Wenn du auf einen Link klickst und etwas kaufst, können wir eine kleine Provision erhalten. Zu unseren Richtlinien.

The Last of Us spricht Vätern aus der Seele wie wenige andere Spiele

Liebe, die fast wehtut.

Schon bevor wir von einem zweiten Teil wussten, war für mich immer klar: The Last of Us, dieser so echt und ehrlich bittere Überlebenskampf, ist letzten Endes Ellies Geschichte - nicht die des nominellen Hauptcharakters Joel. Das stellte das Seriendebüt mit seiner genialen Perspektivverschiebung nach der klimaktischen Bluttat des alternden Schmugglers unmissverständlich klar. Doch wie so viele feinsinnig erzählte Stoffe verändert sich die Geschichte - in zarten Schattierungen, aber doch maßgeblich -, je nachdem, durch welche Brille man sie betrachtet.

Wenn man The Last of Us sieben Jahre später aus neuerlicher Vaterperspektive noch einmal erlebt, knüpft man tatsächlich einen anderen Draht zu Joel und seinen ... sagen wir mal "komplizierten" Entscheidungen am Schluss. Weniger auf einer "moralischer Kompass"-Ebene - der ist sich über richtig und falsch die ganze Zeit über genauso bewusst wie Joel am Ende -, sondern auf der emotionalen. Die, die einen nachfühlen lässt, warum Creative Director Neil Druckmann seine Tochter als große Inspiration für das Buch zu The Last of Us nennt. Dann spürt man, so sehr Ellie auch im Vordergrund steht, dass es auch ein Spiel von Vätern für und über Väter ist.

Anfangs ist Ellie für Joel wenig mehr als ein Paket. Eine Last.

Wer erst in den Jahren seit seinem Erstkontakt mit dem Spiel eine Familie gründete, der wird sein blaues Wunder erleben, wenn er Joels emotionale Reise auf dem Weg zu seiner Quasi-Vaterrolle für Ellie neuerdings nicht mehr nur aus zweiter Hand nachempfinden kann. Was "zweite Hand" hier heißen soll? Nun, natürlich fühlt man mit Joel, wenn er seine leibliche Tochter Sarah verliert und wünscht ihm diesen neuen Menschen in seinem Leben. Das innere Aufdröseln seiner Vatergefühle muss man in Ermangelung eigener elterlicher Erfahrungswerte jedoch emulieren, etwas anderes bleibt einem nicht. Das klappt sogar ganz gut: Man zehrt dazu aus Erfahrungen mit seinem eigenen "Alten Herrn" - und von der kräftigen Mithilfe des fantastischen Buchs, der aufopferungsvollen Schauspieler und der exzellenten Kamera, die all diese Gefühle einfängt. Wie gut das gelingt, ist im Grunde schon ein Wunder für sich.

Sobald aber zuhause ein echtes Kind die Beine unterm Küchentisch baumeln lässt, rückt man von selbst seelisch noch ein gutes Stück näher an Joel heran und erlebt das Spiel mit einer anderen Intensität, die sich so echt anfühlt, dass sie beinahe ins Schmerzhafte umschlägt. Das ist der Verdienst beneidenswert scharf beobachteter Figuren, die jedes ihrer wohl gewählten Worte mit einer Ehrlichkeit über die Lippen bringen, die man von einem Videospiel selten sieht. Man erkennt sich - und seinen Sprössling - in jeder Zuneigungsbekundung, in jedem Necken und in jedem vom Trotz befeuerten Streit zwischen Joel und Ellie wieder. Manchmal fühlt man sich ertappt und erschreckt sich beinahe, wie sehr die ganze Geschichte mit der Postapokalypse in den Hintergrund tritt, wenn die elterlichen Hormone das Spiel wie von selbst auf den emotionalen Nenner seiner Vater-Tochter-Beziehung herunterbrechen.

