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Tokyo Game Show 2012 - Wie sind doch die Mächtigen gefallen!

Die wenigen neuen Titel ertranken in einer Flut aus Mobile- und Free-2-Play-Spielen.

Ich glaube, letztendlich waren es die zu großen Erwartungen, die mich nach meinem Besuch mehr als nur ernüchtert zurückließen. Immerhin wurde mir vor einigen Jahren noch die Tokyo Game Show als heiliger Ausstellungsort für Spiele beschrieben, an dem Fans japanischer Kost sich die Augen nicht sattsehen können. Und wahrscheinlich war es das auch. Doch nach meinen Tagen auf der Messe kann ich es besser nachvollziehen, wenn Leute über den Fall der japanischen Spieleindustrie sprechen.

Brechen wir das ganze Erlebnis systematisch herunter und fangen bei den guten Dingen an, die mir trotz des bitteren Nachgeschmacks positive Erinnerungen verschafften. Die meisten habt ihr bereits in meinen Eindrücken zu Metal Gear Rising: Revengeance, Zone of the Enders HD Collection oder Phantasy Star Online 2 nachlesen können. Neben den offensichtlichen Perlen versteckte sich aber auch ein Haufen kleiner Titel, von denen es die meisten wohl niemals über den Ozean zu uns schaffen.

Darunter waren besonders viele Ableger des Musik-Genres vertreten. So zeigte Konamis Bemani-Team, unter anderem verantwortlich für Dance Dance Revolution, die neue Iteration ihres Arcade-Hits Jubeat (im Rest der Welt Jukebeat). Bei diesem drückt ihr mit den Fingern passend zum Takt auf einem vier mal vier Felder großen Touchscreen herum. Der Schwierigkeitsgrad und damit die Schnelligkeit erreicht in alter Firmentradition abartige Höhen und verschlägt einem die Sprache, wenn eine Person mit übernatürlichen Reaktionszeiten (http://www.youtube.com/watch?v=VzmQQzufs0g) live vor einem spielt.

Ein Ballon-Riese überwachte Konamis Stand.

Viele andere Titel waren zumeist Ableger bekannter Marken. Ein neues Ys für den 3DS, insgesamt drei Titel mit Professor Layton, das fünfte Phoenix Wright und einen Haufen Nachfolger zu japanischen Serien, von denen ich zuvor noch nie gehört hatte und deren abstruse Namen ich mir nicht merken konnte.

Doch die Spiele selbst sorgten nicht für die besten Eindrücke innerhalb der Hallen. Nein, die wahren Highlights waren die Stände selbst. Nun gut, einige boten nur simple Pappwände mit Spielstation, doch viele ähnelten eher einem kleinen Filmset. So zeigte Capcom Phoenix Wright 5 an einer Nachbildung des zerstörten Gerichtszimmers. Es haben nur die Figuren an ihren üblichen Stellen gefehlt. Ansonsten fühlte es sich genau wie der Ort an, an dem ich und viele Serienfans glückliche Stunden verbrachten. Und nein, ich habe nicht meinen Finger auf einen ahnungslosen Japaner gerichtet und "OBJECTION!" geschrien.

Wenn ich aber einen Preis für das optisch schönste und gleichzeitig größte Set vergeben müsste, würde dieser an den Stand von Monster Hunter 4 gehen. Nicht nur baute man die Landschaft aus einem Gebiet nach, sondern füllte sie mit einigen Karren sowie Statuen der Kreaturen. Dazu liefen alle Mitarbeiter in passender Kleidung herum und ein paar posierten sogar in ziemlich opulenten Cosplays. Hut ab.

Generell gab man sich bei den Outfits der Damen größte Mühen. Viel interessanter fand ich dagegen die Massenansammlung japanischer Fotografen, die teilweise fünf verschiedene Aufsätze auf ihrer Kamera hatten und vor den Booth Babes eng zusammenrückten. Ja, das hier war definitiv eine japanische Messe.

An den Besuchertagen befanden sich außerhalb der Hallen im Cosplay-Bereich fast mehr Leute als vor den Spielständen. Es zeigte in einer Mixtur aus Faszination und perverser Fixierung das japanische Verhältnis zu Cosplays. Auch auf der gamescom ziehen die knapp bekleideten Mädels genügend Blicke auf sich, doch hier fühlte man sich unter den Menschenmassen wie in einem Zoo. Es hat nur noch gefehlt, dass die Frauen mit Brotstückchen beworfen wurden.

Nutzen wir also diese nicht so feine Linie der weiblichen Verdinglichung, um zu den Punkten überzugehen, die mir weniger gut gefallen haben und die Messe in Abwägung aller Aspekte zu einem eher enttäuschenden Besuch machten.

Denn obwohl ich meine Freude über das weibliche Personal nicht abstreiten mag, wanderte ihr freundliches Verhalten teilweise in den Bereich verbaler Penetration, was ziemlich auf die Nerven gehen konnte. Mein bestes Beispiel hierfür ist die Anspielzeit mit Monster Hunter 4. Da ich das Franchise zum ersten Mal auf dem 3DS erlebte, wollte ich mich zuerst mit der Steuerung vertraut machen und ein paar Dinge ausprobieren.

Alle Fans von Monster Hunter 4 wurden von diesem Kollegen begrüßt.

