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The Last Remnant

Japanisch weltweit

Es hat ein wenig gedauert, aber nach einigen Jahren ist Square Enix wohl doch aufgefallen, dass es in die Welt mehr als Japan gibt. Das erste Produkt dieser Erkenntnis: The Last Remnant. Zum ersten Mal will der Softwareriese nicht in erster Linie sein japanisches Stammpublikum bedienen, sondern die ganze Welt gleichzeitig. Was das genau bedeutet? Nach einem ersten Blick auf The Last Remnant nicht allzu viel.

Sollte dies das Ergebnis eines großen Umstellungsprozesses mit neuen Teams und einer globalen Strategie sein, dann herzlichen Glückwunsch, Square: Ihr wart schon mit Final Fantasy XII an diesem Punkt. Auch wenn der neue Titel keine direkten inhaltlichen Bezüge zu dem nicht unumstrittenen zwölften Ableger der Stammmarke mitbringt, erinnert doch das Design sehr stark an diesen. Jedenfalls weit mehr als an irgendein westliches Rollenspiel.

Nicht nur Landschaft und Städte zeugen deutlich von ihrer Abstammung, auch Helden mit riesigen Minotaurenhornhelmen, weibliche Sidekicks in für den Jugendschutz knapp ausreichender Garnitur, dazu vierarmige (!) Katzen, Frosch- und Fischwesen, all das bewegt sich deutlich in japanophilen High-Fantasy Gefilden. Liebt Ihr also Square Enix-Spiele für genau diesen Look, braucht Euch die neue PR-Blase der globalen Markstrategie nicht groß zu erschrecken. Je mehr die Dinge sich ändern, desto mehr bleibt halt doch alles beim Alten.

Trailer

Womit wir beim eigentlichen Ablauf des Spiels wären. Sofern Ihr in den letzten Jahren ein japanisches Rolli gespielt habt, gibt Euch das eine ziemlich gute Vorstellung davon, was Euch in The Last Remnant so erwartet. Zumindest solange Ihr Euch in der dank Unreal 3 – dazu später mehr – wunderschönen Welt herumtreibt. Auf dem Schlachtfeld entfaltet das Spiel dann eine Epik, die so nicht wirklich alltäglich im Geschäft des Rundenkampfes daherkommt.

Es beginnt meist recht harmlos. Euer Held steht auf der einen Seite, der Feind – eine bisher recht obligatorische Auswahl aus Panzerrittern, Orks und sonstigen üblichen Verdächtigen – auf der anderen. Für jeden Streiter wählt Ihr das passende Kommando aus und auch diese Liste wird Euch mehr als nur ein wenig vertraut erscheinen. Angriff, Gegenstände, Magie. Sobald der Held sich aber in Bewegung setzt, müsst Ihr erneut aktiv werden.

Kritische Treffer oder besondere Attacken passieren nicht zufällig, sondern werden durch geschickt getimtes Tastendrücken – ähnlich God of War – ausgelöst. Kein ganz neues Konzept, aber auch sicher noch kein ausgetretenes und, wenn es wie hier in schönen Zeitlupeneinstellungen ausgeführt werden kann, auch kein gänzlich unwillkommenes. Hoffen wir nur, dass es nicht zu sehr Überhand nimmt und leichte Kämpfe unnötig in die Länge zieht.

Unreal 3 kann nicht nur Shooter, sondern auch Drachen.

Genau diese Gefahr besteht nämlich bei einer anderen Square-Tradition, die auch in Last Remnant zelebriert wird: Große Monster treten auf beiden Seiten des Feldes auf den Plan und werden in traumhaft schönen Animationen aufeinander gehetzt. Doch solche Schönheit verfliegt recht schnell. Bleibt zu hoffen, dass Squenix nicht den Button zum Abkürzen der Animationen vergisst. Es gibt schließlich auch so genug zu tun.

Euer Stammheld wird häufig nicht nur von einzelnen Individuen unterstützt, sondern einer ganzen Schar Mitstreitern. Bis zu 70 Kämpfer unterschiedlichster Größen können an einem einzigen Kampf teilnehmen, die allerdings nicht einzeln, sondern gruppenweise – Square nennt eine solche Gruppe „Union“ – kommandiert werden. Eine recht wichtige Rolle soll die Moral der Truppe spielen. Eine gute Siegesrate oder zahlenmäßige Überlegenheit verbessern die Werte Eurer Gefolgsleute, taktische Nachteile oder Gewichtungen von Fünf gegen Fünfzig lassen ihnen das Herz in die Hose rutschen.

Ein ebenso wichtiges Element, nicht nur im Kampf, stellen die namensgebenden „Remnants dar“. Artefakte unterschiedlichster Natur, die einer untergegangenen Zivilisation entstammen. Manche sind riesige Kampfmaschinen, andere etwas ganz Skurriles, Square hüllt das Thema aktuell ein wenig in den Nebel des Mystischen. Ob die Auflösung überzeugt oder es am Ende doch nur Espers mit einem anderen Namen sind, wer weiß. Aber es lohnt sich darum zu kämpfen und zu streiten, dreht sich doch der große Metaplot um die Frage, wem und welcher Fraktion diese Macht gehört. Viele politische Intrigen, die Welt in der Waagschale.

It´s not easy being green.

Der kleiner gehaltene Startpunkt Eures Helden kommt nicht weniger konventionell daher: Er sucht seine zu Beginn entführte Schwester. So weit, so uninteressant, würde er in diesen ersten Minuten nicht auch auf den „Conquerer“ treffen, eine düstere Gestalt in blutroter Robe mit unbekannten Intentionen, deren Schicksal natürlich mit dem Helden verwoben ist. Der Conquerer wurde übrigens ausdrücklich mit Blick nach Westen designt. Die Verbindung zwischen den beiden ist etwas, das Square natürlich auch im Dunkel hält. Schließlich wird es eines der tragenden Elemente des Plots sein, den man in epischer Breite und mittels zahlreicher Zwischensequenzen erzählt.

Diese sind, für Square durchaus unüblich, diesmal nicht gerendert, stattdessen erstellte man sie zum großen Teil in der für das Spiel genutzten Unreal 3–Engine. Auch wenn dies rein optisch dem Spiel in keiner Weise zum Nachteil gereicht – was bisher zu sehen war, erscheint ausgesprochen ordentlich –, dürfte die Wahl der Arbeitsmittel der Grund für die Verzögerung der Entwicklung auf genau der Plattform sein, die für Japan eigentlich weit bedeutsamer als die bereits für Winter 2008 angepeilte 360-Version sein dürfte: Sonys PS3. Obwohl man die Zusammenarbeit mit Epic lobt, wurden viele Probleme der Engine – so zumindest Square – erst mit Unreal Tournament 3 behoben und verzögern das Erscheinen bis in das nächste Jahr hinein.

Die Wartezeit lohnt sich aber auch für die PS3-Besitzer. The Last Remnant verspricht unabhängig von der PR-Formel der weltweiten Zielgruppe eine klassische, weitschweifige Handlung mit vielen bekannten Elementen. Dargeboten in all der Größe, in der Square gerne und erfolgreich erzählt, untermauert durch ein in vielen Punkten frischem Kampfsystem. Es ist immer noch so japanisch wie es wird. Aber das macht nichts. Genau dafür liebe ich es jetzt schon.

Im Winter 2008 strebt Square Enix ein weltweit zeitgleiches Release für The Last Remnant in Japan, den USA und Europa an. Allerdings nur für die Xbox 360, die PS3-Version folgt später.

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Martin Woger

Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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