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Ich bin durch und die Kampagne von Call of Duty Modern Warfare 2 hat haargenau ein Problem

Wenn solide trotzdem gut genug ist.

Da waren sie rum, die 17 Missionen. Zwei Abende habe ich gebraucht, auf sechs bis sieben Stunden tippe ich und ja, im Grunde war ich gut unterhalten. Das Problem bei einem Spiel mit diesem Namen ist nur, dass man ohne Not mit Titeln in den Ring steigt, über deren Kampagnen man in der 360-Ära lange redete. Mal aus guten Gründen – Modern Warfare 1 –, mal aus weniger schmeichelhaften – Modern Warfare 2s ‘No Russian’. Aber geredet wurde über immer.

Das war ein Event, oft genug kontrovers, ab und zu sogar zum Nachdenken anregend. Über den Story-Modus von Modern Warfare 2, also das neue, wird man nicht viel mehr hören, als dass er Spaß gemacht hat. Abwechslungsreiche Schauplätze, überwiegend anregendes Pacing, drei, vier kalkulierte Abweichungen von der Norm, exzellentes Gunplay und schön energische Körperlichkeit – das ist schon rund, wenngleich nicht neu. Wie könnte es auch?

Optisch ist die Ghillie-Mission in Modern Warfare 2 große Klasse.

Viel hat sicher auch damit zu tun, dass wir nicht jünger werden und es schwieriger wird, uns zu beeindrucken. Aber der Ansatz des Reboots, die moderne Kriegsführung eine Spur geerdeter anzugehen, bedeutet natürlich auch, dass einem Spektakelmomente der Michael-Bay-Sorte nicht ganz so oft ins Gesicht springen. Es sind eher Kleinigkeiten, wie die extrem coole Tatsache, dass man zum Teil nicht mehr das Gewehr wegstecken muss, um die Pistole zu ziehen, was sich sehr “John Wick” anfühlt. Trotzdem gibt es sie auch, die Augenblicke, in denen man plötzlich mit dem Kopf nach unten von einem Hubschrauber hängt oder der Seegang die Container auf einem Frachter zur akuten Lebensgefahr macht. Das sieht dann nicht nur gut aus, es macht selbst spielerisch einen Unterschied, was man von den Skript-Sequenzen alter Call of Dutys nicht immer sagen konnte.

Die Geschichte hat den Vorteil, dass man ihr diesmal wenigstens folgen kann, sodass der Haken, den sie nach zwei Dritteln schlägt, sogar ein wenig Wirkung erzielt: Amerikanische Hightech-Raketen landen in den Händen von Terroristen, ihr sollt sie zurück beschaffen – und vielleicht (oder besser nicht) herausfinden, wie das passieren konnte. Das bedeutet natürlich Globetrotting in mal mehr, mal weniger, mal gar nicht geheimen Einsätzen. Mexiko, der Mittlere Osten, Amsterdam, man kommt ganz gut rum und optisch ist das wahnsinnig opulent, auch wenn die Waffen, die hier groß, schwer und gefährlich rüberkommen, natürlich oft der Star sind.

Krachbumm gibt es auch wieder jede Menge. Aber man hängt Spektakel und Schockeffekte nicht ganz so hoch wie noch damals.

Die Gefechtsszenarien sind routiniert und flexibel gestaltet. In den Grachten der niederländischen Hauptstadt taucht ihr zwischen Booten umher und holt Bösewichte von den Stegen, um euch anschließend unter Wasser zu verstecken. In Spanien liegt ihr im Ghillie-Anzug im Gras und sucht euch Positionen, aus denen ihr zwei Wachen mit einer Kugel töten könnt und natürlich kreist ihr auch im Bomber über Schlachtfeldern, um Luftunterstützung zu geben. Zwei Situationen stachen besonders heraus: Eine, in der ihr Ghost durch Überwachungskameras indirekt durch einen Schleichabschnitt dirigiert, machte mir besonders viel Spaß.

