Wasteland 3 Test - Langsam wird es bequem in der Endzeit

Die Politur des Bewährten.

Wasteland 3 Test - Wasteland 3 erfindet das Old-School-RPG nicht neu, aber ihm gelingt der Spagat aus Hardcore-Appeal und Komfortwunsch.

Wasteland 3 sitzt sehr bequem in einem Rollenspielfeld, das sich über die letzten Jahre auf genau diesen Punkt hin entwickelt hat. Es thront fast schon ein wenig darüber, denn es hat genug Mainstream-Reiz. Wasteland ist dank Fallout ein recht akzeptiertes Szenario. Kennt man, mag man. Oder auch nicht, aber man weiß zumindest, woran man ist. Rundenbasierter Kampf ist auf die eine oder andere Art gang und gäbe und alles andere als exotisch, so wie es das vor einem Jahrzehnt noch gewesen wäre. Dass Grafik eher Nebensache ist, daran hat sich der Rollenspieler gewöhnt, wenn er denn mehr als nur den Witcher gespielt hat. Und vor allem ist es nicht so durchgeknallt wie ein Torment oder gar ein Disco Elysium. Ja, Wasteland 3 hat es recht gemütlich, da hatte sein Vorgänger damals noch mehr Arbeit vor sich.

Die Zeit seitdem nutzte man vor allem, um das etwas ruppige Interface geradezuziehen. Nicht nur das, alle Aspekte wurden zugänglicher und übersichtlicher gestaltet, das allerdings ohne den Hardcore-Appeal einzubüßen. Schließlich freut sich jeder, wenn man beim Looten nicht zu jedem Gegner einzeln laufen muss, sondern schon beim ersten die ganze Beute des Schlachtfeldes angezeigt wird. Es dürfte auch niemanden stören, wenn eine Talentprobe ansteht, dass automatisch der Charakter nach vorn geht, der dieses Talent auch hat und nicht der herausgesucht werden muss. Egal ob Anzeigen im Kampf, das Inventar, alles wurde seit Wasteland 2 angefasst und glattgeschliffen, aber eben nicht grundlegend verändert.

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Wasteland 3 Test: Es ist das Ende der Welt, aber manche Probleme bleiben immer gleich.

Das ist auch völlig okay, es ist ja kein Serien-Reboot oder etwas in der Richtung. Im Gegenteil, inhaltlich wird direkt an den Vorgänger angeknüpft. Ohne etwas aus diesem zu spoilern, die Ranger in Arizona, die netten Wächter der Apokalypse, etwa 100 Jahre nach dem Atomkrieg, haben da zwar gewonnen, aber stehen infrastrukturell nicht so gut da. Also freut man sich über Nachricht aus dem nördlichen Colorado, wo der "Patriarch" alle nötige Hilfe verspricht, wenn die kampferprobte Truppe für ihn ein paar Familienprobleme klärt. Kurz gesagt, es ist der Plot von Far Cry 5, nur mit dem Unterschied, dass der Papa der Truppe relativ normal scheint, während die drei Kinder auf drei Arten komplett irre sind.

Wasteland 3 - Die bodenständige Apokalyse

Die Ranger haben dabei nicht den besten Auftritt, im Intro wird fast eure gesamte Truppe von einer Randfraktion bis auf zwei selbst zu definierende Charaktere in einem Hinterhalt zerlegt. Als Patriarch hätte ich danach einen Haken hinter die Sache gemacht, aber er gibt euch nicht nur eine Chance, den Auftrag fortzusetzen, sondern sogar eine stattliche Basis, ein paar erste Verbündete und Hinweise, wo man denn mit dem Abarbeiten der Quests starten sollte. Und das tut man dann auch. Für lange Zeit.

Dass die Aufgabe, die drei verlorenen Kinder möglichst lebendig einzusammeln, als Hoch-Level-Aufträge markiert sind, deutet an, dass es viel zu tun gibt, bevor ihr euch der eigentlichen Quest überhaupt widmen sollt. Wasteland 3 geizt nicht mit Aufgaben aller Größenordnungen und während die meisten von denen auch ordentlich geschrieben sind - Sprachausgabe gibt es übrigens nur auf Englisch -, bleiben sie doch fast immer sehr bodenständig. Es mag Torment und Disco Elysium geschuldet sein, aber wenn man immer noch über die inneren Probleme und Dialoge eines Inland-Empire-Psychopathen, den man in einem anderen Spiel gezüchtet hat, grübelt, kümmert man sich hier um etwas, das grundlegend wenig mehr als ein paar aus dem Ruder gelaufene Warlords sind. Ja, die Kids sind durchgeknallt, aber ein paar Cyborg-Mutanten bringen einen jetzt nicht wirklich ins Schwitzen.

