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Odin Sphere

Zum Träumen schön

Das Spiel geht eigentlich los wie so viele andere. Auf einem Schlachtfeld. In diesem Fall rollt das zerrüttete Kriegsgebiet aber platt und von rechts nach links an uns vorbei. Wie zu 16-Bit-Zeiten, nur ungleich hübscher schweift unser Blick über eine gemalte Landschaft in sagenhaft vielen Ebenen. Zunächst prallen einige bärtige Axtkrieger kurz, aber heftig aufeinander, etwas weiter wird ein riesiger Fell behangener Barbar von einen Ritter in blitzender Einhorn-Rüstung niedergestreckt. Und noch ein Stück später werfen einige Zwerge archaische Bomben in Richtung stürmender Walküren.

Soweit normaler Fantasy Standard. Doch dann passiert etwas, dass mich ein bisschen auf dem falschen Fuß erwischt. Die Kamerafahrt endet in einem zerstörten Tempel. Stille. In der Mitte des Bildes liegt reglos eine zarte Gestalt am Boden. Es ist eine der Walküren. Eine zweite Kriegerin, ebenfalls eine Walküre, betritt die traurige Szene. „Prinzessin“, ruft sie und eilt zu der Verletzten zu Hilfe, stützt sie. Nach einem kurzen Monolog der tödlich Getroffenen über Ehre und die nun hoffentlich endlich gewonnene Liebe ihres Vaters, fällt eine Träne, nur einen winzigen Pixel groß, unscheinbar aus dem Gesicht der Helfenden. Die Prinzessin fragt schwach: „Weinst Du, Schwester?“

Gänsehaut.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die die größte Wirkung hervorrufen. Unmerkliche Gesten, bei denen man sich im ersten Moment noch fragt, ob man sie sich nur eingebildet hat und die man vielleicht verpasst hätte, wenn man geblinzelt hätte. Ein kurzer Augenblick des Innehaltens oder eben ein verschwindend kleiner, todtrauriger weißer Bildpunkt, der fast schwerelos gen Boden fällt, in der Gefühlslandschaft dieses Betrachters aber einen riesigen Krater hinterlässt. Odin Sphere schlägt gern und häufig diese Sorte Töne an, thematisiert Liebe und vor allem das Fehlen dieser sehr prominent und fühlt sich trotzdem kein bisschen gestelzt oder schwülstig an.

Im Pookacafe gibt es nahrhafte Leckereien – wenn ihr das passende Rezept mitbringt.

Und Odin Sphere ist schön. Sogar ganz oberflächlich betrachtet kann man hier von einer Schönheit sprechen, die man sich bei einem 3D-Spiel irgendwie nicht vorstellen kann. Es ist schwer zu beschreiben, aber Vanillaware’s Liebe zu traditionell gezeichneten 2D-Spielen wird in jeder einzelnen Einstellung des Action-Rollenspiels sichtbar. Es ist, als hätte man die letzten 13, 14 Jahre der Grafik-Evolution einfach unter den Tisch fallen lassen und stattdessen schlicht die von Hand gestaltete Darstellung perfektioniert. Odin Sphere sieht so aus, wie man sich um 1990 herum, vor der dreidimensionalen Revolution, die Grafik der Zukunft vorgestellt hat.

Als hätte das Neo Geo damals die Konsolenkriege gewonnen, zieren hier Bildschirmfüllende, flüssig animierte Zeichentrick-Figuren, wie man sie nie zuvor in einem Spiel erlebt hat, ihre Kreise vor liebevoll gestalteten und prachtvoll bewegten Bühnenbildern. Vanillaware schlägt vor Euren Augen ein digitales Märchen-Bilderbuch auf, dessen Gestaltung alleine dafür sorgt, dass Ihr eifrig weiterblättert, es regelrecht verschlingt. Nur die in der vorliegenden Fassung noch teils bösen Slowdowns erinnern daran, dass man hier ein Spiel vor sich hat.

Gwendolyn kämpft nicht nur gegen den Feind, sondern auch um die Liebe ihres Vaters

“Buch“ ist übrigens ein gutes Stichwort, denn eigentlich findet die Spielhandlung auch nur in den Schmökern statt, die Alice, ein kleines Mädchen im lila Kleidchen und mit blonden Zöpfen, bei Kerzenlicht auf ihrem Dachboden studiert. Fünf Bände, die nacheinander verfügbar werden („Walküre“ ist der erste Band), erzählen von der nordisch angehauchten Welt Erion.

Der Clou dabei: Die Hauptcharaktere jedes Buches entstammen jeweils einem anderen der teilweise miteinander verfeindeten Königreiche. Hier und da überschneiden sich die Ereignisse und kreuzen sich die Wege der Protagonisten. Viele Geschichten werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln gezeigt, Eure Loyalität damit teilweise auf den Kopf gestellt. Und nur wer auch das fünfte Buch beendet, erfährt alles über Erion. Jede verhinderte Liebschaft, jede perfide Intrige und jedes noch so sinistere Motiv.

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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