Watch Dogs: Legion - Der Technik-Showcase für PS5 und Xbox Series X?

Vielleicht. Gespielt auf PC.

Watch Dogs: Legion auf PC angespielt: London ist eine großartige Stadt. Architektonisch gesehen zumindest. Dort zu leben, ist leicht anstrengend - wer sich über Verkehr in Hamburg oder Berlin beschwert sollte mal probieren in London morgens von den Außenbezirken in die Innenstadt zu kommen. "Dauert mal 20 Minuten länger" gilt da nicht für den ganzen Weg, sondern jede zweite Ampel. Einmal war es so schlimm, dass ein Kollege nach zwei Stunden fast am selben Fleck im Taxi "f... it" sagte, ausstieg, im Hotel daneben aufs Klo ging, ein wenig vorspazierte, drei Kaffee holte und 70 Meter weiter zu uns zurück ins Taxi stieg. Insoweit ist Watch Dogs 3 eine sehr realistische Darstellung der baulichen Glorie Londons und eine sehr unrealistische der Verkehrssituation der Stadt. Das oder es braucht wirklich erst ein faschistoides Schweinestaat-System, um die verkehrspolitische Wende einzuleiten.

Ich jedenfalls konnte beim Anspielen von Watch Dogs: Legion wunderbar europäische Verfolgungsjagden durch London fahren. Das bedeutet Kleinwagen in engen Gassen, wild zwischen anderen Autos hin- und hersausend - wo in der Realität nicht mal Fußgänger Platz haben - und spektakuläre Hüpfer über kleinere Hindernisse hinlegen. Die Fahr-Engine war beim letzten Anspielen noch ein Sorgenkind von Watch Dogs 3 - sorry, Watch Dogs: Legion -, das scheint sich erledigt zu haben, denn ich hatte keine Probleme mit Mini und Truppentransporter. Selbst mit dem berühmten Doppeldeckerbus ging es gut, wenn auch erwartbar träge voran.

Spinnen-Robo-Maskottchen-Hüpfer inklusive.

Und was ich auf diesen Wegen sah, war wundervoll. Jetzt ist auch klar, warum für die neuen Konsolen keine 60 Frames bei 4K angekündigt wurden. Es ist schon ein guter Sprung, dass sie das mit 30 in 4K schaffen. Wenn sie es denn schaffen, denn schließlich spielte ich auf einem PC, aber hier war es der perfekte HDR-Postkarten-Charme mit Lichteffekten aller Art, satten Farben und unglaublich vielen Details. Nicht allen, ich muss zu meiner Unzufriedenheit anmerken, dass ich die kleine Bar unter der Tower-Bridge vermisste, als ich mit einem geklauten Frachter die Themse runterschipperte, aber im Gegenzug fand ich zwei meiner Lieblingscafés nahe des Temple District. Hey, auch Revoluzzer brauchen guten Kaffee, deshalb hatten sie in Süd- und Mittelamerika auch immer bessere Karten als im Rest der Welt.

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Watch Dogs: Legion: Besucht London - am besten mit dem Boot und als mörderischer 00-Agenten-Renegat. Man hat so einfach mehr Spaß in der Stadt.

Was ich jetzt genau die drei oder so Stunden tat? Nun, erst einmal die Ubi-Karte ignorieren und besagten Fahrspaß haben, die Stadt genießen und das hätte ich angesichts der atemberaubenden Lebendigkeit dieser Stadt auch locker den Rest der Zeit machen können, ohne mich zu langweilen. Schließlich wurde es aber Zeit, mal zu gucken, was eigentlich zu tun ist und wie man es tun könnte. Auf der Karte habt ihr Story-Missionen und solche, die einen Bezirk in sichereres Gebiet verwandeln. Dazu kommen jede Menge Tech-Punkte, die ihr zum Freischalten von Upgrades braucht und sicher auch noch Nebenmissionen, die ich nicht entdeckt habe und die teilweise auch dynamisch sind. Von denen mal abgesehen, könnte ich hier auch Far Cry 3 beschreiben. Wer also von einer kompletten Abkehr alter Muster träumte, darf das gerne woanders tun.

