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Marvel's Moon Knight und die Identitätskrise des MCU

Marvel's Moon Knight bringt mehr Gottheiten ins MCU als Alex verträgt - und ist obendrein weder besonders interessant oder aufregend.

Vorweg sollte ich vielleicht sagen, dass ich tendenziell eine Folge weniger geschaut habe, als der Rest der Presse, die heute ihre Kritiken über Marvel's Moon Knight veröffentlichen. In einem ungewöhnlichen Schritt standen für drei Tage vier der insgesamt sechs Episoden der neuen Miniserie für die schreibende-krittelnde Zunft zur Verfügung. Die Vierte war allerdings mit "Work in progress"-Wasserzeichen versehen.

Nachdem ich direkt in der ersten Szene merkte, dass die Effekte nicht fertiggestellt waren - keine Texturen auf CG-Objekten, Hintergründe fehlten teilweise - entschloss ich mich, es bei drei Folgen bewenden zu lassen. Folge vier konnte einfach nicht den Effekt erzielen, den ihre Macher angepeilt hatten. Und nach drei Folgen, muss ich leider sagen, wäre irgend eine Wirkung langsam mal bitter nötig gewesen. Selbst für mich als Marvel-Fan war das bisher weder Fisch noch Fleisch, nachdem mir "Hawkguy" zuletzt wieder sehr gut gefallen hatte.

Oscar Isaac gibt alles - und das ist schon eine Menge. Aber irgendwie hat es nicht gereicht.

Das nächste Geständnis vielleicht hinterher: Ich hatte bisher keine Berührungspunkte mit Moon Knight, allerdings hatte ich die auch nicht zu vielen anderen Avengers, die mich dann trotzdem noch für sich eingenommen haben. Allerdings kann ich deshalb nicht beurteilen, wie sehr dieser Diener Konshus sich im Vergleich mit der Comic-Iteration schlägt. Doch ich bin ohnehin hier, um darüber zu sprechen, ob und wie gut es als Serie und im Kontext dieses Film- und Fernsehuniversums funktioniert. Und an der Stelle fühlt sich Moon Knight für mich stark nach einer Rückkehr der MCU-Identitätskrise an, die mit dem Ende von Phase 3 einsetzte.

Filme wie Shang-Chi (den ich mochte) oder Eternals (den ich nicht so mochte) in diesen Kanon zu integrieren, war so schwierig, dass ich nicht sicher bin, ob es eine gute Idee war. Und so sehr ich Spider-Man: No Way Home als zur Abwechslung mal gut gemachten Fan-Service schätzte, so sehr drehte er sich doch auch um das ureigene Spinnen-Filmbiotop (oder ist Terrarium das bessere Wort?), das die Filmindustrie in den letzten 20 Jahren mehrfach aus und umräumte. Und jetzt ist hier eben die Moon-Knight-Show, die das Problem der Identität zum Kern seines Helden macht. Ein bisschen Ironie ist schon dabei.

Ethan Hawke gibt den wohlmeinenden, aber fehlgeleiteten Guru kompetent, allerdings ohne, dass sich mit die Haare im Nacken aufstellen würden, was vermutlich nötig gewesen wäre, damit ich ihn und seine Gefolgschaft ernstnehme.

Es beginnt mit dem Ton, der auf halbem Wege zwischen finster-deprimierend und der typischen Marvel-Leichtigkeit zu klemmen scheint. Vielleicht liegt es daran, dass das Post-Brexit London als Schauplatz dient und Oscar Isaacs dicker Akzent in einer Marvel-Produktion - noch dazu bei diesem amerikanischen Schauspieler - schon eingangs für etwas Orientierungslosigkeit sorgt. Marvel fühlt sich mittlerweile in den Sternen wohler als in einigen Ecken dieser Erde, schätze ich.

Die ersten beiden Folgen drehen sich jedenfalls in erster Linie darum, Steven Grant kennenzulernen, Isaacs unterforderten, rückgratlosen Archäologen, der im Museum den Souvenir-Shop betreut und sich des Nachts an seinem Bett festkettet, weil er felsenfest davon überzeugt ist, zu schlafwandeln. Ich bin nicht sicher, woran es liegt, aber ich fand diese Exposition ermüdend, weil ich als Zuschauer Steven zwei Schritte voraus bin. Ich weiß, dass er eine gespaltene Persönlichkeit hat, vermutlich unwissentlich als Superheld oder Geheimagent Aufträge ausübt, während sein primäres Bewusstsein an der Steckdose hängt.

Highlight ist fast immer das, was passiert, wenn Museumsmitarbeiter Steven die Moon Knight Kräfte benutzt, anstatt sein Geheimdienst-Alter-Ego Marc Spector. Das hier ist seine Vorstellung des 'Anzugs'.

