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Final Fantasy Countdown: Final Fantasy II

Fantasievolle Flegeljahre

Fast jeder macht diese Phase durch... man will sich von allen anderen abgrenzen, etwas ausprobieren, sein eigenes Ding durchziehen und kümmert sich dabei kaum darum, wem man dabei auf die Füße tritt. Bei Jugendlichen nennt man diese Phase Pubertät, bei Square nennt man sie Final Fantasy II. Ja, Final Fantasy II wird bis heute als schwächster Teil der Reihe gesehen. Als schwarzes Schaf, als missglücktes Experiment, dessen neue Ideen gleich wieder im Giftschrank weggeschlossen wurden. Aber so einfach verhält es sich dann doch nicht...

Kein Zweifel, Final Fantasy II ist eine vergleichsweise schwache Episode der Reihe. Aber Final Fantasy II erinnert auch an eine Zeit, als Square sich mutig und experimentierfreudig gab. Abgesehen von Final Fantasy VIII viele Jahre später sollte kein Final Fantasy mehr so mutig alle etablierten Designkonventionen über den Haufen werfen.

Trägt das erste Final Fantasy deutlich die Handschrift von Serienschöpfer Hironobu Sakaguchi und seiner Begeisterung für Dungeons & Dragons, ist die Fortsetzung die Kreation von einem Mann namens Akitoshi Kawazu. Kawazu, der heute noch bei Square Enix arbeitet und gerade als Produzent für das in Kürze erscheinende Final Fantasy Crystal Chronicles: The Crystal Bearers fungiert, ist unter Fans für seine SaGa-Reihe ebenso berühmt wie berüchtigt. Er ist ein Innovator, ein gnadenloser Erneuerer, der sich durchaus mal in interessanten, aber letztendlich wenig spielspaßfördernden Ideen verrennt. Aber Kawazu ist allemal ein Garant für unorthodoxe Rollenspiel-Erlebnisse.

Wenn ein Square-Spiel besonders komplex und unorthodox daherkommt, dann hat meist Akitoshi Kawazu seine Finger im Spiel.

Den Grundstein für diesen Ruf legte er sich mit Final Fantasy II. Grafisch ein wenig hübscher, musikalisch ein wenig dramatischer und inhaltlich ein ganzes Stück komplexer als der Vorgänger, krempelt Final Fantasy II die Charakterentwicklung radikal um. Der Gedanke dahinter ist simpel: Wenn eine Figur bevorzugt mit Nahkampfwaffen angreift, dann wird sie auch stärker. Wirft sie dagegen mit Feuerbällen um sich, dann steigt ihr Magie-Affinität. Anstatt also vor Spielbeginn eine Party aus verschiedenen Klassen zu formen, gibt euch Final Fantasy II gleich vier definierte Figuren vor, deren Entwicklung ganz in eurer Hand liegt.

So sinnig sich das nun liest, in der Praxis hat das System seine Mängel: Es kann gnadenlos missbraucht werden. Eine typische Grinding-Session besteht dann nicht darin, Monster zu schlachten und Erfahrungspunkte zu kassieren, stattdessen haut sich die Truppe einfach selbst auf die Rübe und sengt sich gegenseitig an, um die entsprechenden Werte nach oben zu treiben, während sich die Monsterschar verwundert am Kopf kratzt.

Ebenfalls typisch Kawazu: Final Fantasy II bietet auf den ersten Blick große Freiheit und ist weit weniger linear als frühere Teile. In der Praxis werdet ihr allerdings doch recht direkt durch das Abenteuer geführt: Biegt ihr auf der Weltkarte mal falsch ab und wandert unbedarft in Gebiete, die ihr laut Story erst später bereisen sollt, dann wischen die übermächtigen Monster meist kurz und schmerzhaft den Boden mit euch auf... eine nicht sehr freundliche Art, euch „noch nicht!“ zu sagen.

Aber Final Fantasy II hat auch seine guten Seiten. Die Geschichte ist weit spannender als in Teil 1 und die ausdefinierten Charaktere und durchaus auch mal wechselnden Partymitglieder waren weit interessanter als die vier generischen Krieger des Lichts. Und dazu trefft ihr hier zum ersten Mal auf einen nörgeligen älteren Herrn Namens Cid, der im Besitz eines Luftschiffs ist! Die erweiterte Handlung scheint auch Komponist Nobuo Uematsu zu neuen Höchstleistungen motiviert zu haben: Selbst im piepsigen NES-Sound bietet der Soundtrack ein paar herrliche Ohrwürmer.

Auch wenn der Look nicht jedermanns Sache ist, spielerisch gefällt Final Fantasy II als PSP-Anniversary Edition noch am besten.

Trotzdem erkannte Square schnell, dass Final Fantasy II einige interessante Ansätze bot, aber unterm Strich nicht unbedingt das Gelbe vom Ei war. Bei Teil drei besann man sich wieder auf die Grundlagen des Erstlings und Akitoshi Kawazu bekam seine eigene Reihe, in der er sich austoben durfte: Makaitoshi SaGa für den GameBoy (in den USA witzigerweise Final Fantasy Legend) brachte es immerhin auf acht Nachfolger und diverse Remakes. Das letzte erschien vor kurzem in Japan für den Nintendo DS.

Wollt ihr heute die Flegeljahre von Final Fantasy nachspielen, sind eure Optionen mehr oder weniger die gleichen wie beim ersten Teil: Umsetzungen gibt es für PSone, GameBoy Advance und die PSP. Die PSone-Fassung orientiert sich spielerisch am stärksten am Original, die Advance-Fassung wurde erneut ordentlich vereinfacht, die PSP-Version hat man dagegen dahingehend überarbeitet, dass das unorthodoxe Skillsystem runder läuft und nicht mehr so extrem ausgenutzt werden muss wie im Original – so ist die PSP-Umsetzung interessanterweise die beste und rundeste Fassung von Final Fantasy II.

In Japan ist Final Fantasy II auch auf Virtual Console erschienen. Ein West-Release ist hier aber eher unwahrscheinlich, da das NES-Original des Spiels niemals im Westen erschien. Was im Westen als Final Fantasy II in die Läden kam war das erste 16Bit-Abenteuer, Final Fantasy IV. Durchaus schade, zumal die Lokalisation des Spiels gerüchteweise bereits abgeschlossen war.

Für den Rollenspiel-Historiker ist Final Fantasy II eine wahre Fundgrube an spielerisch und inhaltlichen Artefakten, die nicht nur künftige Final Fantasy-Episoden, sondern vor allem die bereits erwähnte SaGa-Serie beeinflusst haben, am Spielspaß hapert es durch die erwähnten Probleme doch ein wenig.

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Thomas Nickel

Autor

Fest in der 16Bit-Ära verwurzelt, lehrt der freie Autor Spielegeschichte an der Frankfurter Games Academy. Wird eher selten vor Ego-Shootern gesichtet.

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