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Wasteland 3 Test: Bryan Fargo hat sich wieder einmal selbst verewigt. Auf sehr interessante Weise...

Auch was die Moral angeht, wirkt es eher alles grundsolide. Halte ich tödliche Selbstjustiz für eine gute Sache oder übergebe ich die Gefangenen an das Gesetz, das ich wohl vertreten sollte? Helfe ich einer Familie in Not oder kümmere ich mich lieber darum, dass die Wachen der Stadt ihre Rüstungen aus einem überfallenen Convoy bekommen? Es reduziert sich auf die groß angezeigten Punkte, bei welcher Fraktion ich nun besser dastehe und das läuft auch ohne großes Rätselraten ab. Sicher, nach und nach kann ich mich mit immer mehr Psychopathen umgeben und sogar verrückte Kultanführer in meine Truppe aufnehmen, statt sie auf die eine oder andere Weise aus dem Verkehr zu ziehen, was dann natürlich interne Konflikte befeuert. Diese sind dann aber keine echte Weiterentwicklung zu Dingen, die auch schon im ersten Baldur's Gate passierten. Nein, inhaltlich dreht Wasteland, bei aller unterhaltsamen Qualität die Welt kein Stück weiter. Okay, die Ziege im Puff hat mich ein wenig verwirrt, aber hey, sie soll die beste sein, bei dem was sie tut. Was auch immer das genau sein mag...

Wasteland 3 - Auf Rundfahrt mit dem Schneemobil

Wo Wasteland 3 dann auftrumpft ist der schiere Umfang von allem. Nicht nur, was die Größe der Landschaften angeht. Ihr habt im Gegensatz zum Vorgänger nun eine echte Außenwelt, die ihr mit eurem Schneevehikel abgrast und das leider ziemlich träge. Aber es ist trotzdem schön, endlich etwas mehr zu sehen, selbst wenn es sich in seiner Reduktion auf zufällige Kleinstereignisse zwischen der Handvoll großer Orte und ein paar Dutzend "Dungeons" etwas sehr nach ca. 2002 anfühlt. Aber auf eine gute Art, es ist nicht ganz einfach zu beschreiben. Ich sollte mich nicht so sehr über ein paar Zelte freuen, in denen ich nach einer erfolgreichen Skill-Probe ein paar zufällige Loot-Items finde, aber trotzdem ziehe ich im Anschluss etwas glücklicher weiter und kramse fröhlich den Rest der Karte ab. Ja, es ist altmodisch, es passiert auf engen Wegen und mit weniger Freiheit als es zunächst den Anschein hat, aber es macht Spaß.

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Wasteland 3 Test: Verhaften oder direkte Justiz ist sehr oft eine Frage für euch.

Das Vehikel ist aber nicht nur einfach ein Fortbewegungsmittel für die Oberwelt, es ist auch ein Kampfgeschütz, das zwar nicht immer zum Einsatz kommt, aber wenn, dann kracht es richtig. Nach und nach rüstet ihr das Monstrum mit mehr Waffen und Rüstung auf, was euch nicht nur erlaubt, neue, radioaktiv verstrahlte Gebiete zu erkunden, sondern im Kampf auch mehr Freude bereitet. Aus gutem Grund habt ihr in eurer Basis eine eigene Werkstatt für den Schnee-Panzer. Aber nicht nur das, Waffen und Rüstungen lassen sich modifizieren, es gibt sogar einen Skill dafür. Alles ist auf Individualisierung und Optimierung ausgelegt und wer Spaß daran hat oder auf den höheren Schwierigkeitsgraden überleben möchte, kann sich da eine ganze Weile reinhängen. Dank des guten Interface sogar recht komfortabel.

Genauso wichtig ist die Zusammenstellung des Teams. Eure ersten beiden Charaktere legt ihr zum Start fest, wenig später habt ihr dann Zugriff auf einen Pool an vorgefertigten Spezialisten oder ihr bastelt euch jeden eurer Gefährten selbst zusammen. Dabei solltet ihr aber darauf achten, dass ihr das Fertigkeitenfeld weit streut, denn selbst nach einigen Level-Aufstiegen reicht es nie für einen Alleskönner. Das hat Vorteile, da ihr so besser eure Taktik und Optionen definiert, mit denen ihr die Dungeons - ich benutze dieses Wort hier sehr lose - angeht und Kämpfe bestreitet, aber auch ein paar Nachteile.