Das einzige, was ich nicht weiß, ist das, was mich eigentlich neugierig macht. Und das ist der Mechanismus, nach dem das hier passiert und wie Steven so geworden ist - und das zu beantworten war Moon Knight bis zur Mitte seiner ersten Season nicht interessiert. Stattdessen geht es auf eine milde unterhaltsame Schnitzeljagd nach Artefakten, um die Wiedergeburt der Gottheit Ammit zu verhindern. Die hat nämlich das Gerechtigkeitsverständnis aus einer Philip K. Dick Kurzgeschichte aufgeschnappt und hätte Mittel, Wege und den Willen, Todesurteile für noch nicht begangene (und nicht näher definierte) "böse Taten" zu verhängen und prompt zu vollziehen.

Ammits Schlüssel zur Freiheit: Arthur Harrow (Ethan Hawke), ihr Avatar, der als Sektenführer schon eine Menge "guter Leute" zu einem Geheimbund hinter sich versammelt hat und jetzt ebenfalls das Gefängnis der Gottheit sucht. Puh... Ich meine, es ist zugegebenermaßen kein allzu großer Sprung, dass nach von Däniken Aliens (Eternals), nordischen Gottheiten (Thor) und chinesischen Sagengestalten auch die ägyptische Mythologie noch in der Welt des MCU Fuß fasst. Meine "Suspension of Disbelief" ist jedoch so langsam am Limit angekommen. Dass ein paar der Überlieferungen aus der Menschheitsgeschichte wahr sind, ist ein interessanter Touch, aber dass gleich alle Aberglauben alter Zeiten sich als Tatsachenberichte herausstellen, ist mittlerweile weder überraschend noch spannend. Im Gegenteil, es wirkt arg bequem. Ich glaube, wir sind nur noch zwei Marvel-Phasen von Jesus Christ Superheld entfernt.

Sieht für sich genommen cool aus - aber auch ein wenig dick aufgetragen, wenn man ihn im Kontext einer eigentlich normalen Welt sieht.

Nun gut, meine Probleme, meine persönliche Ungläubigkeit für dieses Film-Universum bis Maximum auszusetzen, müssen nicht die euren sein. Ich hatte schon immer Schwierigkeiten, wenn fiktionale Stoffe ihre eigene Kohärenz gefährdeten, weil sie ihre selbst aufgestellten Regeln nicht befolgten. Als kleiner Drops nahm ich es schon mit Maßstabsungenauigkeiten bei Plastikdinosauriern so genau, dass sie mir jeden Spaß am Spiel verderben konnten. Und zu sehen, wie Marvel einfach immer neue Regeln aufstellt, und mal hier, mal da die Stützpfeiler dieses Universums weghaut, um sie gegen etwas anderes auszutauschen, ist deshalb für mich eine Herausforderung. Aber hey, bei Thor hat es auch nur ein, zwei Sätze gebraucht, damit ich die Geschichte von als Götter angesehenen Aliens schlucken konnte. Vielleicht fällt ja Moon Knight noch etwas in der Richtung ein?

Letzten Endes wäre das alles sowieso nicht so schlimm, wäre die Serie unterhaltsamer. Doch während man zu Beginn lange vor Steven herspaziert und hofft, er möge endlich zum Kenntnisstand des Zuschauers aufschließen, wird man hier und da ein wenig müde beim Schauen. Und ist man endlich auf demselben Level, hat man eine Geschichte vor der Brust, der ich eigentlich arg überdrüssig bin. Nicht nur ist es die x-te Neuauflage einer potenziell die Menschheit dezimierenden Nemesis. Auch die Sache mit der Todesstrafe haben wir als Menschheit überwiegend längst geklärt und die Frage nach der Schuld für noch nicht begangene Taten hat nicht nur Minority Report zur Genüge ausdiskutiert.

Da verkommt es fast zur Fußnote, dass Marvel die Dialoge schon mal spritziger gelungen sind und Moon Knights Action-Sequenzen bei anderen Helden schon entschieden imponierender ausgesehen haben. Nicht, weil er es schlechter machte, sondern weil man es schon kennt. Nicht missverstehen: Das ist alles schon ziemlich gut gemacht. Die Darsteller und Effekte überzeugen und die Idee, dass die gespaltene Persönlichkeit des Protagonisten ein echtes Problem bei der Superheldensache sein kann, ist ein Handlungsstrang, an dem Moon Knight für seine zweite Hälfte gerne fester zerren darf. Ich muss sagen, die letzten drei Folgen werden ganz schön zu schleppen haben, wenn sie mich noch von dieser Serie überzeugen wollen.

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Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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