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Evertale ist die dreisteste und traurigste Spiele-Lüge, die ich je erlebt habe

Wenn aller Schein nichts wert ist...

Es ist nichts Neues, dass Werbung für Handyspiele lügt. Also im Wortsinne. Das Einzige, was an geschätzten zwei Dritteln an YouTube-Spots für Mobile-Games der Wahrheit entspricht, ist der Titel, denn auf den geteilten Link zu drücken, führt tatsächlich zu einem Spiel im Store, das exakt so heißt, wie im Trailer angepriesen. Doch seit ein paar Jahren nimmt es wirklich wilde Züge an, was hier passiert: Die in der Werbung gezeigten Spielszenen haben oft nichts, aber auch gar nichts mit dem Spiel zu tun, das sie bewerben.

Als Core-Gamer bekommt man das selten genug mit – mir persönlich war das bis vor einer Weile sogar überhaupt nicht bewusst. Normalerweise kann unsereiner das auch gut ignorieren, denn wir Konsolen- und PC-Zocker interessieren uns nur selten für die Sorte Smartphone-Spiele, die ich – ein wenig elitär vielleicht – gerne als geistlose Zeitverbrenner abtue. Mit Spielkultur haben sie für mich in den seltensten Fällen etwas zu tun, ich nehme sie meist nicht einmal wirklich als Videospiele wahr. Und jetzt drängt sich mir seit gut zwei Wochen Evertale auf – und macht mich richtig, richtig wütend.

Verstörend, seltsam, spannend. Jedenfalls ist das der Eindruck, den die Werbung erwecken. Kein Wunder, wenn man so wild durch einen Ideenurwald wildern kann, ohne sich Gedanken über ein finales Produkt machen zu müssen...

Denn: Das Spiel, das Evertale in einem halben Dutzend Einspieler zu sein vorgibt, das sieht richtig, richtig cool aus. Ein wild durch Grafik-Generationen und -Stile hüpfender Mix aus Pokémon und Earthbound respektive Undertale, mit krassen Horror-Elementen und echtem WTF!?-Faktor. Ich war richtig, richtig neugierig hierauf, hätte dafür gerne einen Zehner oder mehr springen lassen. Nur, dass dieses Spiel, das einen coolen Retro-Psychotrip verspricht, schlichtweg nicht existiert. Nicht auch nur ansatzweise.

Fällt man auf die verstörenden Evertale-Spots rein und lädt sich den Titel aus dem App Store, begrüßt einen ein mehrere Jahre alter Gacha-Monstersammler mit Pay-to-win und steriler Manga-Optik. Der liefert nicht einmal dieselbe Perspektive aufs Spiel, wie in der Werbung, ist isometrisch in Szene gesetzt, anstatt aus der klassisch vertikalen Draufsicht. Der gesamte Ton ist ein anderer, generische, einfallslose Stangen-Fantasy würde ich das nennen. Falls es noch nennenswerte Haken schlägt, müssen das andere herausfinden. Ich habe diese elende Mogelpackung nur eine Dreiviertelstunde ausgehalten.

Es wird seltsamer und seltsamer - warum, wissen wir jetzt.

Das seltsame: Die Nutzerwertungen für Evertale sind erstaunlich gut und das Spiel scheint abseits der seelenlosen Optik und der von vielen monierten raubritterlichen Monetarisierung auf halbwegs stabilen Füßen zu stehen. Aber wie soll man einem Titel glauben, der einen mit komplett an den Haaren herbeigezogenen Versprechungen zum Download verleitete?

Seit den ersten Bildern zu Killzone 2 wissen wir Spieler, dass wir unsere Erwartungen an die Leine nehmen müssen, wenn wir Trailer sehen. Was hier aber passiert, ist einfach abstrus. Denn was denken die Verantwortlichen denn, was passiert, wenn jemand aufgrund der neuen Spots in ein Spiel hineinschaut, das die geschürten Erwartungen nicht auch nur versucht, zu erfüllen? Selbst, wenn man die Qualität nicht in die Beurteilung dieser Werbemaßnahme einfließen lässt: Das hier ist, wie wegen eines Avengers-Trailers eine Kinokarte zu lösen und dann einen Bond-Film gezeigt zu bekommen. Das ist per se schon nicht in Ordnung.

Und so sieht das echte Evertale aus. Zum Heulen, aber wahr.

Irgendeine Logik wird schon dahinterstecken – kurzfristig die Download-Zahlen für die nächste Quartalsmeldung an die Aktionäre aufzuplustern etwa. Aber als möglicher Kunde würde ich mir schon vor dem Tutorial mächtig verschaukelt vorkommen und mich hüten, auch nur einen Cent in diesen windigen Bauernfang zu investieren. Vor allem aber finde ich schade, dass es Evertale in der Form, die hier beworben wird, einfach nicht gibt. Dieses Spiel, das niemals war, sieht cool aus, geheimnisvoll und verschroben. Ich hätte mich gern hier reingekniet - und darf mich stattdessen ganz schön dämlich vorkommen. Ein Gefühl, das man gern im potenziellen Kunden weckt...

Immerhin, eine Sache hat Evertale dann aber doch erreicht: Ich habe Deltarune wieder angefangen und werde es diesmal endlich zu Ende bringen.

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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