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House of the Dragon hat alles, was Game of Thrones ausmacht. Aber zwei entscheidende Dinge fehlen

Danke für die Albträume!

In so kurzer Folge bereits nächste Serienkritik? Ich habe nicht vor, dass das ausartet, aber dafür, dass zwei neue, große Fantasy-Serien in kurzer Folge aufschlagen, kann ich nichts. Egal, was ihr gehört habt.


Da ist er also, nach Die Ringe der Macht – ihr hörtet vielleicht davon – der nächste Fall von "Hätte schlimmer kommen können"! Tatsächlich holt mich aktuell noch die etwas niedriger angelegte Fantasy des Game of Thrones Prequels eine gute Ecke besser ab, als der betörend hübsche, aber auch etwas fahrige und hochtrabende Herr-der-Ringe-Ableger. Wohlgemerkt ist das mehr eine Aussage über meine persönlichen Sehgewohnheiten, als zwangsläufig über die Qualität des Gebotenen.

Trotzdem muss ich sagen: So ganz von selbst gelang er mir nicht, der Wiedereinstieg nach Westeros. Es geht damit los, dass ich im Gegensatz zum ursprünglichen Game of Thrones erstaunlich viele Schauspieler hier ziemlich gut kenne. Paddy Considine (König Viserys) sehe ich immer gerne, Matt Smith war ein guter Doctor Who und Rhys Ifans ist wohl mittlerweile so etwas wie eine Ikone des britischen Kinos. Ich verstehe, warum diese Leute besetzt wurden, es sind tolle Schauspieler. Aber bei Ensemble-Filmen, vor allem vor einem Fantasy-Hintergrund, ist es mir immer lieber, weniger bekannte Darsteller zu sehen. Dann fallen mir auch die Perücken nicht so auf, von denen es in House of the Dragon so einige gibt. Ein ähnliches Problem hatte ich auch mit Salma Hayeks und Angelina Jolies Casting in Eternals. Die stachen dort einfach heraus. In Game of Thrones kannte ich Sean Bean – und der war mir im Fantasy-Kontext bereits vertraut. Keine Ahnung, sagt ihr mir, ob ich spinne.

Viserys Targaryen richtet das Verhältnis zu seiner Tochter. Quelle: Ollie Upton / HBO

Davon jedoch abgesehen, muss man wohl vermelden, dass das hier kompetent und geflissentlich erstaunlich viele der Kästchen abhakt, die nun mal abhaken muss, wenn man eine Game of Thrones-Show machen möchte. Frauen als Ressource, viel gleichberechtigte Nacktheit und zufällige Grausamkeiten, die gut daran erinnern, wie wertlos ein Menschenleben einmal war. Und das ist nur der Anfang. Es ist einmal mehr dreckigste Mittelalter-Fantasy, in einer Welt, die zu wenig mehr als zum Pulverfass zu taugen scheint. Westeros lässt selbst in vornehmsten Kreisen bei der kleinsten Provokation alles höfliche Brimborium von sich fallen und zeigt sein Wesen – und das seiner Bewohner – von der hässlicheren zweier unschöner Seiten.

Dass diese Idee von einem erbarmungslosen Fantasiereich auch in diesem ersten Ableger noch intakt ist, zeigen auch die Charaktere, die zwar noch nicht ganz die Bandbreite abdecken, wie in der alten Serie, die aber mehrheitlich spannende und nachvollziehbare Interessenskonflikte plagen. Ich mag Viserys als wohlmeinenden, aber eigentlich widerwilligen und kränkelnden König, der von den Ränkespielen bei Hofe und abseits davon schwer angewidert ist und dem eigentlich auch die Weisheit für den Posten fehlt. Considine spielt ihn meisterhaft und balanciert seine Schwäche und Pflichtbewusstheit wundervoll aus. Sein Verhältnis zu seiner Tochter Rhaenyra ist besonders gut geschrieben und inszeniert, weil man seinen Zwiespalt über seine kontroverse Erbfolgeentscheidung zwar spürt, ihm aber auch zutraut, das Richtige zu tun.

