Wenn du auf einen Link klickst und etwas kaufst, können wir eine kleine Provision erhalten. Zu unseren Richtlinien.

Vampire: The Masquerade - Swansong Test: So muss World of Darkness sein!

Zwischen toten Gesichtern und lebendiger Story
Eurogamer.de - Empfehlenswert Badge
Swansong trifft wie ein Pflock mitten in mein Vampirherz und fühlt sich ganz nach World of Darkness an - Die Gesichter wirken aber teils zu (un)tot.

Die Vampire waren jahrelang verflucht und damit meine ich nicht diesen läppischen Durst nach Blut. Vielmehr hat es in letzter Zeit einfach kein Spiel geschafft, die Word of Darkness angemessen und stimmig rüberzubringen. Zuletzt gab es primär Anti-Perlen wie das hakelige Werewolf: The Apocalypse Earthblood oder zuletzt das Battle-Royale Bloodhunt, das auch "Vampire: The Masquerade - Wir pfeifen auf Maskerade" hätte heißen können.

Wo war die "Darkness" in der Welt der Dunkelheit? Damit meine ich nicht Hinterhofgeprügel mit einem laufenden Teilzeit-Flokati oder Blutvergießen in Multiplayer-Battles, sondern die Dunkelheit im Kopf, die Zerrissenheit der Vampire, die das Rollenspiel so ausmacht.

Vampire: The Masquerade - Swansong von Big Bad Wolf Studio, will nun genau auf das setzen: Dichte Atmosphäre, beklemmende Plotelemente und traumatische Unlebensgeschichten der Figuren. Eben das braucht ein Masquerade-Spiel, um den Vampiren endlich mal wieder gerecht zu werden. Aber geht es in Swansong auf?

Emems Charakter-Design in Vampire: The Masquerade - Swansong wäre bestechend schön, nur hat sie leider kaum Mimik..

"Wir zerreißen alles, was wir berühren"

Die Vampire sind einige der mächtigsten Wesen in dieser Welt und doch sitzt ihnen die Furcht in den kalten Knochen, denn in der Blutsauger-Hochburg Boston herrscht Ausnahmezustand. Irgendetwas ist auf einer dekadenten Vampir-Party schiefgelaufen und es gab ein Blutbad. Kein Wellness-Wochenende für Untote, sondern ein echtes Massaker.

Hazel Iversen, die Vampir-Fürstin von Boston schickt deshalb drei ihrer nachtaktiven Untergebenen: "Mr. ASMR" Galeb Bazory vom Clan Ventrue, die zerrüttete Seherin Leysha von Clan Malkav und die Nachtclubbesitzerin Emem vom Clan Toreador. Diese drei sollen sich nicht nur um den Zwischenfall kümmern, sondern auch möglichen Verrat in den eigenen Reihen aufdecken.

Besonders unterhaltsam sind neben dem Hauptplot die herrlich vielseitigen Figuren der Vampirgesellschaft von der heißen Verführerin über den martialischen Bodyguard bis hin zum halb verwesten Security-Manager im IT-Keller. Die Zwiespältigkeit der Blutsauger zwischen Mensch und Monster ist dabei nicht nur ein roter Faden in der World-of-Darkness-Franchise, sondern auch ein Hauptelement von Swansong.

Vampire: The Masquerade - Swansong bekommt die gruseligen Gesichter besser hin als die hübschen, denn Mr. Leto vom Clan der Nosferatu hier kann sich an Sachen Details sehen lassen.

Als Fan der Rollenspiel-Welt war ich unmittelbar hineingerissen, denn die Atmosphäre im Spiel fühlt sich einfach genau so an, wie ich mir das Masquerade-Universum vorgestellt hatte und da konnten mich auch die teils Mimik-armen Wachsgesichter nicht herausreißen. Die Stimmung der strengen Vampir-Gesellschaft ist in Swansong so gut eingefangen, dass es sich für mich teilweise wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten anfühlte, obwohl das Videospiel brandneu ist.

