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Ms. Marvel: Die erste (echte) Coming-of-Age-Geschichte des MCU funktioniert erstaunlich gut!

Kamala Khan es!

Hui, ich hatte wenig erwartet, beziehungsweise sogar ein bisschen befürchtet, dass diese Serie mir nichts geben würde. Immerhin bin ich keine 16-jährige Muslima mit in New Jersey. Aber ich liebe eben auch Coming-of-Age-Geschichten, lasse mit Jugendserien wie Sex Education gerne das identitätskriselnde Teenie-Leben noch einmal Revue passieren und bin ohnehin offen für alles, wo Marvel draufsteht. Und Ms. Marvel, das sich als Serie eigentlich klar an Jüngere richtet, gefällt mir in seinen ersten beiden Folgen ausgesprochen gut!

Das liegt vor allem an den Schauspielern, insbesondere an Hauptdarstellerin Iman Vellani, aber auch ihrem sympathischen pakistanischen Familienverbund samt Anhängseln. Es ist ein nicht allzu tiefschürfender, aber spannender Blick ins Leben einer 16-Jährigen, die die sozialen Klippen zu umschiffen versucht, die es nun mal aus den Wassern des Lebens pieksen, wenn die Eltern in einem anderen Wertesystem aufgewachsen sind. Die beiden sind nicht wahnsinnig streng, aber der große Bruder darf eben doch ein wenig mehr und beim Cosplay sollte das Avengers Fangirl eben doch darauf achten, ein wenig züchtigere Kleidung zu tragen (oder am besten gleich als The Hulk zur Fan-Convention gehen).

Freunde und Familie stehen im Mittelpunkt der Serie.

Aber nichts hier ist in Stein gemeißelt. Ms. Marvel zeigt wertetechnische Spielräume auf beiden Seiten. Sowohl bei den sehr schützend und liebevoll auftretenden Eltern, die sich mit westlich geprägt aufwachsenden Kindern arrangieren, als auch umgekehrt bei der Tochter, die manchmal flunkert, obwohl sie das vielleicht nicht einmal müsste. Es ist sehr erfrischend, dass es fürs Erste nicht einmal um viel mehr geht, als darum, was Kamala so berührt und umtreibt – Teenager-Kram eben – und wie sie zu ihrer Kraft kommt, sich erhärtendes Licht zu projizieren.

Doch so wichtig sind vor allem ihre Kräfte bislang nicht. Wichtiger ist der Show bisher, dass die Figuren funktionieren. Vellani spielt Kamala als verträumten Geek mit Captain-Marvel-Faible (und nimmt in der für ihren fiktiven Youtube-Kanal selbst gekritzelten Einleitung auch deren Deus Ex Machina-Rolle in Endgame ein bisschen auf die Schippe), und mit echtem Wunder und Freude über die geweckten Fähigkeiten. Ihr bester Freund Bruno hat eine Schwäche für sie, aber sie nur für den britischen Austauschstudenten Kamran, der ein bisschen zu gut scheint, um wahr zu sein, während ihre Cousine Nakia mit großer Leichtigkeit muslimischen Glauben und modernes, urbanes Leben vereint. Es ist der gelassenste, krampfloseste Blick eines Mainstream-Mediums auf eine muslimische Familie seit Türkisch für Anfänger und man fragt sich, warum das nicht schön früher ging – fast wie bei Black Panther, bei dem die Sorge, einen fast komplett mit Schwarzen besetzten Superheldenfilm zu drehen, im Nachhinein lächerlich erschien. Ms. Marvel ist ein ebensolcher Triumph für alle, die sich bisher nicht im MCU reprästentiert gesehen haben.

Erwachende Superkräfte als Analogie aufs Erwachsenwerden. Klar, auch die Spider-Man-Filme spielten mal mehr, mal weniger damit. Ms. Marvel stellt das Teenager-Leben aber bisher klarer in den Vordergrund.

Ich muss zugeben, dass mir die erste halbe Stunde des Piloten noch ein wenig bemüht vorkam, hip und zeitgeistig rüberzukommen, und es wird übertrieben oft auf Disney-Marken wie Star Wars hingewiesen. Aber später, als die Exposition durch war, wurde es lockerer und gefielen mir die aparten visuellen Einfälle immer besser. Da erscheinen Whatsapp-Nachrichten auf dem Asphalt der Straße hinter den Figuren, mal kippt die Kamera um 30 Grad, um zwei ungünstig zueinander stehende Charaktere doch noch gleichzeitig in den Ecken des Bildes einzufangen, oder erscheinen die Pläne für einen heimlichen Ausflug als belebte Graffitis auf den Wänden hinter Kamala und ihrem besten Freund Bruno. Der Stil tanzt im Marvel-Kontext ganz schön aus der Reihe – und passt dafür umso besser zu dieser intimen kleinen Geschichte, bei der man noch nicht einmal sagen kann, wie sie sich ins große Ganze einfügt. Ich liebe vor allem, dass Kamala trotz ihrer Kräfte nicht automatisch zum Karate-kickender Rächer wird, sondern bis zum Schluss der ersten zwei Folgen unbeholfen überfordert wirkt.

Gen Ende von Folge zwei gibt es zwar auch ein Obi-Wan-förmiges Logikloch, als das Ende einer Action-Sequenz doch etwas unglaubwürdig rüberkommt. Aber das war buchstäblich der einzige Moment, der mir spanisch vorkam. Alles in allem ist das eine schön erzählte Geschichte – bisher – mit eigener visueller Identität, einigen coolen Gags und Figuren, denen man gerne zuschaut und denen man die Daumen drückt. Ich hoffe, es geht so charakterzentriert weiter. Moon Knight und zum Teil auch Hawkeye haben ja längst bewiesen, dass nicht jede Serie den zentralen MCU-Handlungsbogen weiterführen muss. Diese spezielle 16-Jährige hat schon genug Probleme, halsen wir ihr das nicht auch noch auf!

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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