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Constructor HD - Test

SimCity meets Mafia?
Gut gemeinte Neuauflage eines gut 20 Jahre alten Spiels. Kann zwar teilweise noch Spaß machen, ist aber unausgegoren und halbfertig.

Wir alle wissen, dass es im Immobilien-Business nicht immer ganz mit rechten Dingen zugeht. Korruptionsskandale hier, Misswirtschaft da, ab und zu ein paar bedauerliche Arbeitsunfälle von Leuten, die einfach zu viel wussten. Entwickler System 3 hat das schon im Jahr 1997 erkannt und warf Constructor auf den Markt, ein Aufbaustrategiespiel, bei dem ihr nicht nur Häuser baut und Ressourcen verwaltet, sondern euch auch noch um die richtigen Mieter für eure Häuser kümmert. Für die Holzhütte neben dem Sägewerk eignen sich möglicherweise am besten solche, die das Spiel selbst offenherzig "Assis" nennt, in besseren Gegenden dürfen es dann auch schon betuchtere Bildungsbürger sein. Und wozu das alles? Weil ihr ein Immobilien-Tycoon seid. Und wie das so ist mit diesem Menschenschlag: Er will sich einfach gegen alle Konkurrenten durchsetzen, um am Ende die unantastbare Nummer 1 auf dem Markt zu sein. Von Constructor gibt es jetzt, 20 Jahre nach Veröffentlichung des Originals, eine HD-Neuauflage, die nicht nur für den PC, sondern auch für aktuelle Konsolen erschienen ist.

Die Mieter sind unzufrieden? Könnte daran liegen, dass ihr Haus brennt.

Das grundlegende Spielprinzip funktioniert nach wie vor wie im Original. In isometrischer Perspektive kauft ihr Grundstücke und errichtet dort zunächst ein Sägewerk und ein paar Wohnhäuser. Letztere dienen vor allem als Wohnort für eure Arbeiter, die ihr jeweils über die Karte schickt, um die Gebäude auch tatsächlich zu bauen. Das alles geschieht in Echtzeit. Während ihr zu Beginn nur auf die eingangs erwähnten Assis zurückgreifen könnt, werden eure Bürger mit der Zeit immer anspruchsvoller. Das liegt auch an dem, was ihr produziert. Am Anfang ist es noch das besagte Holz, später sind es Computer. Das wiederum finanziert sich im Idealfall durch die Miete, die eure Arbeitermassen an euch zahlen - bei Laune halten lassen die sich, indem ihr Ihnen ein paar Nettigkeiten spendiert, beispielsweise ein renoviertes Wohnzimmer oder einen feschen neuen Gartenzaun für ihre Bruchbude. So entsteht nach und nach eine regelrechte Industrie, bei der ihr nicht nur bestimmt, was ihr herstellt - sondern auch, was eure Mieter machen. Soll heißen: Ihr könnt ihnen auch befehlen, sich jetzt gefälligst fortzupflanzen und so für Nachwuchs in eurem Immobilienimperium zu sorgen.

Auf diese Weise versucht ihr nach und nach, die Stadt unter eure Kontrolle zu bringen, was eigentlich nur dadurch erschwert wird, dass es auch noch eine oder mehrere KIs gibt, die ebendas auch versuchen. Das machen sie teilweise durch aggressive Siedlungsprojekte - manchmal schicken sie euch aber einfach auch einen Haufen Hippies vorbei, die auf euren Straßen rauschende Parties feiern und eure eigenen Bürger so an der geplanten Fortpflanzung hindern. Psychopathen und Killer-Clowns gibt's auch - gerade mit letzteren hat System 3 vor 20 Jahren wirklich eine erstaunliche Fähigkeit zur Prophetie bewiesen.

Die Mieter sind schon wieder unzufrieden? Diesmal ist das Sägewerk nebenan zu laut.

Dieser Humor ist gewöhnungsbedürftig, sticht aber immer noch einigermaßen originell aus anderen allzu simulationslastigen Aufbaustrategiespielen heraus. Ganz am Rande spart das Spiel auch nicht unbedingt mit seichter Kritik an den wirtschaftlichen Verhältnissen - bestechliche Beamte und schmierige Kredithaie fehlen auch hier nicht. Besonders erfrischend: Je länger eine Partie Constructor dauert, desto mehr verschiebt sich das Spielprinzip vom Aufbau eurer eigenen Stadtteile hin zur Sabotage derer des Gegners. Hierzu hilft es, schon mal ganz dezent eine Gasleitung anzubohren und so einen ganzen Häuserblock in die Luft zu jagen. Vorsichtigere Spieler mit Hang zum Paranormalen probieren es dagegen mit dem Einsatz eines willigen Poltergeists. Letzterer ist übrigens auch geeignet, die Leute aus ihren Luxuswohnungen zu vertreiben - heute würde das wohl als politische Maßnahme gegen die Gentrifizierung ehemaliger Szene-Kieze durchgehen.

