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Yakuza 4

Schmerzhafte Momente

Japan ist anders, das weiß jeder, der sich schon länger und intensiver mit Videogames auseinandersetzte. Das ist aber nur ein Hauch der Verrücktheit – alles eine Frage der Perspektive, ich weiß –, die einem in Japan begegnet. Aber vertragen wir nicht die Wahrheit über 80 Millionen Leute auf der anderen Seite der Welt? Warum zeigen sie uns nicht alles, was in Yakuza 3 drin ist? Was haben sie zu verbergen?

Yakuza 4 gibt es uns diesmal ungefiltert, vielleicht sollte es damals ja ein ruhiger Einstieg in den Abstieg in die Untiefen von Nippons Unterwelt werden. Jetzt gibt es all die ungefilterte Härte. Fischen, Golfspielen, Tischtennis und... KARAOKE! Wahrlich, eine verruchte Kultur, dieses Inselvolk. Oh, und natürlich sind da noch Sex und Gewalt. Hätte ich fast vergessen. Auch die kriegen wir ungefiltert. Endlich bekommen auch die Normalerverdiener unter uns mal Luxus-Hostessenbars in anderen Ländern zu sehen.

Aber darum geht es in der Yakuza-Reihe nicht. Oder nicht nur. Diese Serie zeichnet eine Art überzeichnetes Sittengemälde der 90er Jahre, als die Mafia in selektiver Wahrnehmung ehrenhaft und cool war, natürlich mit einem Hang zu Glamour, Drama, Verlust, Tattoos und Sonnenbrillen.

Autsch?

Ich verweise an A Better Tomorrow oder den Anime Crying Freeman – wurde der eigentlich nach drei Folgen extrem seltsam oder empfand nur ich das damals so? Alles vor einem möglichst realen und doch frei erfundenen Hintergrund, der sich zwar Kamurocho nennt, aber eigentlich den Namen seines offensichtlichen Vorbilds, Kabukichō, tragen sollte.

Hier wie da gibt es an Yakuzas keinen Mangel – oder zumindest war das mal so, nachdem jetzt im realen Kabukichō langsam aufgeräumt wird – und jeder, der dem wiederkehrenden Helden und Ex-Yakuza Kazuma Kiryu zu nahe kommt, fängt sich eine. Oder mehrere. Oder findet sein Rückgrat in einem Winkel verbogen, der eigentlich dem chinesischen Zirkus vorbehalten ein sollte. Kampf Mano a Mano gehört zu den häufigsten Events und es war der Aspekt, der auf der Präsentation auch am ausführlichsten gezeigt wurde. Kazuma wurde jedoch nicht gespielt.

Drei neue Figuren teilen sich die Geschichte mit ihm. Ein Undercover-Cop, ein Kredithai und ein Yakuza-Knasti. Die Geschichte dieser Vier wird sich zu einem Ganzen verweben, aber wie sie zueinander stehen, ob sie zusammenarbeiten oder man verschiedene Perspektiven einer Geschichte erlebt, dazu wurde praktisch noch nichts verraten.

Persönliche kleine Mini-Games und Boni bekommt auf jeden Fall jeder der Vier. Der Kreditvermittler kann sich bei anderen Händlern Freunde kaufen, die ihn in Kämpfen zur Seite stehen oder sich in seinem Nachtclub als Super-Pimp etablieren – was diesmal nicht geschnitten werden soll. Der Knastbruder trainiert den perfekten Straßenkämpfer, während der Cop reinkommende Polizeifunkeinsätze abarbeitet. Und Kazuma verprügelt jede Gang in der Stadt. Nacheinander. Trotzdem ballsy.

Der Kampf selbst bleibt in diesen Nebenmissionen wieder das dominierende Motiv der Serie und so ist es sicher nicht schlecht, dass man nochmal an der ja zuvor schon nicht schlechten, nur mitunter etwas trägen und vielleicht zu nostalgischen Engine schraubte. Der erste Eindruck nach einer etwas zu kurzen Anspielzeit geht in die Richtung von deutlichen Fortschritten, die noch genauer ergründet werden müssen. Es spielt sich insgesamt deutlich flüssiger, Moves gehen besser ineinander über und gerade der Kampf gegen eine Gruppe lässt sich trotz einiger immer noch fehlgeleiteter Kameraperspektiven deutlich besser handhaben. Die Special-Moves basieren eher auf Timing als auf Kombos, was diesem Spiel glaube ich nicht einmal schlecht steht.

Und sie sind brutal. Erstaunlich brutal für ein Game, das nicht mal viel Blut zeigt und in dem alle Körperteile bleiben, wo sie hingehören. Aber die Knochenbrecher-Sounds plus Schläge und Tritte mit garantierten Sympathie-Schmerzen beim schieren Zugucken erzeugen genau dieses Over-the-top-Action-Flair von Hong Kongs 90ern – gab es solche Streifen eigentlich auch aus Japan? Bin in diesem Land, was das angeht, etwas unbewandert. So oder so, Yakuza 4 läuft grafisch in diesen Fights sicher nicht zur Hochform auf, so wie es das Spiel eh selten tut, aber die Dynamik passt. Dazu kommt noch eine verbesserte Run&Fight-Umsetzung. Ob man vor einer Übermacht flüchtet oder zur Verfolgung ansetzt, das Tempo zieht deutlich an, Schläge lassen sich auch schon mal en passant austeilen und der Finger für das nächste QTE sollte nicht zu sehr zur Ruhe kommen. Yakuza liebte diese Unsitte schon immer und will davon auch nicht lassen. Aber irgendwie gehört es ja auch dazu.

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Martin Woger

Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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