Anders dürfte der Einstieg in Swansong für Neulinge in der Vampire-Welt sein. Das Spiel geizt nämlich nicht mit Fachbegriffen und viel von seinem Zauber beruht für mich auf der Tiefe der Lore. Es gibt auch einen ausgiebigen Kodex, der viele Begriffe noch einmal gut erklärt, da muss man sich aber erst einmal reinfuchsen.

Apropos viel Text: Auch wenn es angeblich einen Skip-Knopf im Steuerungsmenü gibt, ist der wohl nur zur Zierde. Ich habe bisher noch keinen einzigen Dialog entdeckt, den ich skippen durfte. Im unteren Eck des Spiels war jedes Mal ein Sperrzeichen zu sehen und das sogar, wenn man eine Episode zum zweiten Mal versuchen will und alles schon kennt.

Ob das ein Bug ist oder ein unglückliches Feature, das mich zu einer guten Zuhörerin erziehen soll, weiß ich nicht, aber nervig ist es schon. Es schmälert vor allem den Wiederspielwunsch. Auch wiederkehrende Sequenzen, wie das Trinken von Blut, kann man nicht überspringen.

Triebe statt Hiebe

Vampire: The Masquerade - Swansong bezeichnet sich selbst als Story-RPG, denn das Rollenspiel kommt ganz ohne Kämpfe aus und das ist verdammt gut so.

Zum einen passen viel Psychologie, Ränkespiele und Stealth besser zur World of Darkness, zum anderen hätte das Spiel sonst den Story-Fokus verlieren können zugunsten eines schlimmstenfalls halbseidenen Kampfsystems. Man denke zum Beispiel an Frogwares, die ihr Deduktions-Abenteuer Sherlock oder Sinking City teils krampfhaft mit Action spicken wollten, was in hakeligen Shooter-Passagen und Quicktime-Feuerwerken endete.

Vampire: The Masquerade - Swansong setzt als Story-RPG ohne Kämpfe ganz auf die Handlung und Dialoge.

Swansong tut also gut daran, das einfach zu lassen. Reaktion ist nur beim Bluttrinken gefragt, da muss man aber nur einen Knopf loslassen, was ziemlich einfach ist - kein Quicktime-Frust, aber auch ein wenig unnötig, diese Mechanik. Auch knappe Entscheidungen geben euch im Spiel zum Glück zumindest genug Zeit, sie überhaupt zu treffen. Man denke da an Wolf Among Us und Co., wo die Entscheidungszeit meist nicht mal reichte, um die Optionen überhaupt zu lesen.

Die RPG-Elemente lassen euch die drei Hauptcharaktere mit Skills ausstatten, die dann in konfrontativen Dialogen oder bei der Ermittlungsarbeit nützlich sind. Typisch Vampir habt ihr dann die Wahl, die Aufträge der Fürstin brav abzuschließen oder fiese Pläne gegen andere Vampire zu schmieden.

Das Vampir-Baby von Sherlock Holmes und Agent 47

Swansong ist nicht nur Story-RPG, sondern auch ein übernatürliches Detektivspiel, das auch ohne halbseidene Action oder Open World um jeden Preis ein spannendes Ermittlungsgefühl erzeugen kann.

In einzelnen Episoden bewegen sich die drei festen Hauptfiguren mit bestimmten Aufträgen der Vampir-Fürstin im Gepäck durch urbane Levels von hypermodernen Büroräumen bis hin zu schicken Stadtlofts in Boston, irgendwo zwischen Schlauchlevel und Sandbox.

Leysha vom Clan Malkav wird in Vampire: The Masquerade von einem Charakter begleitet, der die Geister scheiden wird: ihrer Vampirtochter mit Zöpfchen und Lipsel-Stimme.