Ich habe das Spiel auf der Xbox One gespielt und war relativ überrascht, dass mir die Steuerung via Controller zumindest nach einiger Zeit doch relativ fix von der Hand ging. Dabei helfen eine Reihe von kontextsensitiven Hotkeys, die bestimmte Aktionen deutlich abkürzen - das fängt mit dem einfachen Ruf eines Bautrupps an, der sich mit dem Y-Button auslösen lässt, wenn ein Gebäude gerade aktiv ist. Nichtsdestotrotz: Solltet ihr Constructor in seiner HD-Fassung spielen wollen, würde ich auf jeden Fall die Steuerung mit der Maus empfehlen - das funktioniert immer noch besser. Das gilt umso mehr, weil der Schwierigkeitsgrad relativ fix anzieht. Und spätestens, wenn euch eure Gegner an allen Ecken und Enden sabotieren und ihr euch immer gemeineren Angriffen ausgesetzt seht, würdet ihr womöglich doch instinktiv gern zu einer gewöhnlichen Maus greifen, anstatt zu beweisen, wie gut ihr die Kürzel für den Controller gelernt habt.

Schlechte Laune sorgt natürlich für eine niedrige Vermehrungsrate.

Aber selbst mit Maus fallen gerade in diesen Situationen ein paar Unannehmlichkeiten auf. Die Wegfindung mag vielleicht vor zwei Dekaden noch okay gewesen sein, heute fällt es einfach unangenehm auf, wenn eure Arbeiter bei längeren Wegen einfach nicht wissen, wo sie langlaufen sollen oder einen unnötig langen Weg nehmen. Bestimmte Missionen sollen zwar in das Spiel integriert werden, sind es aber nach wie vor nicht. Und die Grafik sieht zwar jetzt hochauflösend aus, wirkt aber irgendwie dennoch nur wie eine hochgeschraubte Variante der Urfassung. Beim Sound mischt sich beides, sodass ihr manchmal stark komprimierte Sounds hört, an anderer Stelle jedoch glasklare. Und während euch in der deutschen Version die Bildschirmtexte duzen, werdet ihr von der Sprachausgabe gesiezt. Kurzum: Das Spiel wirkt, als hätten die Entwickler einfach nicht genug Zeit für eine wirklich fertige HD-Umsetzung gehabt.

Und das ist wirklich schade, denn tief in seinem Inneren funktioniert Constructor nach wie vor. Selbst im Vergleich mit aktuellen Aufbaustrategiespielen ist das Konzept noch innovativ. Den Schwierigkeitsgrad könnt ihr dabei praktisch beliebig variieren, bis zu drei Gegner stehen euch in unterschiedlichen Szenarien zur Verfügung - von der grünen Wiese bis zur Großstadt. Wenn ihr mögt, könnt ihr euch vor dem Start jeder Partie in einem freien Modus erst einmal Karten beliebig bebauen, um so neue Herausforderungen für euch (oder eure Gegner) zu schaffen. Gesteuert werden diese theoretisch entweder vom Computer oder von anderen menschlichen Spielern. Theoretisch vor allem deshalb, weil ich es bis heute nicht geschafft habe, in der Multiplayer-Lobby auch nur ein einziges Spiel angezeigt zu bekommen. Umso mehr wirkt Constructor an dieser Stelle, als sei es einfach nicht wirklich fertig geworden.

Ein Glück, dass euch das Tutorial recht ausführlich über alle Gameplay-Mechanismen aufklärt.

Constructor ist nach wie vor eine spannende Mischung aus Echtzeit-Taktik und Städtebau-Simulation, sein Humor versprüht einen gewissen Charme und es lässt sich selbst mit dem Controller einigermaßen steuern. Die Karten sind abwechslungsreich, das Spiel bleibt bis zum Ende abwechslungsreich. Aber: In seiner HD-Fassung ist Constructor einfach nicht fertig geworden. Inhalte wie Missionen sind einfach noch nicht drin, der Multiplayer-Modus hat im Test kein einziges Mal funktioniert, die deutsche Lokalisierung ist fehlerhaft. Letzten Endes ist das Spiel in seiner aktuellen Fassung daher nur was für große Fans des Originals.

Entwickler/Publisher: System 3/System 3 - Erscheint für: PC, PlayStation 4, Xbox One, Switch - Preis: 29,99 Euro - Erscheint: erhältlich - Getestete Version: Xbox One - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

In unserer Test-Philosophie findest du mehr darüber, wie wir testen.

Über den Autor

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Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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