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Ich liebte mein VCS 2600. Jetzt wird Atari 50. Warum bin ich trotzdem nicht in Feierlaune?

Der Zombie vom Befreier des Fernsehers.

Wann immer mich jemand fragt, wie ich mit Videospielen angefangen habe, lautet meine Antwort meistens "mit dem Amiga". Das stimmt aber nur in dem Sinne, dass der A1200 das erste Spielgerät war, das ich mit meinem eigenen Geld gekauft habe und mit dem ich auf eine Weise spielte, wie ich es heute noch tue: intensiv und beinahe täglich. Technisch gesehen ging es mit Videospielen aber schon früher los, mit einem Atari VCS 2600, von dem ich nicht mehr weiß, wie es zu uns kam.

Jedenfalls bekam ich hier und da ein Spiel dafür geschenkt oder tauschte mit Bekannten. Ich erinnere mich lebhaft an Jungle Hunt, Desert Falcon und vor allem das auch heute noch geniale Stargate und bin sicher, dass der schwarze kleine Kasten schon das Fundament für meine "Spielerkarriere" legte. Der 50. Geburtstag der Firma, die das in mir auslöste, sollte eigentlich sentimentale Gefühle wecken. Stattdessen regt sich nichts. Denn das Atari, das viele von uns kennen und dessen Logo mit den drei Streifen für uns noch immer zeitlos cool aussieht, existiert nicht mehr.

Wer erinnert sich nicht gerne an den Speaker Hat von Atari? Leute, die Atari mochten und Flugzeugpassagiere, die neben einem Speaker-Hat-Träger den Atlkantik überquerten.

Tatsächlich ist Atari heute zwar immer noch ein laufendes Unternehmen, aber keines, von dem man noch wüsste, wofür es steht. Im Grunde wird seit der Schließung des größten In-House-Studios Eden Games (Test Drive Unlimited, Alone in the Dark) nur noch die Marke in stetig wechselnder Form zu Geld gemacht. Und selbst dieses Verfallsdatum ist schon reichlich spät angesetzt, denn der Name Atari war schon Mitte der Achtziger ein veritabler Wanderpokal. Von Warner ging es zu Namco, von Namco zurück zu Warner, dort ging es dann zeitweise in Midway auf, um irgendwann in den 90ern bei Hasbro zu landen. Zuletzt griff dann Infogrames zu, die sich die leblose Haut Ataris überstülpten, um … was weiß ich, vielleicht nicht mehr ganz so französisch zu wirken?

Das war sie dann, die letzte Station, zu der man Atari noch als ernstzunehmenden Player im Videospiel-Business ansah, auch wenn es nur noch ein Name war. Jedenfalls ging das Elend nach der Insolvenz 2013 erst richtig los. Seither bekamen wir viele fragwürdige Mobile Games, Rollercoaster Tycoons mit zum Teil akzeptabler, öfter aber Teil gruseliger Qualität, eine halbgare Retro-Konsole, deren (komplett externe) System-Designer offenbar monatelang kein Geld sahen, eine Atari-Mütze mit eingebauten Lautsprechern, (Online-)Casino- und Hotel-Pläne und zuletzt eine Krypto-Währung, denn natürlich macht Atari eine Kryptowährung. Wobei Letzteres nicht ganz stimmt: Sie arbeiten mittlerweile offenbar an ihrer zweiten Krypto-Währung. Und zwar nicht, weil die Erste so gut lief.

Immerhin: In letzter Zeit beauftragte man kleinere Entwickler, einige alte Klassiker zurückzubringen. Breakout, Asteroids, Centipede, Gravitar und Missile Command kamen mit hübschen Cover-Designs unter dem "Recharged" Label heraus und spielen sich überraschend anständig, fast wie ernstzunehmende, kleine Videospiele, was ich nach Alone in the Dark Illumination nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Dennoch bleibt das Problem, dass es sich um markenrechtliches Wassertreten handelt. Eher verkrampftes Suchen nach dem erfolgreichsten Weg, die Nostalgie von Leuten wie mir zu melken als eine Firma, die eine eigene Vorstellung von interaktiver Unterhaltung hat und die Zukunft dieses Mediums in diese Richtung formen möchte.

Ich mochte bekanntlich ja Eden Games' Alone in the Dark von 2008, auch wenn es eine einzige, lebensgefährliche Baustelle war. Aber Illumination war derart fehlgeleitet, ambitionenbefreit und lieblos, dass einem die Tränen kommen konnten.

Das ist auch der Grund, warum mir trotz eines derart beachtlichen Jubiläums wie diesem nicht zum Feiern zumute ist. Der Wiedererkennungswert dieser Marke stützt sich nicht auf irgendetwas heute noch Greifbares, sondern auf die Erinnerungen an eine Zeit, in der Leute, die in den späten Siebzigern oder frühen Achtzigern geboren sind, das erste Mal diese spezielle Magie spürten. Dieses Gefühl, das man hat, wenn man das erste Mal einen Knopf drückt und auf dem Bildschirm mehr passiert, als dass der Kanal gewechselt wird. Heute ist das selbstverständlich, für uns hat sich damals jedoch noch in den simpelsten Spielen jedes Mal aufs Neue ein komplett neuer Kosmos aufgetan. Eine bislang ungekannte Welt, in der wir bestimmen konnten, wohin die Reise ging, anstatt einfach nur zu glotzen. Ganz egal, dass es immer nach rechts ging.

Was für ein verdammtes Wunder das damals war... Okay, jetzt bin ich am Schluss also doch noch ein bisschen sentimental geworden. Also: Danke, Atari und alles gute zum 50.! Wo – oder was – auch immer du gerade bist.

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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