Kiting-Tricks, um selbst über haushohe Feinde zu triumphieren. Was nicht heißen soll, dass das Kampfsystem keinen Spaß machen würde - im Gegenteil, das passgenaue Parieren oder maßvolles Blocken genügen auch gehobenen Actionspiel-Ansprüchen. Aber ihr dürft eben so heldenhaft oder feige sein, wie ihr mögt - es geht meistens zu euren Gunsten aus. Ganz wie damals.

Kurzum: Es passt einfach, dass Valheim kein besonders hartherziges oder beschwerliches Spiel ist. Natürlich gibt es auch hier ein Tragelimit, das verhindert, dass ihr einen Nachmittag lang nichts weiter macht, als über einer riesigen Kupferader die Spitzhacke zu schwingen, ohne auch nur einmal zu eurer Hütte zurückzukehren. Aber ein kleiner Unterstand mit Aufbewahrungstruhen und einem Bett als Instant-Spawnpunkt im Falle eures Todes ist immer schnell errichtet. Ausrüstung repariert ihr ohne jeglichen Zeit und Ressourcenaufwand, sind euch die Nächte zu doof, geht ihr einfach schlafen, und sterbt ihr irgendwo, ist der Marsch zu eurer Leiche endlos häufig möglich, ganz egal, wie oft ihr unterwegs sterbt: Eure Sachen bleiben dort, wo ihr das Zeitliche gesegnet habt (auch wenn ihr euch besser gut merkt, wo das war, denn auf der Karte ist immer nur euer letzter Grabstein eingezeichnet).

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In diesem Dungeon fand ich Edelsteine und die Position des zweiten Bosses.

Geht euer eigenes Tempo. Bis Mama zum Essen ruft!

Selten ist Survival so großzügig wie hier, ihr verhungert oder verdurstet nicht (seid dann nur angreifbarer) und irgendeine Art von Fortschritt macht ihr immer. Neue Materialien schalten von selbst Baupläne und Rezepte fürs Crafting und Basteln frei, jeder gelungene Block, jeder Sprung und sogar jeder geschlichene Schritt steigert eure Erfahrung und schließlich euren Level in der entsprechenden Kategorie. Dadurch verbessert sich nicht nur nach und nach das Handling, ihr formt auch wie von selbst euren Charakter so, wie ihr ihn am liebsten spielt. Das Ergebnis ist ein gönnerhaftes Spiel, bei dem der Absprung schwerer fällt als sonst in dieser Art Überlebens-Gameplay ohnehin schon. Irgendein Projekt oder ein Punkt auf der Tagesordnung ist immer bereit, gestartet, maßgeblich vorangebracht oder beendet zu werden. Toll! Oder schlimm. Je nachdem, wie viel oder wenig Freizeit ihr habt.

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Atmosphärisch stark - jede dieser zufallsgenerierten Welten macht man sich ganz zu eigen.

Dann wiederum, weil Valheim von Anfang an mit dem Erlegen sechs verschiedener Götter eine klare Richtungsvorgabe ausweist, ist es nicht einmal mit Hinblick auf das erforderliche Zeitkontingent besonders anspruchsvoll. Kein endloses Herumirren, kein Überleben zum Selbstzweck, dafür aber regelmäßige abenteuerliche Entdeckungen, die sich kostbar anfühlen und ein eindeutiges Ziel, auf das ihr mehr oder weniger zügig hinarbeiten könnt. Bis der erste dieser Bosse lag, dauerte es in meinem Fall keine zwei Stunden, die Position des zweiten kenne ich längst - und wem das alles immer noch nicht schnell genug geht, der öffnet seine Welt einfach einem oder mehreren Freunden oder Freundinnen, denn zusammen erkundet, kämpft und baut (und das Bausystem ist ebenso potent wie leicht zu verstehen) es sich noch einmal unbeschwerter. Entspannter überlebte es sich selten.

Nicht zuletzt wäre da die Optik, die ohne Umschweife in eine Zeit zurückversetzt, in der man von einem Pentium 2 träumte, beim Nachhausekommen von seinen nachmittäglichen Abenteuern aber immer nur den alten Amiga im Zimmer vorfand. Gleichzeitig bekommt Valheim es hin, dass man die klirrende Kälte verregneter Gewitternächte und die Wärme der sich im Wellengang spiegelnden Sonne fast auf der Haut zu spüren meint. Ein schöner Spagat zwischen alt und neu, der Nostalgie und Immersion zu gleichen Teilen bedient.

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Nicht meins. Aber ich weiß schon jetzt, wie es geht!

Valheim im Early Access auf Steam kaufen

Also ja: Ich verstehe gut, warum die Leute momentan reihenweise Valheim verfallen. Es ist Survival auf die beste Art. Die nämlich, die das Überleben in den Dienst einer höheren Sache stellt und dennoch die Leine locker genug lässt, damit ihr selbst einfach machen könnt, wonach euch ist. Viele Spiele jagen dem Gefühl nach, das man hatte, als man damals als Hauptrolle seiner eigenen Geschichten durch die Pampa jagte und einem vermutlich nicht ganz gesunden Heldenbild nacheiferte. Aber die wenigsten halten die Illusion so lange aufrecht wie nun Valheim. Das muss man nicht revolutionär oder anziehend finden - Respekt gebührt im dafür allemal.

  • Entwickler / Publisher: Iron Gate AB / Coffee Stain
  • Plattformen: PC
  • Release-Datum: erhältlich im Early Access
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: ca. 17 Euro, keine Mikrotransaktionen

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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