Die Erkundung erinnert dabei ein wenig an Spiele wie Hitman 3: Zum Teil könnt ihr frei durch die Level streifen, an anderen Stellen, müsst ihr Rätsel lösen, um neue Türen zu öffnen. Dabei hat die Umgebung jede Menge nette Details fürs Auge, um eine dichte, lebendige Atmosphäre zu erzeugen - sofern eine Vampir-Welt denn "lebendig" sein kann. An ordentlich Blut und Gore mangelt es nämlich auch nicht. Die Levels von Swansong bestechen optisch jedenfalls mehr, als die steifen Gesichter.

Mit verschiedenen Talenten und Vampir-Fähigkeiten ausgestattet, müsst ihr mal klassisch einen Tatort untersuchen, aber auch Artgenossen aus einem Gefahrengebiet schmuggeln, Dokumente an euch zu bringen, Vampire wie Menschen ausspionieren und Auftragskiller spielen. Die verschiedenen Aktionen im Spiel hätten dabei etwas mehr Vielfalt vertragen können, wurden mir im Rahmen der Story, aber nicht langweilig: Ich wollte einfach unbedingt die nächsten Hinweise enthüllen, um mehr zu erfahren.

Lösungsansätze und Vorgehen wählt ihr selbst irgendwo auf einer Skala zwischen Meisterdieb und Leeroy Jenkins, was zu unterschiedlichen Ergebnissen führen kann. Eure Entscheidungen haben nämlich echten Einfluss auf die Story, auch wenn die Handlungsstränge nicht immer perfekt forterzählt sind. Manchmal fragt man sich schon "was wurde eigentlich aus Thema XY?" oder "hab ich jetzt für meine dumme Aktion nicht mal Ärger bekommen?"

Diese ungleiche Gruppe an untoten Geheimagenten aus Galeb, Emem und Leysha stattet man in Vampire: The Masquerade mit verschiedenen Fähigkeiten aus.

Zumindest schafft es Swansong aber, einem das Gefühl zu geben, dass Entscheidungen bedeutend sind - das reicht für die bestürzten "Was hab ich nur getan?"-Momente.

Vampire: The Masquerade - Swansong Test-Fazit

Vampire: The Masquerade - Swansong ist optisch mit Sicherheit nicht perfekt, denn den Gesichtern fehlt es an Leben und nicht nur, weil es Untote sind. Auch in Sachen entscheidungsbasierter Story wäre noch Luft nach oben gewesen, manche Wendungen und Konsequenzen im Spiel etwas stimmiger auszuerzählen. Besonders wenn der Tiefgang über die “Wir sind alle Monster”-Schablone hinausgeht. Die meisten Passagen, die vor allem auf Ermittlung, Spionage und den Thriller-Aspekt des Spiels ausgelegt sind, reißen einen dagegen völlig mit.

Swansong kann die Welt der Maskerade mal wieder in einem Videospiel zum Unleben erwecken, wie sie gehört: düster, divers und bisweilen mit Tiefgang, teils aber auch stark auf “Lore-Fachwissen” ausgelegt. Das Zusammenspiel zwischen RPG-Elementen und Story hätte noch mehr Gameplay-Abwechslung bieten können, konzentrieren sich aber genau auf das, was das Tischrollenspiel auch ausmachen sollte: Diplomatie, Beziehungen zwischen den Vampiren, schwierige Entscheidungen und verschiedene Lösungswege. Swansong schöpft das Potenzial nicht an allen Ecken aus, ist aber trotzdem Spannung pur, bei der man einfach nicht aufhören kann, zu spielen. Ich habe wohl Blut geleckt.


Vampire: The Masquerade - Swansong gibt es ab dem 19.05. für PC, Playstation, Xbox und Nintendo Switch für ca. 50 Euro (zum Beispiel im Epic Games Store).

In unserer Test-Philosophie findest du mehr darüber, wie wir testen.

Über den Autor

Judith Carl Avatar

Judith Carl

News-Redakteurin

Judith Carl ist Volontärin für News und Social Media bei Eurogamer.de. Judith hat Medienwissenschaften studiert. Sie streamt begeistert am liebsten Rollenspiele und Adventure Games auf Twitch. Ihre weiteren Leidenschaften sind LARP, Pen and Paper, und Trash-Filme.

Kommentare