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Watch Dogs: Legion: Die Stadt an sich, die Ubi da hingestellt hat, ist einfach ein Traum.

Fangen wir mit dem einen "Setpiece", also einer durchgestylten, geplanten Mission an, die Ubi traditionell gern groß inszeniert. Hier ging es darum, mit einer kleinem Spinnendrohne das Uhrwerk des Big Ben zu erklimmen, um draußen ein schickes Propagandaplakat zu aktivieren. Nun, in den 90ern hätte man aus dieser kleinen Sequenz ein ganzes Spiel gemacht. Wie in einem Jump 'n' Run hüpft ihr erstaunlich gut steuerbar über Zahnräder und huscht durch Lücken und es ist eine nette kleine Abwechslung. Dass so was auch nach hinten losgehen kann, zeigt eine andere Stelle: Hier musste ich mit einem defekten, lahmen und schlecht steuerbaren Bot dieser Art durch die Lüftungsschächte von Scotland Yard robben und es war schlicht nur nervig. Ein falsch getimter Hüpfer und man durfte den Raum noch mal machen. Fantastisch, jetzt bin ich bei der B-Ware der 90er angekommen.

Natürlich habe ich einen Plan: Sie alle erschießen.

Trotz solcher Ausrutscher, die allgegenwärtigen Drohnen, die ihr alle erst hacken und steuern könnt, machen Spaß. Mit den kleinen Spinnen durch die Gegend schleichen, Wachen zappen und Wege freihacken ist eine nette Variation des üblichen Hackens in zum Beispiel Deus Ex. Und vor allem eine nette Variation zu einer eigentlich viel effizienteren Methode, die ich ehrlich gesagt immer nutzte, wo ich konnte. Versuchte ich es zuerst noch mit Gadgets und ganz im Geheimen, war mir das schnell zu zeitintensiv - meine Spielzeit war ja begrenzt. Also guckte ich mal, was ich noch so an "Agenten" im Kontingent habe. Lederjacke, Mafia-Zeichen und ein Sturmgewehr? Du bist mein Mann.

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Watch Dogs: Legion: In solchen AR-Story-Sequenzen erkundet ihr die Vergangenheit der Tatorte.

Den benutzte ich dann, um Scotland Yard zu Klump zu schießen, was dank soliden Deckungssystems und Ghost-Recon-artigem Spielgefühl gut funktionierte. So befreite ich eine Ex-Geheimagentin mit ebenfalls solider Bewaffnung und dem Bonus eines Schalldämpfers und der Rest des Weges durch die Anspielsession war klar. Als 008, Codename Joanna Dark, meuchelte ich mich moralbefreit durch Horden von bösen Staatsstreichern, Organhändlern und ca. 50 Prozent unschuldigen Zuschauern am Straßenrand. In GTA hatte ich eine geringere Quote an beliebigen Morden und all das war möglich, dank des neuen NPC-Rekrutierungssystems.

War es in Watch Dogs 2 noch ein wenig ein Widerspruch, dass man als lustige Anarcho-Truppe alles meuchelte, was des Weges kam, hängt es nun vom Rekrutierten ab, wie man sich als Rollenspieler dabei fühlt. Mit meiner Punk-Mutti der zweiten Riot-grrrl-Generation brachte ich es hier auch nicht übers Herz, ihr Gewissen unnötig zu belasten, aber mit 008 war es kein Thema. Just open your eyes and think of England, während man von hinten den Headshot landet und an den besten Witz aus Austin Powers denkt. "Er wollte nur ein paar Pfund extra verdienen, er war so ein guter Familienvater." Ach, London macht Spaß, man muss sich nur die richtigen Leute suchen.

Party Party Partizani und jeder darf mitmachen

Die findet ihr überall. Ihr könnt jede Person und ihren Hintergrund hacken. Ist er eurer Organisation zugeneigt, könnt ihr ihn recht einfach rekrutieren, was häufiger der Fall sein wird, wenn ihr in seinem Viertel schon gute Dinge getan habt. Wenn nicht, dann gibt es eine der generierten Quests, die ihr erfüllt und dann habt ihr einen Mitstreiter mehr. Je nach Talenten sind sie eher für Stealth, Tech, Schießen oder alles ein wenig geeignet und je nach Spielstil könnt ihr euch so eure eigene ideale Truppe zusammenheuern. Das mit dem "jeder macht, was er kann" ist natürlich etwas weit hergeholt. Außer ich habe London unterschätzt und in wirklich jedem, der mir dort so unschuldig über den Weg lief, schlummert ein High-End-Partisane. Aber es ist ein Spiel, nur nicht zu viele Fragen stellen.

