Wenn du auf einen Link klickst und etwas kaufst, können wir eine kleine Provision erhalten. Zu unseren Richtlinien.

Meine langen, kurzen Tage mit dem teuflischen Dr. Kawashima

Erfahrt jeden Tag aufs Neue, wie doof ihr seid!

Ich finde es schwierig, über meine eigene Intelligenz nachzudenken. Denn ich glaube, dass die Fähigkeit, selbige einschätzen zu können, abhängig ist von ihr selbst. Soll heißen: Weniger schlaue Menschen halten sich oft für schlauer als sie sind. Dunning-Kruger-Effekt nennt man diese kognitive Verzerrung. Im Ergebnis bedeutet das: Halte ich mich für schlau, bin ich dumm, halte ich mich für dumm, bin ich vermutlich depressiv. Alles nicht so toll. Aufschluss über meine Intelligenz soll mir deshalb ein anderer geben, namentlich Dr. Kawashima. In seinem neuesten Werk gibt er sich besonders fies und teuflisch - weshalb der 3DS-Titel auch den Namen Dr. Kawashimas diabolisches Gehirn-Jogging trägt. Die Software, ich möchte sie hier nicht so wirklich Spiel nennen, soll in erster Linie dazu dienen das sogenannte Arbeitsgedächtnis zu trainieren. Das ist ein besonderer Teil des menschlichen Kurzzeitgedächtnisses, das beispielsweise dazu dient, sich am Ende eines gehörten Satzes noch an den Anfang erinnern zu können, sinnerfassend Lesen zu können oder überhaupt unsere Umwelt zu verstehen. Kurzum: Wenn ihr jemandem zuhört und versteht, was derjenige sagt, war dabei euer Arbeitsgedächtnis am Werk. Versteht ihr etwas nicht, habt ihr eindeutig zu wenig Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging konsumiert.

Rechnet! Rechnet ihr Narren!

Nun ist Dr. Kawashima aber der Auffassung, dass ebendieses verkümmert. Durch den technischen Fortschritt nämlich. Wir werden von Smartphones und anderen technischen Geräten permanent abgelenkt, bekommen ständig neue Nachrichten. Wenn wir etwas nicht wissen, suchen wir danach eben im Internet, aber wir strengen unseren Kopf nicht mehr an. Ihr kennt die Argumentation vermutlich - im Grunde eine Form von Kulturpessimismus. Umso ironischer, dass der Doktor ebendiesen Zustand ausgerechnet mit einem 3DS-Programm bekämpfen will. Immerhin aber geht er dabei recht behutsam vor. Jede der Aufgaben erklärt er mehrmals und in langsamen Worten. Weisheit durch Wiederholung. Ich gebe zu, das ist mein erster Kawashima-Titel, ich sah in der Vergangenheit nie die Notwendigkeit, mein Hirn zu trainieren. Bisher hat es seinen Zweck ja recht gut erfüllt. Jetzt aber fordert mich Herr Dr. Kawashima dazu auf, mir Zahlen aus einer Rechenaufgabe zu merken. Und sie dann aber nicht einzugeben, sondern bis zur nächsten Rechenaufgabe zu warten. Und dann die Zahl der Rechenaufgabe vorher einzugeben. Das funktioniert noch relativ gut und beinahe bin ich stolz auf mich. Dann jedoch soll ich plötzlich das Ergebnis der vorletzten Rechenoperation mit dem Stylus auf den Touchscreen schreiben. Und plötzlich: Mein Kopf versagt.

Es ist wirklich ein blödes Gefühl, beim Gehirn-Jogging zu versagen, denn der Titel des Spiels impliziert ja allein schon, dass das was ist, um sich im Kopf ein bisschen fitter zu machen. Gut, dass es Kawashima gibt, denn der will ab sofort täglich mit mir trainieren. Tatsächlich stehen euch am Beginn des Spiels nur einige wenige der Gedächtnis-fördernden Minispiele zur Verfügung und mehr könnt ihr zunächst auch nicht freispielen. Das geht erst am nächsten Tag oder am übernächsten. Kawashima will, dass ihr dabeibleibt und täglich eher nur ein paar Minuten trainiert. Wenn ihr das gleiche Training ein zweites Mal starten wollt, empfiehlt er euch sogar, das nicht zu tun und stattdessen was anderes auszuprobieren. Was anderes, das bedeutet beispielsweise das „diabolische Zusatztraining". Es enthält ältere Spiele aus der Gehirn-Jogging-Reihe, die ebenfalls das eingangs erwähnte Gehirn-Jogging verbessern sollen. Dazu zählen Musikaufgaben, Kartenspiele, Match-3-Games und sogar ein Dr.-Mario-Klon. Über die StreetPass-Funktion könnt ihr euren geistigen Fähigkeiten auch mit denen von anderen vergleichen. Für alles, was ihr tut, gibt's Belohnungen in Form von virtuellen Urkunden. Außerdem könnt ihr ein paar Stufen aufsteigen, um zu verdeutlichen, dass ihr beim Spielen gerade schlauer werdet - oder halt, nein: dass sich euer Arbeitsgedächtnis verbessert.