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Wasteland 3 Test: Dank des eleganten Interface und der Komfort-Features machen die Kämpfe noch mehr Spaß.

So ist es praktisch sinnlos, einen Charakter eine zweite Waffenfertigkeit wirklich ausdefinieren zu lassen, denn so nett es auch ist, optional zum Sniper auch eine Nahkampfattacke zu haben, es ist weit sinnvoller eine der vielen und oft gefragten anderen Fertigkeiten zu lernen. Sei es Hacken, Mechaniker, Arzt oder Diplomat, fast jeder Zweitjob eines Charakters ist wichtiger, als im Kampf flexibel zu sein. Das reguliert ihr dann über die Auswahl der Charaktere, wodurch wiederum die Zusammenstellung weniger flexibel ist. Andererseits, die generischen Teile eurer Truppe haben eh nicht viel zu sagen und das ist vielleicht auch das inhaltlich größte Problem. Ihr spielt ein übergeordnetes Gruppen-Ich, das die Stimme von fünf willenlosen Nicht-Individuen wiedergibt, während die ausdefinierten NPCs ihre eigenen Persönlichkeiten mitbringen. Das hatten andere Titel mit ihren ausdefinierten anheuerbaren Spielercharakteren besser gelöst. Es ist hier die Abwägung: Wasteland 3 lässt euch Kampf- und Skill-taktisch frei schalten und walten, andere bieten mehr Gruppendynamik und Persönlichkeit. Ich will mich jetzt nicht entscheiden, was besser ist, hier hat es mich zumindest nicht wirklich gestört , dass die einzelnen Figuren in meinem Trupp immer auf persönlicher Distanz blieben und vor allem durch ihre Fertigkeiten definiert waren. Wie wichtig kann der Name der Hackerin mit der Schrotflinte schon sein?

Wasteland 3 - Rundenkampf, so wie er sein sollte

Das echte Highlight ist eh mittlerweile der taktische Kampf, vor allem, weil es so oft im Vorfeld Dinge gibt, die man zur Vorbereitung tun kann. Fast immer ist direkt darauf zuzulaufen die schlechteste Idee, denn dann geht die erste Runde an den Gegner und das ist das letzte, was ihr wollt. Statt dessen lohnt es sich, ein wenig herumzuschauen, eine Tür zu knacken, sich von der Seite heranzuarbeiten, vielleicht einen Todesstrahler zu aktivieren, der ein paar Feinde schon in den ersten Runden ausknockt und das Gleichgewicht zu euren Gunsten verschiebt. Wie gesagt, auf den höheren der vier Schwierigkeitsgrade ist das auch dringend zu empfehlen, nicht nur weil es Spaß macht. Sondern weil ihr sonst wenig Sonne sehen werdet.

Die Balance hier gelang Wasteland 3 ausgezeichnet. Der unterste Level ist wirklich fast ein Selbstläufer, bei dem ihr sogar eigentlich aussichtslose Kämpfe ohne echte Verluste übersteht. Aber schon auf Normal ist es nicht ratsam frontal ins Feuer zu laufen. Schon allein, weil Ausbluten, Vergiftungen und Elementarschäden keine Kratzer sind, sondern Dinge, um die ihr euch sehr schnell kümmern müsst. Die gegnerische KI ist dabei kein Sprung für die RPG-Welt, aber sie erledigt ihren Job gut. Trotzdem, es ist meist mehr die gegnerische zahlenmäßige Überlegenheit und günstigere Ausgangspositionierung, die euch Kopfschmerzen bereiten wird. Das - und dass es relativ leicht ist, in eine gute Schussposition zu kommen, in der ihr hohe Trefferchancenprozente holt. Das gilt eben auch für die KI, die das gerne ausnutzt und weiß, dass sie meist mehr gewinnt, wenn sie mal hier, mal da eine Figur opfert. Hauptsache diese landet noch einen guten Treffer gegen euch.

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Wasteland 3 Test: Auf großer Fahrt und auf engen Wegen. Es ist nicht gerade Open World, aber das muss es hier auch nicht sein, um euch etwas mehr Freiheitsgefühl zu geben.

