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El Shaddai: Ascension of the Metatron

Göttlicher Farbrausch

Exotismus macht vor Grenzen nicht halt. Wo so mancher Deutsche sich für fernöstliche Kulturen und Religionen begeistert, so faszinierend wirkt unsere Lebenswelt auf viele Menschen in Japan. Wer ein wenig in der Populär-Kultur des Inselstaats bewandert ist, der weiß Bescheid: Christliche und jüdische Religion und Mystizismus finden immer wieder ihren Weg in Mangas, Animes und Videospiele – seien es die Engel aus Neon Genesis Evangelion oder Final-Fantasy-VII-Bösewicht Sephiroth, der seinen Namen der jüdischen Kabbala entliehen hat.

Auch El Shaddai: Ascension of the Metatron bedient sich ausführlich bei judeo-christlichen Vorlagen. Der Begriff El Shaddai stammt aus dem alten Testament und bedeutet grob übersetzt „Allmächtiger Gott" - natürlich können sich Experten über diese lose Transkription ganz vortrefflich streiten, für unsere Zwecke soll sie aber genügen. Der Begriff Metatron könnte seit Kevin Smiths vergnüglicher Kino-Komödie Dogma manch einem sogar ein Begriff sein: Dort wurde dieser Engel, der oft als Sprachrohr Gottes fungiert, herrlich sarkastisch von Alan Rickman zum Besten gegeben.

Held von El Shaddai: Ascension of the Metatron ist Enoch – auch er ein Bekannter aus dem alten Testament. Weil eine Gruppe von Engeln abtrünnig geworden ist, will Gott eine zweite Sintflut über die Welt hereinbrechen lassen. Doch Enoch handelt eine Galgenfrist für die Welt heraus: Wenn er es schafft, die meuternden Engel zur Strecke zu bringen, wird die Erde verschont. Zu diesem Zweck begibt er sich gemeinsam mit anderen Engeln, darunter auch ein gewisser Lucifer, zum Turm zu Babel, denn dort haben sich die Engel verschanzt.

Enoch springt durch wunderschöne 2,5D-Szenarien.

Doch dieser Turm hat nichts mit der historischen Ziggurat, wie wir sie kennen, zu tun – das Innere des Turms entpuppt sich als faszinierendes Farbinferno, irgendwo zwischen Tuschemalerei und grellen Neonfarben – ein Look, wie man ihn bisher noch in keinem Videospiel gesehen hat.

Ein gerne vorgebrachter Vorwurf gegen zeitgenössische Actionspiele ist, dass irgendwie alle modernen HD-Titel doch ziemlich gleich aussehen. Ego-Shooter, Third-Person-Action, Fantasy-Rollenspiele... jedes Genre hat mittlerweile seinen typischen Look, von dem zahlreiche Vertreter lediglich Variationen liefern. Das mag an der immer stärkeren Ausrichtung auf imaginäre Zielgruppen liegen, das mag seinen Grund auch in den immer wieder gleichen Engines haben, aber sind wir ehrlich – es gab schon abwechslungsreichere Zeiten. Da kommt das surreale El Shaddai genau richtig. Mal erinnert es an Capcoms Kultspiel Killer 7, mal an die Tusche-Welten von Okami, mal an das minimalistische Rez – auf jeden Fall ist El Shaddai mit keinem der großen Mainstream-Actionspiele vergleichbar.

Bedenkt man schließlich, wer hinter El Shaddai steht, dann fällt es gleich etwas leichter, den eigenwilligen Titel einzuordnen: Mit Takeyasu Sawaki leitet ein ehemaliger Charakter-Designer von Okami und Devil May Cry das neu gegründete Japan-Studio von Ignition Entertainment, auch der Rest des Teams setzt sich zu großen Teilen aus ehemaligen Capcom- und Clover-Leuten zusammen.

Bis auf Killer 7 sah man auf Konsolen selten etwas Vergleichbares.

Das ergibt eine ziemlich interessante Mischung: Während die Kämpfe tatsächlich an Dantes frühe Abenteuer erinnern, orientiert sich die Grafik eher an den bereits erwähnten früheren Capcom-Titeln. Und dann gibt es da immer wieder die ganz unerklärlichen Seltsamkeiten: Während Enoch durch ein surreales Szenario läuft, hört man auf einmal den Klingelton eines Mobiltelefons

Einen interessanten Ansatz verfolgen die Entwickler von El Shaddai beim Kampfsystem. Lediglich ein Knopf wird für die zahlreichen Attacken und Manöver benötigt. Die Art eurer Angriffe richtet sich danach, wie lange ihr den Angriffsknopf drückt oder in welchen Rhythmus ihr eure Manöver ausführt – das ist schnell verstanden und sehr eingängig, aber trotzdem nicht zu simpel: Das zentrale Element der Gefechte ist der Klau von gegnerischen Waffen. Habt ihr einen Widersacher genügend geschwächt, könnt ihr ihm per Druck auf die Schultertaste sein tödliches Werkzeug entwenden. Drückt ihr die Taste erneut, könnt ihr die Effektivität der neuen Waffe sogar noch erhöhen.

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Thomas Nickel

Autor

Fest in der 16Bit-Ära verwurzelt, lehrt der freie Autor Spielegeschichte an der Frankfurter Games Academy. Wird eher selten vor Ego-Shootern gesichtet.

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