Väter erkennen den Trick, den Ellie schon recht zu Anfang bringt, als Joel ihr zu verstehen gibt, dass sie - soll ihre gemeinsame Reise ein Erfolg sein - seinen Anweisungen gefälligst Folge zu leisten hat. Als er sie mit dem ältesten Dad-Move aus dem Buch auffordert, zu wiederholen, was er gerade gesagt hat, tut sie das zwar, aber nur sinngemäß und in eigenen Worten. Sie signalisiert so noch in ihrer Fügsamkeit eine trotzige Portion Widerstand, die Eltern nur zu vertraut ist. Wer an der Seite eines eigenen kleinen, mittleren oder auch schon größeren Menschen durchs Leben geht, erkennt unterdessen in Ellies kindlicher Freude an Dingen, die Erwachsene für selbstverständlich nehmen, direkt seinen eigenen Nachkommen wieder und würde sich wünschen, dass dieses freudige Entdecken der Welt niemals enden möge. Wenn es nach uns ginge, wir würden unseren Töchtern und Söhnen den Rest ihres Lebens jeden Tag das erste Mal ein neues exotisches Tier zeigen.


Bestellt die Digitale Deluxe Edition von The Last of Us 2 mit vielen Extras im PlayStation Store vor.


Diese Unschuld, mit der sich Kinder durch die Welt bewegen, empfindet man als Vater als eines der kostbarsten Dinge an diesem "Job". Denn sie ist endlich und geht mit den Jahren zunehmend verloren. Das mit anzusehen, ist ein schwieriger Prozess, der viel mit Lernen, Akzeptanz und Loslassen zu tun hat, was The Last of Us auch bestens dokumentiert. Als Ellie an einer Stelle später im Spiel damit prahlt, zwei Infizierte eigenhändig erledigt zu haben, hat sie aus Überlebenskünstler-Sicht allen Grund, anzunehmen, Joel wäre stolz auf diese Leistung. Seine gequälte Reaktion darauf erinnert Prä-Apokalypse-Väter nur zu gut daran, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Kind das erste Mal aus Neugierde einen Käfer zerquetscht. Mit jedem dieser Momente kommt Ellie ein Stück ihrer Selbstbestimmtheit näher, verliert aber auch einen Teil ihrer Unschuld. Es wird klar, wir sehen sie im Zeitraffer erwachsen werden.

Für alles, was da kommt, gewappnet? Ellie wird im zweiten Teil ihren eigenen Weg gehen müssen.

Eine Eltern-Kind-Beziehung ist ein stetiger Balanceakt zwischen Fürsorge und der Übergabe von Eigenverantwortung, der beiden Seiten zu schaffen machen kann. Der einen, weil sie nicht loszulassen vermag, der anderen, weil sie den Weg nach vorn nicht kennt, ihn sogar fürchtet. In der wichtigsten und zärtlichsten Szene des Spiels, als Ellie und Joel in Salt Lake City eine Herde Giraffen beobachten, fragt Joel: "Und? Ist es so, wie du es erhofft hast?" und meint nur vordergründig das Ziel ihrer Reise. Ellie antwortet - jetzt altersweise und vielsagend: "Es gibt Höhen und Tiefen. Aber die Aussicht ist echt Klasse." Zwei einst vereinsamte Seelen, die über ihre erfolgreiche Suche nach menschlicher Nähe und familiärer Zugehörigkeit resümieren und nun in die Zukunft zu blicken wagen.

Am Ende kommt er trotzdem, der Bruch zwischen den beiden, den zwar niemand ausspricht, der mit nur einem Kameraschwenk und der Übergabe der Steuerung von Joel zu Ellie jedoch eine symbolische Sprengkraft mitbringt, die tausend Worte nicht erzeugen könnten. Ein Symbol für die unvermeidliche Abkapselung des Kindes von seinem Behüter, auch wenn Ellie offenbar willentlich an Joel festhält. Dieses erstaunlich ruhige Finale ist die ebenso schmerzliche wie auch hoffnungsfroh stimmende letzte Lektion für alle Väter: Letzten Endes sind auch wir nur dazu da, um unseren Kindern irgendwann Platz zu machen. Aber nicht, ohne ihnen das Rüstzeug zu geben, es eines Tages besser zu machen als wir. Was gibt es Wichtigeres auf der Welt?

Über den Autor

Eurogamer-Team

Contributor

Kommentare