Und zu zwei Gelegenheiten wirft MW2(022) sogar das Konzept komplett um, und schielt in Richtung The Last of Us, wenn ihr schleichend Haushaltsgegenstände zusammen-”macgyvert”. Das hat Naughty Dog zwar eleganter gemacht, weil man zum craften nicht stehenbleiben musste und man eine größere Übersicht über die Situation hatte, war hier aber besser gelöst, als ich erwartet hätte. Das ist schon nett, auch wenn man mittlerweile denkt, dass es langsam schwierig wird, uns Videospielkriegsveteranen noch mit dieser Art Popcorn-Kriegsführung wirklich in Wallung zu bekommen. Auf der anderen Seite gab es auch Momente, die sich nach Trial-and-Error anfühlten, oder in denen ich einem restriktiven Level-Skript ein wenig davon galoppierte und dann von der üblichen “Kehre zum Schlachtfeld zurück”-Nachricht zurechtgewiesen wurde. Oder eine Fahrtsequenz, die cool anfing und sich dann zu lange hinzog.

Ein seltsamer Bug ließ neue Feinde spawnen, wenn ich einen tötete. Putzig. Kam aber auch nur in dieser einen Mission vor

Dennoch: Ja, das ist schon ganz cool. Allerdings sollte man auch diesmal wissen, dass Call of Duty nicht aus seiner westlichen Vorherrschaftsattitüde kann. Zwar wird ein wenig verbal gegen private Militärfirmen geschossen, aber es ist gewissermaßen gesetzt, dass die CIA “die Guten” sind. Wie schon im letzten Modern Warfare muss man direkt im ersten Level mal wieder eine Frau erschießen, die über einem toten Terroristen einen Nervenzusammenbruch hat und dann zur Waffe greift. Und aufgebrachte mexikanische Zivilisten “deeskaliert” man bei einem Einsatz in deren Dorf, indem man mit der Pistole auf sie zielt. So viel zum Thema, was Call of Duty über die Militarisierung der Polizeikräfte denkt.

Und natürlich nutzt das Kartell Migranten an der Grenze zu den USA als Ablenkungsmanöver. “Comes with the territory”, wie man in Amerika wohl sagen würde. Es ist halt eines dieser Spiele, die nicht auf der Welt sind, um über die Verantwortung des westlichen Spionage- und Militärkomplexes für die aktuelle Lage rund um den Globus zu sinnieren. Modern Warfare 1 hatte für ein paar flüchtige Momente ganz nette Gedanken, als es sich den Unterschied zwischen Berufssoldaten und Menschen, die aus Überzeugung kämpfen, durch den Kopf gehen ließ. Hier passiert nichts dergleichen. Dabei sind wir tonal eigentlich schon fast da, dass eines dieser Spiele mal etwas ehrlicher in den Spiegel schaut – nicht nur auf alibimäßig in den eigenen Reihen platzierte schwarze Schafe.

Die Konvoi-Mission startet sehr cool, zieht sich dann aber zu lange und hat mir zwei, drei unnötigeTode eingebracht.

Call of Duty Modern Warfare 2 Kampagne Test – Fazit

Modern Warfare 2 also – ich wünschte, es hieße nicht so, wünschte, das Skript wäre mutiger. Aber ich kann nicht sagen, dass ich mich gequält hätte, mich in Hochgeschwindigkeit durch diese Kampagne zu ochsen. Das Spiel leistet sich wenig Fehler, und das meiste, was sich kritisieren ließe, gehört mittlerweile zum Serieninventar. Tatsächlich habe ich jetzt sogar mehr Lust auf den Multiplayer nächste Woche, denn das Spiel fühlt sich einfach gut an. Dass ich mich an die Kampagne des ersten Modern Warfare 2 auch dann noch erinnern werde, wenn ich diese hier schon längst vergessen habe, ist dann auch nicht mehr so wichtig…

Call of Duty – Modern Warfare 2 Kampagne – Pro und Contra

Pro:

  • Tolles Spielgefühl in Bewegung und Gunplay
  • Technisch und visuell exzellent (PC)
  • Großteils abwechslungsreiche Szenarien
  • Eine Geschichte, der man problemlos folgen kann…

Contra:

  • ... die aber nicht besonders an- oder aufregend ist
  • Missionen ohne Wiederspielwert abseits höherer SKG
  • Gelegentlich Trial-and-Error
  • Viele COD-Muster schon altbekannt

Entwickler: Infinity Ward - Publisher: Activision - Plattformen: PC, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series - Release: 28.10.2022 - Genre: FPS - Preis (UVP): 69,99€

Über den Autor
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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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