Der Krabbenspeiser verfüttert seine Gefangenen an die Krebse. Bei lebendigem Leibe, versteht sich, denn das hatten wir in Game of Thrones noch nicht. Quelle: Ollie Upton / HBO

Und so geht es eigentlich reihum weiter, zumindest, wenn es um die erste Charakterriege geht. Rhaenyra ist im Grunde unser Arya-Äquivalent, mit dem Unterschied, dass Darstellerin Milly Alcock den Eindruck macht, dass sie auch zum Herrschen mit allen nötigen Wassern gewaschen wäre. Matt Smiths Daemon Targaryen nimmt man die Zerrissenheit zwischen Machtgier, Grausamkeit und einem Funken Restehrbarkeit und Zuneigung zu seiner Familie ebenfalls gern ab, während Rhys Ifans als Otto Hightower eine Hand des Königs gibt, die die Nähe zur Macht mehr als einmal in Versuchung führt, den Stand seiner eigenen Familie noch zu festigen. Das stand – so glaube ich – nicht besonders weit oben in der Stellenausschreibung.

Wie dem auch sei, auch House of the Dragon wird sich wieder anhören müssen, dass es häufig unnötig grausam und plakativ wirkt. Ich muss ehrlich gestehen, beim Kaiserschnitt-Todesurteil einer verängstigten Hochschwangeren wäre ich lieber nicht dabei gewesen. Das hat mir den Tag wirklich ein Stück weit versaut. Und die erneute allgegenwärtige Objektivierung von Frauen durch die Männer kann man kritisch sehen (wobei die Serie sich selbstverständlich nicht dafür ausspricht). Und damit kämen wir auch zum ersten echten Problem dieser Serie nach mittlerweile drei Folgen: Ihr fehlt jede Form von Leichtigkeit, die das oft so bittere und menschenverachtende Spiel um Macht vereinzelt mal aufbrechen würde.

Milly Alcock weiß als Rhaenyra um einen effektvollen Auftritt. Schade, dass uns diese Schauspielerin durch kommende Zeitsprünge wohl durch die Lappen gehen wird. Quelle: Ollie Upton / HBO

Mit wenigen Ausnahmen, meist in Form von schnippisch dahingeworfenen Kontern, hat niemand in House of the Dragon einen erkennbaren Sinn für Humor. Auch Game of Thrones war keine Sitcom und angesichts des ernsten Themas sind die Gelegenheiten für lichte Momente dünn gesät. Aber man musste über den bärbeißigen Nihilismus des Hound öfter schmunzeln als man hätte sollen, grinste über Tyrions Wortwitz oder musste sich zwingen, über Jaimes Schnurrbart zwirbelnder Bosheit und Überheblichkeit in frühen Staffeln nicht ins Grinsen zu kommen. GoT wusste, dass es hilft, das Bittere mit etwas Süßem runterzuspülen. Hier dagegen – 172 Jahre vor Daenarys' Geburt – geht man zum Lachen wohl in die Latrine. Diese ersten drei Folgen waren eine eher trostlose Angelegenheit und ich betrachte es als ernsthaftes Problem, dass ich nicht weiß, ob sich das in dieser Figurenkonstellation noch ändern kann.

Gleichwohl könnte man schwer monieren, dass House of the Dragon zwar alles Politdrama, alle Intrigen und all das Blut mitbringt, das die HBO-Vorgängerserie einst zum Mega-Hit machte. Aber es fehlt das große Mysterium, mit dem das Ursprungsmaterial schon gleich in der ersten Szene seiner Pilotfolge um die Ecke kam und das die Bedrohung am Horizont von Anfang an klarstellte. Eine tickende Zeitbombe dieser Art vermisse ich in der neuen Game-of-Thrones-Serie momentan noch. Und zwar nicht zu knapp. Die Charaktere werden umso schwerer zu schleppen und ziehen haben, wollen sie die Zuschauer genauso mitreißen wie diejenigen, die sich in der ersten G.R.R.-Martin-Serie auf eine drohende Zombieapokalypse vorbereiteten.

Die Grenzen zwischen Freund und Feind verlaufen selten fließender als in Game of Thrones. Das stimmt auch in House of the Dragon wieder. Quelle: Ollie Upton / HBO

Wie dem auch sei, bisher ist das hier – mit Ausnahme einer nicht ganz glaubwürdigen Kampfszene zum Schluss von Folge drei – gut gemachte Finster-Fantasy, bei der man gerne bibbert, welchen Charakter es wohl als Nächstes erwischt. Ich habe die letzten eineinhalb Staffeln des Originals immer noch nicht verwunden und ich habe die leise Hoffnung, dass diese Serie eine Chance hätte, mich mit dieser Welt zu versöhnen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht, im Ringen um den (offensichtlich buchstäblich) "gefährlichsten Stuhl im Königreich".

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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