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Hilfe! Marvel Snap übernimmt gerade mein Leben!

Freizeit einfach weggeschnippt.

Es war einer dieser Fälle, in denen Werbung dann doch mal auf mich gewirkt hat. Ich hatte offen gestanden große Vorbehalte, mich hinter Marvel Snap zu klemmen, aber Samuel L. Jackson kann eben sehr überzeugend sein. Und jetzt dominiert dieses Kartenspiel meinen Alltag dermaßen, dass es fast schon … nun ja … unangenehm wird.

Das beginnt mit den Kids, die mich hier und da zwei oder dreimal etwas fragen müssen, während ich mein Deck umorganisiere, bevor ich reagiere. Die Partnerin kann ein Lied davon singen, dass das Elternbett abends in den Schein des Handydisplays gehüllt ist, anstatt dass sie sich endlich in die wohlige Umarmung Dunkelheit ergeben kann. Und natürlich endet es nicht bei den Toilettengängen, die länger werden, als sie sollten. Ich glaube, sie werden sogar häufiger.

Einfacher Einstieg, (bislang) großzügiges Free-to-play

Gut möglich also, dass Marvel Snap meinem Privatleben aktiv abträglich ist. Aber da muss die Family jetzt durch, denn dieses Spiel ist einfach unfassbar gut und motivierend. Ein schnelles, schlankes Kartenspiel mit viel versteckter Tiefe nämlich. Aber zunächst einmal das Wichtigste. Ja, es ist Free-to-play, aber soweit ich das bisher – mit Sammlungslevel 54 – sagen kann, leidet nur eure Eitelkeit, wenn ihr den zweiten Season Pass für knapp 12 Euro nicht kauft. Wie bei jeder guten Droge ist der Erste kostenlos, wenngleich einem von Beginn an Möglichkeiten offeriert werden, Geld für Gold und Credits, die beiden Spielwährungen, auszugeben. Mir fiel es nicht schwer, sie zu ignorieren. Mit einer Ausnahme.

Toll sieht es aus. Im Falle eines Unentscheiden gewinnt übrigens der Spieler, der insgesamt mehr Power aufs Feld gebracht hat.

Als Ehrensprecher und stellvertretender Chef-Schildpolierer von #TeamCap habe ich 3,49 Euro für eine Kartenvariante des Supersoldaten meines Herzens und einen Avatar springen lassen und noch etwas Gold obendrauf bekommen. Aber im Grunde ist das auch schon das einzige, was man für Geld erhalten kann: Neue, rein visuell unterschiedliche Varianten der Heldenkarten, die man zum Spielen verwendet, sowie Avatare. Hier und da kann man gegen Credits noch eine wechselnde Rotation von Karten die üblichen Seltenheitsgrade hindurch aufwerten, aber eigentlich erhält man diese Upgrade-Punkte auch durchs Spielen – und die Seltenheit bestimmt auch nur, wie cool sie aussieht. Zum Beispiel überschreitet der Charakter auf dem Ungewöhnlich-Level die Grenzen der Karte, auf Selten kommt dann ein 3D-Effekt hinzu, der beim Kippen des Handys ziemlich verblüffend aussieht. Auf der nächsten Stufe ist dann der Hintergrund animiert, usw.

Es stimmt, das ist sehr reizvoll, aber es ruiniert einem auch nicht den Spaß am Spiel, die in ihren Basis-Versionen schon sehr hübschen Karten zu verwenden. Zumal Marvel Snap bis zum Hals voller Style steckt. Zieht ihr Ant-Man aufs Spielfeld, wird die Karte unter eurem Finger winzig klein, um beim Ablegen wieder zu voller Größe anzuwachsen. Mr. Fantastics Arme schlingern über den Tisch und wenn man Hawkeye platziert, fliegen Pfeile in alle Richtungen. Natürlich Soundtechnisch passend untermalt und mit Zitaten und Sprüchen ausgeschmückt, manches Mal meckern die Charaktere auch, wenn ein Zug zu lange dauert. Es sieht super aus und fühlt sich auch so an.

