Jagged Alliance: Back in Action - Test

Remake mit Schwächen

Jagged Alliance... das ist ein großer Name. Ein Name, der vor allem unter den altgedienten Spielern überwiegend schöne Erinnerungen weckt. Dabei ist es Jagged Alliance 2, das als bester Teil der Reihe zählt und der der Neuauflage Back in Action größtenteils als Vorbild dient. Also zweifellos keine einfache Aufgabe, vor der das deutsche Entwicklerstudio Coreplay (Ion Assault) hier stand.

Wie gesagt, orientiert man sich überwiegend am Vorbild, was beispielsweise auch die Ausgangssituation des Spiels zeigt. Schauplatz ist wieder die Insel Arulco, auf der die Diktatorin Deidranna Reitman herrscht und ihr Volk unterdrückt. Ihr werdet angeheuert und sollt Söldnertrupps zusammenstellen, um den Inselstaat in die Freiheit zu führen. Das ist im Grunde auch das Wichtigste, das ihr über die Geschichte des Spiels wissen müsst.

So weit, so gut also. Und es ist längst nicht die einzige Übereinstimmung. Arulco ist relativ groß und bis ihr es vollends befreit habt, müsst ihr diverse Sektoren unter eure Kontrolle bringen. Dazu scheucht ihr eure Trupps über die 2D-Übersichtskarte von einem Ziel zum nächsten, nehmt diverse Aufträge an, die euch weiter durch das Land führen und begebt euch schließlich in die zweckmäßig aussehenden 3D-Gefechte. Hier zeigt sich dann auch der größte Unterschied gegenüber den Klassikern, denn Jagged Alliance: Back in Action ist kein Rundenstrategiespiel. Standardmäßig läuft hier alles in Echtzeit ab, allerdings könnt ihr das auf den Namen "Plan & Go" getaufte Kampfsystem nutzen, um eure Aktionen Schritt für Schritt zu planen.

Einfach die Leertaste drücken und das Geschehen wird pausiert. Nun wählt ihr für jeden einzelnen Söldner die gewünschten Aktionen, die dann nach Wiederaufnahme des Spiels auch prompt in der festgelegten Reihenfolge ausgeführt werden. Dadurch lasst ihr einen eurer Kämpfer beispielsweise erst mal still und heimlich nach vorne kriechen, um dann unentdeckt eine Granate zu werfen, bevor er anschließend die Beine in die Hand nimmt und hinter seine Deckung zurück sprintet. Oder was auch immer ihr so vorhabt.

Das funktioniert auch überwiegend sehr gut, wobei ihr in diesem Modus allerdings jeden einzelnen Schuss vorausplanen müsst. Nur wenn ihr im Echtzeit-Modus einen Gegner anklickt, feuert euer Söldner automatisch weiter, ohne nach zwei, drei, vier oder X Schüssen wieder aufzuhören. Bei einem Ziel, das sich bewegt, bestimmte Körperteile ins Visier zu nehmen, gerät im normalen Ablauf manchmal zur Fummelei. Leichter gestaltet sich die Planung dadurch, dass es a) keinen Fog of War gibt und b) sämtliche Feinde schon zu Beginn und auch während eines gesamten Einsatzes stets sichtbar sind. Wie gesagt, vereinfacht das die Planung und hilft euch dabei, den bestmöglichen Weg zu finden, aber dann wiederum mangelt es dadurch auch an echten Überraschungen.

Obendrein macht es einem die KI der Gegner nicht immer wirklich leicht. Sie reagiert zwar immer mal wieder nachvollziehbar, hat aber auch ihre Aussetzer. Anstatt taktisch klug vorzugehen, kommt dann beispielsweise ein ganzer Trupp Söldner angerannt und bleibt fröhlich in eurer Schusslinie stehen, während man auf euch feuert. Zugegeben, je nach Art ihrer Bewaffnung und Panzerung ist auch das recht effektiv, aber dennoch machen sie sich dadurch schlicht zur einfachen Zielscheibe. Andernorts bleibt der eine oder andere Kämpfer einfach mal bei Beschuss stehen und rührt sich gar nicht oder sitzt stur in einem Haus rum, obwohl ein paar Meter weiter draußen die Kollegen sterben. Kein Totalausfall, aber doch schon mit spürbaren Macken. In Acht nehmen solltet ihr euch übrigens vor Feinden mit Nahkampfwaffen, denn wenn diese nah an euch ran kommen, sind sie äußerst tödliche Widersacher und hauen einen Söldner mit wenigen Treffern von den Beinen.

Eure Söldner, die ihr mit genügend Kleingeld nach und nach rekrutieren könnt, haben diverse Werte, die ihre Fähigkeiten in den verschiedensten Bereichen bestimmen. Mit hohem Mechanik-Wert repariert euer Kämpfer zuverlässig Waffen, Sanitäter sollten logischerweise über einen hohen Medizin-Wert und Scharfschützen über eine hohe Treffsicherheit verfügen. Die einzelnen Werte sind allerdings nicht mehr so gewichtig, wie das vielleicht noch damals in den Klassikern der Fall war, weswegen euch auch Söldner mit eher mittelmäßigen Werten und gutem Equipment schon hilfreiche Dienste leisten.