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Watch Dogs: Legion: Blöder Bott. Mit dem kaputten Spinnen-Bot macht das Leben einfach keinen Spaß. Schlimmste. Fünf. Minuten. In. Watch Dog Legion.... Bisher.

Zumal die Geschichte sogar spannender ist als gedacht: Ein Riesen-Terror-Anschlag verwüstet die Innenstadt, das Land wird durch Notstandsgesetze praktisch mit einem Coup übernommen, Die DedSec-Truppe aus den Vorgängen muss als Sündenbock herhalten und es ist schon interessant, wer wirklich hinter allem steckt. Ist es David Cummings? Ist es Boris Johnsons Hund, Dilyn? Oder doch Guy Fawkes' Gehirn, das mit Resten von Adolf Hitlers Gehirn wiederbelebt wurde? Nein, das wäre der Plot für ein J-Shoot 'em Up, wahrscheinlich ist Dilyn an der Lage schuld. So oder so, ich bin durchaus gespannter, als ich es erwartet habe, das rauszufinden.

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Watch Dogs: Legion: Aber man wird entschädigt - Mit einer geklauten Frachtdrohne in High-Heels und einem Legionärshelm auf dem Kopf London erkunden ist so... Französisch.

Die Puzzleteile rekonstruiert ihr aus interaktiven Story-Sequenzen, die AR-Rekonstruktionen von früheren Ereignissen sind. Technik, die eher an Magie erinnert, macht alles möglich, warum nicht. Dabei stoßt ihr auf ein paar wunde Stellen wie die Misshandlung von Flüchtlingen in Ghettos. Aber von dem, was ich bis dahin sah, war es sonst mehr ein Fantasy-Plot, der nicht so offensiv politisch ist, wie es die Brexit-Lage erlauben würde. Gut so, ich habe den Guardian, um mir den Tag zu ruinieren. Ich brauche das nicht in einem Spiel, in dem ich mit einem Spider-Bot MI6 demontiere. Die Grund-Message, dass die meisten Leute eigentlich ganz nett sind und nur wenige nötig sind, um was Böses zu tun, reichte mir für die drei Stunden. Ich lasse mich im Weiteren dann gern überraschen, ob Watch Dogs 3 dann kontemporär relevant sein möchte oder es bei Allgemeinheiten belässt. Womit ich, wie gesagt, jetzt nicht so das Problem hätte.

Watch Dogs: Legion - Das Spiel für die Generation 3090. Und vielleicht PS5 / Series X...

Am Ende will ich schließlich nur ein wenig durch dieses hinreißend schöne London marodieren und nebenbei die Welt retten. Sicher, ich kann das über Hacken, Stealth und nicht-tödliche Waffen tun. Oder aber ich befreie mir eine Gruppe von professionellen Killern und spiele GTA. Diese Freiheit gibt euch das Spiel, während ihr die Ubi-Map abgrast und euch immer wieder an den zig Billionen Details in der Landschaft erfreut. Dieses Spiel auf Switch? Wird wohl nicht passieren. Dieses Spiel auf den kommenden Konsolen? Kein Wunder, dass die ins Schwitzen geraten. Watch Dogs: Legion wird auf wahnsinnig teuren neuen Grafikkarten mitgeliefert? Macht absolut Sinn. Watch Dogs: Legion wird mein Showcase-Game für die neue Technik-Power. Spielerisch dürft ihr da dann eben keine Revolution erwarten. Ihr sollt sie nur machen. Viva la Queen oder so.

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  • Entwickler / Publisher: Ubisoft
  • Plattformen: PC, PS4, Xbox One, PS5, Xbox Series X (gespielt auf PC)
  • Release-Datum: 29. Oktober 2020

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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