Anstatt mich in Ruhe mit dem Spiel anfreunden zu können, sah die Mitarbeiterin meine Experimentierphase als Schrei nach Hilfe an und plapperte mir prompt von der Seite in den Gehörgang. Ich solle bitte das Blocken verwenden. Schön und gut, nur wenn ich gerade nicht im Kampf bin oder ein Monster mir schonungslos ausgeliefert ist, sehe ich keinen Grund, zu blocken. Das hielt die gute Dame allerdings nicht davon ab, mir weitere "hilfreiche" Hinweise zu geben und letztendlich sogar mehrmals auf meinen 3DS zu patschen, um mir das Blocken zu demonstrieren.

Es war nicht der einzige ungewollte Eingriff an diesen Tagen, doch ihre Dauerbeschallung und penetrante Freundlichkeit störte mein Erlebnis so sehr, dass ich das Spiel nicht genießen konnte. Als ich den Boss der Demo schließlich legte, drehte sie sich zu mir um und fing unter dem Dauerrufen von "zugoi" (toll, gut gemacht) an zu klatschen, woraufhin der gesamte Stand in den Akt einstieg. Ich fühlte mich wie ein Kleinkind, das unter den Augen seiner Verwandtschaft zum ersten Mal seine Schuhe alleine zubindet.

Was mich an manchen Ständen zudem störte, war der unnötig komplizierte Aufbau. Bei Metal Gear Rising: Revengeance war es schwer zu erkennen, dass man an die Rückseite des Konami-Standes musste, um schließlich nach vorne auf die Tribüne zu gelangen.

Monster Hunter 4 - Japanischer Trailer

Noch verwirrter war ich bei Sony. Zwar sah der Stand von vorne stilistisch hervorragend aus, mit vielen verbundenen Plattformen, auf denen knapp 30 Spiele vorgestellt wurden. Doch um dorthin zu gelangen, unternahm man erst eine kleine Odyssee durch das Innere des Gerüsts. Zuerst sah man die Schlange im hinteren Bereich und begab sich hoffnungsvoll dorthin. Dann stellte sich heraus, dass man zuerst durch den Vordereingang spazieren musste, um nach ein paar verwinkelten Gängen an einem Stand zu landen, der einen an die Warteschlange des jeweiligen Spiels verwies. Warum ich mich nicht gleich an den richtigen Stand stellen durfte, weiß ich nicht.

Persönliche Anekdoten dieser Art sind sicherlich verzeihbar und sollen nur meine eigenen Erfahrungen auf der Messe schildern. Darum war ich ganz sicherlich nicht von der Tokyo Game Show enttäuscht. Nein, das eigentliche Problem ist wesentlich massiver und kristallisierte sich nach dem ersten Spaziergang durch die Hallen schnell heraus. Es fehlten die Spiele. Oder zumindest irgendwelche, die interessant waren.

Bis auf sehr spezielle, nur für Japan geeignete Produkte, gab es fast keinen Titel, den ich nicht schon auf der gamescom oder einem vorigen Event spielen konnte. Viele waren sogar schon seit Wochen im Handel erhältlich. Square Enix hatte anscheinend keine Lust, irgendwas zu zeigen und demonstrierte am eigenen Stand ausschließlich Trailer. Und bis auf zwei Titel waren alle bereits erschienen.

Das Thema an den Ständen war definitiv Drachen.

Trotz der langen Wartezeiten hatte ich vor dem Ende des ersten Tages alle interessanten Sachen angespielt. Selbst die Halle mit den Verkaufsständen fühlte sich leer und kalt an. Die wenigen Stände, die es gab, zeigten dabei noch weniger Figuren als die Aussteller in den Haupthallen selbst. Und wenn eine CD mit elf Mega-Man Songs aus den 80ern 30 Euro kostet, braucht man sich über wenig Interesse der Käufer nicht zu wundern.

Die restliche Zeit verbrachte ich an den Ständen der Mobile-Games-Hersteller, die knapp 70 Prozent (http://kotaku.com/5945413/over-70-of-the-games-at-the-tokyo-game-show-are-for-phones-and-tablets) der Tokyo Game Show ausmachten. Unter den Hunderten Pokemon-, Angry-Birds-, oder Dragon-Quest-Klonen, gab es nur selten einen Ausreißer, der geringfügigen Spaß vermittelte. Der ehemalige Hauptfokus der Messe wurde an die Seite gekehrt, um Platz für Handy-, Tablet- sowie Free-2-Play-Spiele zu machen, deren Qualität zum Großteil quasi nicht vorhanden war.

Letztendlich habe ich ein paar überaus interessante Spiele gesehen und auch die für mich nervigen Erlebnisse mit dem Standpersonal bleiben mir zumindest als interessante Geschichten erhalten. Doch wenn ich nach wenigen Stunden gelangweilt durch die Hallen trotte, um von allen Seiten mit langweiligen Mobile-Spielen beschallt zu werden, geht sämtliche Magie verloren.

Stellt euch vor, ihr würdet als Kind nach Jahren des Bettelns endlich zum Disneyland reisen, nur um festzustellen, dass die meisten Attraktionen abgerissen wurden und an ihrem Platz das gleiche Karussell in 30 verschiedenen Farben steht. Die großen Achterbahnen und vereinzelten Shows bereiten euch weiterhin Freude, doch die schlussendliche Erfahrung, die euch Besucher aus früheren Tagen schmackhaft redeten, ist fast komplett verflogen. In ihrem jetzigen Zustand ist die Tokyo Game Show kaum eine Reise wert.

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Björn Balg

Freier Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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