Kann man lange drin blättern, im Deck von Marvel Snap.

Und da wären wir schon beim nächsten Punkt, denn dieses Kartenspiel einiger ehemaliger Hearthstone-Macher geht ein tolles Tempo und ist immens einsteigerfreundlich. Kaum ein Match dauert länger als sechs, sieben Minuten, wenn überhaupt und jedes einzelne davon steckt voller simpler, aber schwerwiegender Entscheidungen. Das einzige, was ihr über die Regeln wissen müsst: Es gibt in jeder Partie drei zufällig gewählte Standorte oder Zonen, mit eigenen Effekten auf eure Hand oder die Karten, die ihr dort ausspielt. Wer am Ende der sechsten und letzten Runde die meisten Zonen kontrolliert, hat gewonnen. Der Rest, den ihr wissen müsst, steht wie immer leicht verständlich auf den Karten selbst. Ich war nie Karten-Fan, aber so langsam lerne ich die selbsterklärende Art der besten Card-Games wahnsinnig schätzen.

Simpel, aber motivierend

Die Karten haben einen Energiekosten-Wert und einen Stärke-Wert sowie optionale und später immer ausgefuchste Aufdeck- oder fortlaufende Effekte. In Runde eins habt ihr einen Punkt Energie zur Verfügung und mit jedem Zug kommt ein Punkt dazu. Ihr spielt zu Beginn also Einer-Karten und zuletzt, sofern der Taktik und Spielsituation zuträglich, dann die Sechser. Die zusätzlichen Effekte machen jedes Match zu einer interessanten Denkübung, denn Stärke allein wird nicht triumphieren. Mr. Fantastic schlägt je zwei Punkte auf die Nebenstandorte auf und ist deshalb am besten in der Mitte aufgehoben, Iron Man verdoppelt die Stärke aller anderen Karten an seinem Standort und der Punisher ist stärker, auf je mehr Feinde er trifft. Alleine die Überlegung, um welche Zone man kämpft, und mit wie viel Einsatz, ist ein interessanter Poker.

Der Moment, in dem einem die Muffe geht: Beide Spieler gehen volles Risiko und wetten auf ihren Sieg.

Und dann hätten wir über den titelspendenden “Snap” noch nicht gesprochen, der auf psychologischer Ebene einen interessanten Effekt hat: Seid ihr euch sicher, das Match gewinnen zu können, tippt ihr den glühenden Würfel am oberen Bildrand an und verdoppelt damit die mögliche Ausbeute an Ranglistenpunkten und gebt dem Gegner eine Chance, sich aus der Partie zurückzuziehen und nur den Standardeinsatz zu verlieren. Blufft ihr oder macht ihr Ernst? Und was ist es eurem Gegner wert, das herauszufinden? Sehr, sehr nett.

Ja, alles in allem bin ich ziemlich angetan von diesem Card-Battler. Er sagt mir ästhetisch zu, ist spielerisch motivierend und bekommt es regelmäßig hin, dass sich kurze Zwischendurch-Partien in ausgedehnte halb- und dreiviertelstündige Sessions verwandeln. Nach allem, was ich gehört habe, dauert es später mit neuen Karten ein wenig zu lange, was ich weder bestätigen noch dementieren kann. Zumal ich jetzt schon mehr Karten habe, als ich auskosten und auf lohnende Synergien abklopfen kann. Außerdem würde ich gern noch anmerken, dass es sich auf dem Tablet mit Abstand am besten spielt und dass für die Zukunft eine Option, direkt gegen Freunde zu spielen, sehr wünschenswert wäre. Für den Moment aber bin ich sehr zufrieden mit Marvel Snap und freue mich, auch mal wieder ein Go-to-Spielchen auf dem Smartphone zu haben – auch wenn es zur Abwechslung eine Freude ist, die meine Familie nicht teilen wird.

Entwickler: Nuverse - Publisher: Nuverse - Plattformen: iOS, Android, PC (Steam) - Release: erhältlich - Genre: Sammelkarten-Battler - Preis (UVP): Free-to-play, kosmetische Mikrotransaktionen

Über den Autor
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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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