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Marvel's Jessica Jones

Nach Daredevil die nächste Netflix-Serie des Defenders-Kosmos.

Noir-Superheldin ohne Vorbildfunktion.

Was passiert, wenn sich eine gescheiterte Superheldin als Privatdetektivin in Hell's Kitchen selbstständig macht, das ist Gegenstand von Marvels neuester Netflix-Serie Jessica Jones. Showrunnerin Melissa Rosenberg setzt den finsteren Ton von Drew Goddards Daredevil nahtlos fort, verlässt sich dabei aber weniger Action und mehr auf Charakterdynamiken zwischen vom Schicksal gebeutelten Seelen. Ein durchweg gelungenes Serienexperiment, bei dem am Ende einmal mehr einer der stärksten Bösewichte des Marvel-Universums herauskam.

Jessica Jones wählte nämlich nicht umsonst ein von billigem Whiskey grundbenebeltes Dasein zwischen siffiger Detektei und dunklen Häuserecken, aus denen heraus sie Ehebrüchler in flagranti ertappt oder säumigen Schuldnern auflauert. Ihr Leben entgleiste durch ein schicksalhaftes Aufeinandertreffen mit einem gewissen Kilgrave (in den Comics vornehmlich als Purple Man bekannt) dermaßen, dass sie sich fortan auf die Abgründe anderer Menschen konzentrieren musste, um weiter mit sich selbst leben zu können. Kilgrave verfügt über die Kraft, Menschen zu manipulieren. Sobald sie "dieselbe Luft atmen" wie er, sich also im selben Raum oder unter freiem Himmel in seiner Nähe befinden, ist niemand in der Lage, seinen Kommandos zu widerstehen. Jessica hat unter seinem Bann wochen-, vielleicht sogar monatelang unsagbare Dinge getan. Und jetzt taucht Kilgrave auf einmal wieder auf.

David Tennant (der zehnte Doctor Who) gibt einen facettenreichen Bösewicht, weil er durchaus einige menschliche Regungen zeigt. Zuneigung für Jessica, Liebe vielleicht gar, Verachtung für Menschen aus seiner Vergangenheit, bubenhafter Trotz, wenn er seine Taten auch seinen ferngesteuerten Opfern gegenüber noch rechtfertigt, als vergäße er für einen Moment, dass er mit einer Marionette spricht. Die Opfer, sofern er ihnen nicht anschließend befiehlt, sich auf kreative Art das Leben zu nehmen, können sich immer daran erinnern, unter seinem Einfluss gestanden zu haben, weshalb er eine Spur von "Kilgrave-Überlebenden" hinterlässt, die alsbald eine Selbsthilfegruppe gründen müssen. Es ist alles sehr faszinierender Stoff und die Besessenheit dieses Puppenspielers mit "der, die davonkam", gibt all der Düsternis eine faszinierende Textur.

Toll ist auch das restliche Casting. Krysten Ritter (Jane aus Breaking Bad) gibt eine weit jenseits ihrer eigentlichen Jahre verlebte Jessica Jones, die das Heck eines Autos mit einer Hand anhebt und nahezu fliegen kann, mit viel Selbstverachtung, aber auch aufrichtiger Zuneigung zu ihrer Adoptivschwester Trish (in den Comics später Hellcat, ob das in der Serie geschieht, bleibt abzuwarten). Die wiederum gibt Rachael Taylor, als berühmte Radiomoderatorin und ehemaliges Opfer einer Talentshow-versessenen Mutter. Die geschwisterliche Chemie der zwei ist der Schlüssel zur anderen tragenden Beziehung dieser ersten Staffel. Und dann ist da noch Luke Cage, der ebenfalls superbekräftete Barbesitzer mit der unzerstörbaren Haut, mit dem Jessica neben einer leidenschaftlichen Affäre (die leider trotz der vielen Sexszenen etwas Chemie vermissen lässt) ein etwas zu simpler dramaturgischer "Zufall" aus der Vergangenheit verbindet.

Gerade letztere erzählerische Bequemlichkeit ist einer der wenigen Makel in einer Show, die ansonsten das meiste im Grunde richtig macht. Nur ab und an stutzt man, wenn mal wieder die Superkräfte, wie schon in Daredevil, nicht ganz so stringent überzeugend vermittelt werden, vor allem in den überwiegend nicht sonderlich kreativen Kämpfen. Die Kameraarbeit und der Schnitt lassen überdies - abgesehen von der gut getroffenen, allgegenwärtigen Düsternis - eine gewisse Kunstfertigkeit vermissen und nach hinten hinaus gibt es eine Nebenhandlung beziehungsweise Figur (Stichwort "Nachbarin"), die mir richtiggehend auf den Senkel ging. Und doch: Es ist sicher kein zweites Fargo, aber das will es auch nicht sein. Es ist lange leise vor sich hin brodelnde und dann auf einmal sehr spannende Serienunterhaltung mit vielen Wendungen und guten Darstellern.

Bleibt die Frage, ob das als TV-Analog zu den Avengers dann auch im Defenders-Kontext noch funktioniert. Sowohl Daredevil als auch Jessica Jones sind sehr persönliche Geschichten, die dann gelegentlich ein bisschen wackeln, wenn sie sich nach Superheldenstoff anfühlen sollen - denn das geht im Kino einfach besser. Jessica Jones ist so gut, weil es als Metapher für körperliche und psychische Misshandlungen in der Beziehung, als Diskussion über freien Willen und einfach als eine Vernetzung von Einzelschicksalen funktioniert. Ich lasse mich gerne überraschen, bin für den Moment aber gut damit bedient, wenn Netflix und Marvel die Einzelserien dieser Figuren noch ein wenig fortsetzt, bis man eine Antwort auf die Frage gefunden hat, wie Superkräfte im Stundenformat und -budget glaubwürdig umzusetzen sind.

Jessica Jones ist in Gänze auf Netflix zu sehen.


Was ist Freitagskino?

Jeder Mensch braucht mal Abwechslung. Wir alle mögen Kino, also schreiben wir (fast) immer freitags über Filme oder Serien. Keine Sorge, wir versuchen nicht, etablierten Filmkritikern große Konkurrenz zu machen, sondern einfach nur zu berichten, wie ein Film auf uns wirkte und ob wir dazu raten würden, ihm eine Chance zu geben. Welche Filme oder Serien das sind, hängt davon ab, was derjenige Autor in den letzten Wochen sah. Wir unterwerfen uns jedenfalls nicht vollends dem Diktat der Aktualität.

Es können aktuelle Blockbuster, ausgemachtes Genre-Kino, aber auch Arthouse-Geheimtipps sein, die noch im Filmspielhaus um die Ecke laufen. Die neueste Netflix-Serie kommt ebenso unter die subjektive Lupe wie ein alter HBO-Liebling, der sich nach Jahren unserem unter Umständen veränderten Geschmack stellen muss. Ebenso werden immer wieder nach Ewigkeiten wiederentdeckte Schätze zur Sprache kommen, überbewertete Klassiker oder unterschätzte Perlen. Wie gesagt, wir wollen euch damit nur ein wenig Diskussionsstoff über das zweitbeste Geek-Hobby liefern - und ein paar Inspirationen, was sich vielleicht lohnen könnte. Wir hoffen, euch macht die Rubrik genau so viel Spaß wie uns, auch wenn diese Sorte Unterhaltung zur Abwechslung mal nur bedingt interaktiv ist.

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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