Besiegt Dr. Kawashima in dieser simplen Version eines Strategiespiels.

Warum ich das manchmal doch frustrierend finde, möchte ich an zwei Beispielen erklären. Beispiel Nummer 1: Das Zahlen-Merk-Spiel. Wie oben schon erwähnt, müsst ihr euch dabei das Ergebnis der jeweils vorletzten Rechenaufgabe merken und sie dann eingeben. Ihr müsst also zwei Ergebnisse im Kopf behalten. Das allein wäre natürlich nicht so dramatisch, aber während ihr diese Ergebnisse im Kopf habt, müsst ihr sie gedanklich sozusagen jeweils einen Posten weiterschieben, damit euch auch nichts aus dem Gedächtnis verloren geht. Wenn das nicht klappt, wisst ihr zumindest bei zwei folgenden Rechenaufgaben nicht, was ihr eingeben sollt, könnt also nur raten. Das ist frustrierend, zumal euch der gute Herr Kawashima jedes Versagen unter die Nase reibt - wenn auch in nettem Ton.

Beispiel Nummer 2: Ein Spiel mit dem Namen „Erobern". Hier bewegt ihr eine kleine Figur von Feld zu Feld, wobei ihr für jedes Feld eine bestimmte Anzahl Punkte bekommt. Dr. Kawashima macht das gleiche und am Ende kommt es darauf an, wer mehr Punkte hat. Ihr könnt euch gegenseitig blockieren und so den Weg versperren - eine Art Mini-Strategiespiel also. Das Problem: Dr. Kawashima selbst sagt, dass sich viele Aufgaben nur lösen lassen, indem ihr herumprobiert. Und am Ende ist es eben genau das, was ihr macht. Ihr probiert aus, welcher Lösungsweg funktioniert und freut euch dann, wenn ihr den richtigen gefunden habt. Warum ebendas jetzt gerade die richtige Strategie war, wird dabei am Ende nicht so wirklich deutlich. Und: Ihr dürft pro Tag wirklich nur einen Schwierigkeitsgrad spielen. Nachdem ich noch relativ leicht durch den zweiten gerutscht bin, hätte ich gerne sofort mit dem dritten weitergemacht. Geht aber nicht. Herr Kawashima will, dass ich mein Hirn bis zum nächsten Tag entspanne. Also gibt's eine Runde Match-3-Game, hier „Fett weg" genannt.

Was ihr hier machen müsst, erklärt der Screenshot zwar nicht unbedingt. Dr. Kawashima erklärt es euch vorab aber langsam und in verständlichem Deutsch.

Ich spreche hier wirklich nur für mich, daher ist das hier auch kein wirklicher Test. Aber: Mir macht es keinen großen Spaß, auf diese Weise mein Gehirn zu trainieren. Dr. Kawashima mag mir noch so sehr in langsamen Worten Leberkäse ans Ohr labern, ich habe einfach keine Lust, mich auf ein tägliches Trainingsprogramm einzulassen. Das ist schon der Grund, warum ich keinen Vertrag mit einem Fitness-Studio habe. Ich weiß über mich selbst gut genug, dass ich das ohnehin nicht nutzen würde. So geht's mir eben auch hier. Der Doktor meint es sicher gut mit mir. Ich aber möchte gar nicht wissen, ob ich klug oder doof bin, nicht ganz umsonst habe ich noch nie im Leben einen IQ-Test gemacht. Ich stehe außerdem überhaupt nicht auf den Trend zur Selbstoptimierung, ich will mich nicht stets besser machen wie einen Charakter in einem Rollenspiel. Deswegen spiele ich das ja - und lehne mich in der Realität gern mal faul zurück.

Unter den Fragezeichen befinden sich zwei Mäuse. Wisst ihr, wo sie sind?

Natürlich mag es aber Leute geben, die das Gefühl haben, geistig abzubauen. Zumindest das Reaktionsvermögen lässt ja angeblich schon relativ früh im Leben nach. Ich bin da beispielsweise schon auf dem absteigenden Ast. Vielleicht ist es mit dem Arbeitsgedächtnis ja ähnlich. Solltet ihr eure Hirnfunktionen also verbessern wollen und im Alltag Spaß an Sudokus haben - das ist euer Programm. Ein paar nette Puzzle-Spiele und einen animierten 3D-Polygon-Kopf von Dr. Kawashima mit Hörnern (weil teuflisch) gibt's als Bonus obendrauf. Was wollt ihr mehr?

Entwickler/Publisher: Nintendo/Nintendo - Erscheint für: 3DS - Preis: 29,99 Euro - Erscheint am: 28. Juli 2017 - Getestete Version: 3DS - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

Über den Autor

Markus Grundmann Avatar

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

Kommentare