Mit jedem Abschuss beziehungsweise verschiedenen Aktionen verdienen sich die Recken dabei Erfahrungspunkte, mit denen ihr sie nach und nach verbessern könnt. Anstatt die einzelnen Talente jedoch durch entsprechende Aktionen gezielt zu verbessern, vergrößert sich vielmehr der gesamte Erfahrungsschatz und mit jedem neuen Levelaufstieg verteilt ihr sieben Talentpunkte in die Bereiche eurer Wahl.

Eine weitere wichtige Rolle für den Erfolg spielt eure Ausrüstung. Es gibt mehr als 50 verschiedene Waffentypen, darunter Messer, Macheten, Pistolen, Schrotflinten, Maschinengewehre und so weiter und so fort. Zusätzlich natürlich passende Munitionsarten, Kleidung, Panzerung, Granaten und so einiges mehr. Die Ausstattung bekommt ihr einerseits über Bestellungen via Online-Shop, die dann über den Flughafen eingeflogen werden, andererseits lootet ihr haufenweise Zeugs von getöteten Gegnern oder findet es in der Umgebung.

In der Theorie klingt das gut, in der Praxis zeigen sich aber besonders im Hinblick auf diesen Bereich diverse Komfortmängel, die einem das Söldnerleben wesentlich schwieriger machen. Ihr müsst etwa sämtlichen Loot in einem Level von Hand einsammeln - in jedem Haus, bei jeder Leiche, in jeder Ecke. Viel praktischer, zeitsparender und weniger nervig wäre es, wenn das Spiel nach erfolgreichem Abschluss alles automatisch zusammentragen würde. Ähnliches gilt dann auch für die Verteilung der Beute. Anstatt in einem einzigen Übersichtsfenster alles bequem in der gesamten Gruppe regeln zu können, müsst ihr den Tausch von einem Söldner zum nächsten arrangieren oder die Beute gleich mit dem passenden Kollegen aufnehmen. Auch das kostet unnötig Zeit und strapaziert auf Dauer die Nerven.

Jagged Alliance: Back in Action - Gameplay-Trailer

Und wo wir schon dabei sind: Um Waffen und Ausrüstung an lokale Milizen zu verteilen, müsst ihr jeden einzelnen der Kämpfer in einem Sektor gezielt aufsuchen, um ihm die jeweiligen Objekte persönlich in die Hand zu drücken. Auch hier die Frage: Warum denn bitte kein einfaches, komfortabel zu verwaltendes Übersichtsfenster direkt auf der Inselkarte? So macht man es nur unnötig kompliziert und umständlich, wodurch die Rennerei irgendwann zur lästigen Pflichtaufgabe wird, was auch für die Gegenangriffe von Deidrannas Truppen auf eure Stellungen gilt. Grundsätzlich eine nette Idee, aber wenn man dann wiederholt eine Mine, eine Wasserpumpe oder eine andere Stellung zurückerobern muss, verkommt auch das irgendwann zur langweiligen, sich wiederholenden Pflicht.

Umständlich geraten ist weiterhin die Versorgung aus der Luft. Die Ware wird zwar bequem zum Flughafen geschafft, aber abholen müsst ihr sie schon selbst. Möglichkeiten zum Transport zu Söldnergruppen gibt es nicht, außer ihr lasst sie wieder zurücklaufen oder hebt euch einen rekrutierten Kämpfer als Laufburschen auf. Und wenn ihr gleich die ganze Gruppe zurückschickt, kann es sein, dass eben in der Zwischenzeit mal wieder eine eroberte Stellung an den Feind zurückfällt... Sagen wir es so: In Sachen Komfort ist das Spiel nicht das Gelbe vom Ei.

Was bleibt, ist ein Produkt, das durchaus Spaß macht, wenn man sich an die Komfortprobleme gewöhnen oder über sie hinwegsehen kann. Auch die Kämpfe funktionieren überwiegend gut und sind gleichermaßen das Herzstück des Spiels, von einigen Schwierigkeiten bei der Künstlichen Intelligenz der Gegner mal abgesehen. Man freut sich über erfolgreich ausgeführte Aktionen und Einsätze, ärgert sich über dumme Fehler, getötete Söldner und will die möglichst beste Methode austüfteln. Das motiviert auf Dauer und ist ein gewisser Ansporn, auch wenn man bestimmte Sektoren aufgrund der Rückeroberungen irgendwann in und auswendig kennt.

Und sonst? Das Land ist groß, es gibt viele, wenn auch wenig abwechslungsreiche Missionen und entsprechend werdet ihr eine ganze Zeit lang beschäftigt sein, wenn ihr in Jagged Alliance: Back in Action alles sehen, alles befreien wollt. Es ist ein zwar kein Traumurlaub, aber ein gelungenes Abenteuer. Ein gelungenes Abenteuer, das noch eine Menge Luft nach oben hat, für Taktik-Fans aber durchaus einen Blick wert ist.

7 / 10

Jagged Alliance: Back in Action ist für den PC erhältlich.

Unsere Wertungsphilosophie Jagged Alliance: Back in Action - Test Benjamin Jakobs Remake mit Schwächen 2012-02-16T09:00:00+01:00 7 10

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