Das neue, komfortable Anzeigesystem hilft euch aber ausgezeichnet, das zu kontern. Das Anzeigen der Deckung ist normal, das der Trefferchance auch, aber dass ihr die neuen Trefferchancen einer neuen Position direkt immer und für jeden Gegner direkt seht, macht den Kampf sehr viel bequemer und gleichzeitig taktisch fairere. Ihr müsst nicht mehr raten, ob eine Position hinter einer Halbdeckung auch noch eine gute Trefferzone bietet, ihr seht es, indem ihr nur den Mauszeiger über das Zugfeld bewegt. Seid ihr nicht mit den Werten dort zufrieden, zieht ihr halt woanders hin. Nehmt dann noch die üblichen Dinge wie verzögerte Aktionen, gelegentlich zu nutzende Spezialfertigkeiten und die verschiedenen Waffenarten hinzu und ihr habt eines der aktuell besten Rundenkampfsysteme dieser Art. Zugegeben, ich bevorzuge System, die Figuren ausgehend von ihren Initiative-Werten ziehen lassen und nicht immer beide Seiten alle ihre Figuren en bloc, aber davon abgesehen habe ich mir in Wasteland 3 wirklich auf jeden Kampf gefreut und egal ob es ein paar verstreute Renegaten oder mutieret Endzeit-Monster waren, ich wurde nie enttäuscht.

Ich sollte wohl noch ein paar Worte zur Technik verlieren, aber ganz ehrlich, ich habe das nicht bewusst nach hinten geschoben. Es ist einfach etwas, über das ich bei dem Spiel nie nachgedacht habe. Wasteland 3 ist nicht hässlich, aber eben auch kein Spiel, bei dem man zwei Mal hinguckt, oder das einen mit avantgardistischen Eindrücken à la Disco Elysium verwirrt. Die Animationen sind okay, das Design ist, was es ist und das ist nichts, was man seit den Tagen Fallouts nicht schon gesehen hätte. Wenn ich was zu kritisieren hätte, dann dass man nicht allzu weit herauszoomen kann und in den größeren Orten so die Übersicht leidet. Aber dann wiederum ist die Wegfindung so gut, dass ich auch von weit weg irgendwohin klicken kann und die Truppe wird schon ihren Weg machen. Aber sonst ist es eben Screenshot-WYSIWYG. Erwartet nicht mehr als ihr seht und ihr werdet nicht enttäuscht sein.

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Dumm, wenn man erwischt wird: Wer sich nicht an einen Kampf heranpirscht findet sich plötzlich in einem Pulk wieder, umringt von Mutanten-Würmern.

Wasteland 3 Test Fazit - Das nächste große Rollenspiel

Wasteland 3 ist die konsequente Weiterentwicklung aller Aspekte des Vorgängers, ohne die Ausrichtung groß zu kippen. Man hat sich auch angeguckt, was der Rest der Welt in den letzten Jahren so getrieben hat, so erinnert der Kampf hier und da ein wenig mehr an Harebraineds Shadowrun-Reihe, aber alles wurde mit sanfter Hand angefasst und auf ein fast schon unheimliches Level von Komfort poliert, das man in diesem Sub-Genre so gar nicht gewohnt ist. Für ein Spiel mit einem so hohen Grad an Komplexität im Kampf und anderen Systemen spielt sich Wasteland 3 erstaunlich fluffig. Und das, ohne den Appeal für die Hardcore-RPGler zu opfern oder den Schwierigkeitsgrad zu sehr zu drücken. Dass es in seinem Szenario weit konservativer bleibt und auch in Sachen Entscheidungen und Konsequenzen jetzt den Theorien von Warren Spector nicht so viel hinzuzufügen hat, kann man ihm dann leicht verzeihen.

Vor allem die Kämpfe waren es am Ende, auf die ich mich freute. Häufiger als sonst wählte ich den Weg, der zu einem Kampf führte, nur um den besten Aspekt des Spiels einmal mehr auszukosten. Und da inXile um diese Kämpfe herum mit Wasteland 3 erzsolide, ehrliche und gelungene Handarbeit ablieferte, ist das einmal mehr ein weiteres großes RPG mit dem man Dutzende Stunden in tiefe Nächte hindurch Runde um Runde, Gegner für Gegner die Stunden vertreibt.

  • Entwickler / Publisher:
  • Plattformen: PC, Xbox One, PS4 (getestet auf PC)
  • Release-Datum: 28. August 20
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere (Ton nur Englisch)
  • Preis: ca. 60 Euro

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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